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Kill Your Friends (2015)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 28.03.2016, seitdem 283 Mal gelesen



Musik ist eine feine Sache. Wirklich jeder mag sie. Wer mag schon keine Musik? Der Genuss wohlklingender Klangkulissen der Sache wegen und damit fernab von BalzgesĂ€ngen oder Warngetriller ist eben typisch menschlich. Ebenso gattungsspezifisch ist es, daran verdienen zu wollen. Dabei lĂ€sst sich erfahrungsgemĂ€ĂŸ viel Kohle machen, wenn man die QualitĂ€t eines Produkts senkt, um den Gewinn zu erhöhen. Will man den Reibach allerdings maximieren, muss es gelingen, wertminimierte Wegwerfprodukte zu verkaufen, nach denen es einer großen Masse von Menschen verlangt. Und damit sind wir schon bei den „Spice Girls" angelangt. Und im Jahre 1997, das diesem bitterbösen Generalangriff auf die Musikindustrie als zeitliches Setting dient.

Der A&R Verantwortliche Steven Stelfox (Nicholas Hoult) ist ein Headhunter fĂŒr eine britische Plattenfirma. Es ist die Zeit des Brit-Pop in den Charts und Clubs. Steven ist damit beauftragt, neue Talente zu entdecken. Doch allzu ernst nimmt der junge Mann seinen Traum-(Job) nicht, denn die meiste Zeit vertrödelt er damit, sich hemmungslos zu betrinken oder Amphetamine zu schlucken, die ihn zu sexuellen Höchstleistungen befĂ€higen. Eigentlich wird sein Job von seiner SekretĂ€rin erledigt (Georgia King), die im Gegensatz zu ihm eine echte Nase fĂŒr Talente hat. Und doch betrachtet sich Steven als unentbehrlich und meint, der geeignete Kandidat der Chefetage zu sein fĂŒr die anstehende Beförderung zur Nummer zwei der Firma. Doch die RealitĂ€t holt Steven ein, denn ein Kollege (und Freund) bekommt die Stelle. Damit findet sich der eiskalte Karrierist nicht ab und schickt den Konkurrenten ins Jenseits. Doch erneut macht ein anderer das Rennen. Steven gibt nicht auf und erweist sich als wahrer Psychopath darin, seinem Willen Nachdruck zu verleihen.

„Kill your Friends" ist eine Romanverfilmung, deren Drehbuch der Autor der gleichnamigen Vorlage selbst geschrieben hat. Und das merkt man. Denn jeder Spruch wirkt vollendet zurechtgeschliffen, jeder Dialog bereitgelegt und der bisweilen derbe Spaß insgesamt wie aus einem Guss. Und das ist selbst bei als „gelungen" gehandelten Persiflagen im Kino der letzten Jahre recht selten der Fall. Zu viele HĂ€nde scheinen oft die Weichen zu stellen, zu viele Köpfe am kreativen Prozess beteiligt und zu viele Geldgeber mit im Boot zu sitzen, als dass kompromissloses Filmschaffen mit intellektuellem Anspruch und cineastischen Ambitionen ungestört vollendet werden könnte. Doch Regisseur Owen Harris ist jung, unverbraucht und augenscheinlich auf einer WellenlĂ€nge mit Screenwriter John Niven, der hier sozusagen und im wahrsten Sinne des Wortes eine Steilvorlage liefert.

Wenn Steven durch die promiskuitive Glimmer-Welt des Mainstream und der Retortenmusik wandelt und die Gesellschaft allerlei minder- und unbegabter Zöglinge des Business zu erdulden hat (darunter Moritz Bleibtreu), die sich selbst manisch ĂŒberschĂ€tzen und fĂŒr bedeutende KĂŒnstler halten, dann kommentiert er fĂŒr uns in die Kamera oder im Off seine meist nachvollziehbaren Gedanken zum musikalischen Unsinn, den er da vermarktet und der ihn natĂŒrlich nur in finanzieller Hinsicht interessiert. RĂŒcksichtslos berechnend und zynisch dilettiert er sich durch eine Umgebung, die ihm an mangelnder beruflicher ProfessionalitĂ€t in nichts nachsteht und die in ihrem schöpferischen Banausentum, ihrer innewohnenden EindimensionalitĂ€t und ihren gewinnorientierten Zahlenspielen gnadenlos unter die Lupe genommen und dann durch den Kakao gezogen wird.

Die letzte erwĂ€hnenswerte BlĂŒte der britischen Popmusik, die in den Jahrzehnten zuvor immerhin GrĂ¶ĂŸen wie die Beatles, David Bowie und Depeche Mode hervorgebracht hatte, liegt nunmehr beinahe zwei Dekaden zurĂŒck. „Blur", „The Verve" und „Oasis" bestimmten Mitte der 1990er die englischen Charts und bescherten der heute in der Versenkung verschwundenen Musik der Insel ein letztes Mal internationalen Ruhm. Dabei besaßen die Pilzköpfe neuer Bauart bei Weitem nicht mehr die Nachhaltigkeit zuvor genannter KĂŒnstler und wirken rĂŒckblickend in ihrer doch recht spĂŒrbaren Substanzlosigkeit wie ein letztes AufbĂ€umen gegen die bis heute anhaltende Flaute der Jahrtausendwende. Beinahe subversiv, auf jeden Fall nestbeschmutzend gehen Owen Harris und John Niven daran, die nostalgische Erinnerung der Heimat an jene Tage einzutrĂŒben.

„Kill your Friends" ist misanthropisch. Er ist gallig und nachtragend. Wo sich amerikanische BeitrĂ€ge vergleichbarer Natur am Ende um die allgemeine Versöhnung bemĂŒhen und damit ihrer zuvor vorgebrachten Kritik den Biss rauben, bleibt dieser englische Film scharfzĂŒngig und niedertrĂ€chtig bis zum Schluss. Die Kritik an der OberflĂ€chlichkeit jener Szene ist ernst gemeint, verhagelt und weit davon entfernt, sich des lieben Friedens willen um Schönwetter zu bemĂŒhen. Auch sein Humor ist brutal und dabei brutal lustig. Zumindest, wenn man zu der Sorte Filmfreund gehört, der sich neben Geistreichem auch an Grenzwertigem delektiert: „This music ist the biggest insult to humanity since a roomful of Nazis first cooed over the blueprints for Auschwitz."


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