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Neon Demon, The (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 02.08.2016, seitdem 449 Mal gelesen



Fernab des weitestgehend unaufregend-belanglosen cineastischen Mainstreams zu verorten, handelt es sich bei der die visuellen und auditiven Sinne des geneigten Zuschauers fortwährend stimulierenden Genre-Verschmelzung „the Neon Demon“ um den genau zwanzig Jahre nach seinem 1996er Regie-Debüt „Pusher“ erschienen zehnten Spielfilm des dänischen Auteurs Nicolas Winding Refn, dessen düstere Großstadtballade „Drive“ ihm 2011 seinen internationalen Durchbruch (samt vortrefflicher Kritiken und eines achtbaren kommerziellen Erfolgs) bescherte. Sein ebenso gewalttätiges wie sperriges 2013er Nachfolgewerk „Only God forgives“ fand dagegen deutlich weniger Anklang seitens der Presse und des Publikums: Ein schwerer Fall von „Style over Substance“ wurde ihm da vorgeworfen – eine Umschreibung, die (jeweils mehr oder minder stark ausgeprägt) im Grunde jedoch auf die meisten seiner Veröffentlichungen zutrifft, sofern man denn mal ehrlich sein mag. Auch im Vorliegenden ist sich Refn kompromisslos treu geblieben – worauf allein schon das nicht bloß im Rahmen der Titel-Sequenz verwendete Kürzel Schrägstrich Monogramm „NWR“ hinweist...

Ursprünglich war Carey Mulligan für die Hauptrolle des zu jener Zeit noch den Titel „I walk with the Dead“ tragenden Projekts im Gespräch, bevor nach einer Reihe von Veränderungen letztendlich nun die wunderbare Elle Fanning („Super 8“) als zentrale Protagonistin dieser in Los Angeles angesiedelten Geschichte zu sehen ist. Dakota´s bei den Dreharbeiten gerade einmal sechzehnjährige, ihr nicht nur in Sachen Talent in nichts nachstehende Schwester verkörpert hier die genauso jung wie sie selbst daherkommende Jesse, welche (aus Georgia stammend) in die „City of Angels“ reist, um ihren lang gehegten Traum einer Model-Karriere zu verwirklichen. Ihre Eltern sind verstorben, sie ist ambitioniert und hat per Internet den freundlichen, nicht allzu viel älteren Fotographen Dean (Karl Glusman) kennen gelernt, der sie unmittelbar zu Beginn des Films in einer ästhetisch arrangierten, toll zu beäugenden (u.a. das deutsche Kinoplakat zierenden) Pose ablichtet. Im Anschluss daran erhält sie von der Make-Up-Artistin Ruby (Jena Malone) dann sowohl Hilfe dabei, sich abzuschminken, als auch eine spontane Einladung, sie zu einer Art „It-Scene-Gathering“ zu begleiten...

Auf der auserwählten Gästen vorbehaltenen Veranstaltung, deren Verlauf irgendwann in ein eigenwilliges, Bondage-verwandtes Performance-Piece (inklusive flackernder, jeden Epileptiker vermutlich sofort ins Koma befördernder Beleuchtung) einmündet, stellt Ruby ihr die Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) vor, die bereits reichlich Erfahrungen gesammelt haben, ganz unverblümt über Themen wie Sex reden und sie stracks in Gestalt einer Mischung aus provokanter Herablassung und einem ersten Durchblitzen von Verunsicherung betrachten. Zurückhaltend, allerdings gewillt, taucht das Mädel aus der Provinz in diese „erotisch aufgeladene“, ihr bis dato fremde „Welt“ ein – und exakt diese „unschuldige Aura“ (gepaart mit ihrer natürlichen Schönheit) ist es, die sie innerhalb der Branche sogleich so unheimlich begehrt macht. Entsprechend nimmt sie eine angesehene Agentin (Christina Hendricks) auf Anhieb unter Vertrag und eröffnet ihr im Zuge dessen: „I see twenty or thirty girls come in here every day – from small towns, with big dreams. Some girls crack under the pressure. You? You´re going to be great...”

Man empfiehlt ihr, ihr Alter mit 19 anzugeben – da 18 „too on-the-nose“ sei – und bucht ihr prompt ein Shooting bei dem Top-Fotographen Jack (Desmond Harrington), der kurzerhand seine gesamte Crew wegschickt und sich nur ihr allein zuwendet – sich den „jungfräulich“ anmutenden Teenager komplett entkleiden lässt und sie mit goldener Bodypaint einreibt: Eine immense „sexuelle Bedrohlichkeit“ vermittelnde, sozusagen ihre „Feuertaufe“ symbolisierende Szene. Jesse hat „das besondere Etwas“ – oder um es mit Ruby´s Worten auszudrücken: „She has this… thing.“ Ihr Aufstieg in der Fashion-Industrie scheint unaufhaltsam – doch überall um sie herum lauern Neider und „Prädatoren“. Ein Beispiel für einer der letzteren wäre der zwielichtige, sie bedrängende (von Keanu Reeves gemimte) Manager des Motels, in dem sie wohnt – wohingegen Sarah und Gigi hochgradig missgünstig auf sie reagieren, u.a. da sie beide schon über 20 sind und nicht mehr über diesen „unbefleckt-strahlenden Funken“ verfügen. „Who wants sour milk, when you can have fresh meat?“, formuliert es erstere sehr treffend. Das Business ist gnadenlos – und nicht wenige zerbrechen daran…

