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Neon Demon, The (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 06.11.2016, seitdem 352 Mal gelesen



Selbstsicher wagt sich Nicolas Winding Refn an eine Demontage der Modebranche, einem Sujet, für das er als Kunstfilmer wie gemacht scheint - und scheitert an ihr. Er greift ausgerechnet zu den drei großen Tabuthemen des Kinos und wirkt berechnend darin, sie alle nacheinander anzuwenden: Sexueller Mißbrauch (in Kombination mit pädophilen Neigungen), Nekrophilie, Kannibalismus. Mit diesen Instrumenten seziert er einen Korpus, der sich nach Öffnung als ausgehöhlt erweist und insofern die Erwartungen beim Anblick der Glitter-Fassade bestätigt. Der titelgebende Dämon greift schließlich über auf das eigene Werk, das so tot wirkt wie kein anderes im Œuvre des Dänen. Refn ist von seinem eigenen Film aufgefressen worden.

Das Scheitern jedoch ist je nach Perspektive wieder anzuzweifeln: Spricht nicht vieles dafür, dass der Akt des Gefressenwerdens die eigentliche Pointe, den eigentlichen Triumph von "The Neon Demon" darstellt? Wieso sollte der Regisseur seine (an die Signatur eines Parfüm- oder Modemonguls erinnernden) Initialen "NWR" selbstverliebt direkt unter die Titeleinblendung setzen, wenn nicht, um ein gewagtes Selbstexperiment zu starten?

Wer kritische Filme über das Modelgeschäft dreht, operiert in der Regel aus einer Perspektive heraus, die sich deutlich von der Branche distanziert. In diesem Fall läuft das anders: Obgleich Refn den höchstmöglichen Kontrast zur gesunden Normalität sucht, um das Absurde zu betonen, erklärt er die unvorstellbarsten Perversionen gleichzeitig zur neuen Normalität. Das beginnt bei verqueren Konversationsnormen unter Models, die in dieser Form auch in der Realität eine durchaus gängige Art der Kommunikation sein dürften (mit der Quintessenz, dass der Körper eine Baustelle sei und jeder Eingriff einen Schritt hin zur Natürlichkeit darstelle), es läuft über die omnipräsenten Anleihen an den Vampirfilm (in etwa auf dem subversiven Niveau des