„the Neon Demon“ erzählt eine klassische, jedem (in ihren Grundzügen) vertraute Story – das jedoch auf eine ebenso ungewöhnliche, unsubtile wie reizvoll mitzuverfolgende Weise, bei der es Refn und seinen Drehbuch-Co-Autorinnen Mary Laws und Polly Stenham deutlich stärker auf das „Wie“ als auf Eigenschaften á la komplex ausgearbeitete Inhalte und Charakterzeichnungen ankam. Allegorisch sowie ins Surreale tendierend, wird sich der „Leere“ der Machenschaften in der gemeinhin mit Assoziationen wie Träume, Glamour, Oberflächlichkeiten, Attraktivität und Fame verknüpften, von meist recht „seichten“, obsessiv aufs Äußere fixierten, nicht selten bloß hohle, gestelzte Phrasen von sich gebenden Personen bevölkerten Westküsten-Metropole gewidmet – eben jener „Stadt der Engel“, die trotz all der artifiziellen Lichter sowie der heißen, hell über ihr leuchtenden kalifornischen Sonne dennoch zugleich eine unverkennbar (gefühls-)kalte, abgründig-düstere Seite besitzt. Dem Werk geht es vorrangig darum, sein Publikum zu verzücken – im übertragenen Sinne in Harmonie mit einer konkret im Verlauf geäußerten Anschauung: „Beauty isn´t everything – it´s the only thing!“

Von den klasse anzusehenden Opening Credits bis hin zu dem geradezu entspannenden, mit Sia´s klangkräftigem Song „Waving Goodbye“ unterlegten Abspann bietet einem der Film eine gewaltige Menge an „Eye Candy“ – welche Cliff Martinez´s („Spring Breakers“) feiner, hypnotisch-pulsierender Elektro-Score zusätzlich (beileibe nicht unerheblich) akzentuiert. Diese in einer farbintensiven, extravagant ausgeleuchteten, perfekt durchkomponierten Hochglanz-Ästhetik „verpackte“ Kombination aus inspiriert gewählten Locations, Erin Benach´s („Lost River“) tollen Outfits und Accessoires, der betörenden Kamera-Arbeit Natasha Braiers („the Rover“) sowie Refn´s fokussierter, auf Atmosphäre bedachter Führung hat ein eigenständiges Ergebnis hervorgebracht, das jedoch diverse augenfällige Einflüsse in sich vereint trägt – unter ihnen die italienischer „Giallos“, der „cineastischen Handschriften“ Dario Argentos, David Lynchs und Alejandro Jodorowskys, Darren Aronofsky´s „Black Swan“, der aus der griechischen Mythologie stammenden „Sage von Narziss“ sowie der sich um Elisabeth Báthory rankenden „Blutgräfin“-Legende…

Im Rahmen der sich entfaltenden Geschehnisse begleitet man Jesse bei ihrer Entwicklung, welche sich von ihrem Einstieg in die anvisierten Kreise bis in eine Phase hinein erstreckt, in der sie sich der ihr zugesprochenen „Macht“ inzwischen wohlbewusst ist: Ihr „unverdorbenes“ Auftreten weicht einem zunehmend selbstsichereren, hochmütigeren, sexuell aufgeladeneren. Diese „Transformation“ vollzieht sich (u.a. zwischen Spiegeln und Dreiecken) während einer „ins Abstrakte abgleitenden“ Runway-Show: Blau wandelt sich zu Rot. Ihrem Aussehen war sie sich von Anfang an gewahr – aber wieviel eigentlich noch? Clevere Berechnung, eine Veränderung ihrer Persönlichkeit – oder doch „nur“ eine märchenhafte Karriere? Was davon ist der Branche zuzuschreiben – und was war ggf. schon immer „in ihr“ verborgen bzw. vorhanden? „You know what my mother used to call me? Dangerous”, berichtet sie Ruby an einer Stelle, „She was right. I am dangerous.” Weitere Einzelheiten dazu erfährt man nicht. Absolut offenkundig ist dagegen, dass Elle Fanning („Twixt“) diese gleichermaßen präzise wie schwierig zu spielende Rolle mit Hingabe und Bravour gemeistert hat…

Auch die übrigen Performances können durch die Bank weg überzeugen: Als netter, Jesse lange unterstützender sowie sie zu schützen versuchender Dean agiert Karl Glusman (aus Gaspar Noé´s „Love“) prima, Desmond Harrington („Wrong Turn“) ist herrlich creepy als Star-Fotograph Jack, Christina Hendricks („Dark Places“) absolviert ein genehmes Cameo, Alessandro Nivola („Face/Off“) sorgt für Amüsement als gelangweilter Designer, den Jesse auf Anhieb in Verzückung versetzt – „She´s a diamond among a sea of glass.” – und als unsympathischer, potentiell gefährlicher Motel-Verwalter Hank weiß selbst Keanu Reeves („Knock Knock“) anstandslos zu gefallen. Nun aber zu Jesse´s zwei Haupt-Konkurrentinnen: Nicht nur von ihrem Blick, Körperbau und ihren Gesichtszügen her ist Abbey Lee („Mad Max: Fury Road“) einfach atemberaubend sowie in etwa genauso stark wie Beauty Bella Heathcote („Dark Shadows“) als ihre Freundin Gigi, welche für ihren Erfolg eine Menge Geld in Schönheits-OPs investiert hat. Entsprechend heftig sticht der Schmerz, als man sie (auf direkter Anfrage hin) mal ausschließlich mit dem Wörtchen „okay“ beschreibt…

Und dann wäre da noch die gewohnt exzellente Jena Malone („the Hunger Games: Catching Fire“) als in Addition zu ihrer Profession im Business nebenbei für einen Bestatter arbeitende, Leichen für ihre Aufbahrungen herrichtende Ruby, die Jesse eingangs „an die Hand nimmt“, ihr fortan einen „Fixpunkt“ bietet sowie auf der Grundlage eigener (nachvollziehbarer) „Antriebe“ agiert. Das anwachsend egozentrische Verhalten Jesses resultiert u.a. darin, dass sich Dean irgendwann von ihr abwendet und sich in ihrem Umfeld Neid, Frustrationen und Aggressionen miteinander zu potenzieren beginnen. Sie ist fest dazu entschlossen, ihren Weg zu gehen – zur Not auch für sich allein – wobei sie im Zuge dessen gewisse „Warnzeichen“ entweder übersieht oder geflissentlich ignoriert: Bspw. bleibt sie trotz ihrer Aufträge, Hank´s Gebaren sowie gar des Eindringens eines Pumas in ihr Zimmer in eben jenem „unsicheren“ Motel in Pasadena wohnen. Erst als eine Minderjährige im Nebenraum vergewaltigt wird, wendet sie sich verängstigt an Ruby und nimmt ihre Einladung an, bei ihr in einer Villa in den Hills unterzukommen, welche sie derzeitig hütet…

Refn ging es nicht um ein zügiges Tempo sowie nur nachrangig um die Erzeugung von Suspense, sondern vielmehr um die Vermittlung spezieller Stimmungen – was ihm u.a. durch die kreierte Bildersprache (samt verschiedener langer, oft dialogloser Einstellungen) gelang. Dass sich die ohnehin nicht gerade komplexe Handlung dabei (primär im Mittelteil) kaum voran bewegt, ist nicht zu leugnen und ließ mich zudem (in der einen oder anderen Beziehung und Form) unweigerlich an Terrence Malick´s „Knight of Cups“ denken. Inhaltlich wie stilistisch mündet das alles letztendlich in einem „auf die Spitze getriebenen“ finalen Akt, der seitens einer einschneidenden Ablehnung sowie erotisierter sapphischer Nekrophilie (bei welcher Realität und Phantasie verschwimmen) eingeleitet wird: „Are we having a party or something?“, fragt Jesse noch, bevor ein regelrechter „Rausch“ aus Missgunst, Verbitterung, Wut, Hass und Gewalt über sie (und den Zuschauer) hereinbricht, der – so wie ja schon das gesamte im Vorfeld Gebotene – ebenfalls zahlreiche in Erinnerung verbleibende, an dieser Stelle aber nicht weiter zu spoilernde Impressionen aufweist…

Fazit: Randvoll mit Augenweiden und sexuellen Motiven, ist Nicolas Winding Refn´s „the Neon Demon“ eine rabenschwarze, treffend besetzte, exquisit in Szene gesetzte surreal-atmosphärisch-satirische „Cautionary Tale“-Arthouse-Horror-Thriller-Groteske, in der es u.a. um Schönheit, Begierden sowie um die Leitgedanken und Dazugehörigen einer „sich selbst zerfleischenden“ Industrie geht: Ein entschleunigt-unterkühltes, polarisierendes, oberflächliches und von daher auch durchaus zwiespältig zu betrachtendes Werk, das einem so schnell nicht aus dem Kopf geht – und das nicht bloß aufgrund der präsentierten Bilder bzw. des in optischer Hinsicht Geleisteten, im Rahmen dessen hier selbst das Erbrochene einer Frau auf einem schneeweißen Teppich eher anregend interessant als abstoßend widerlich ausschaut…

„7 von 10“


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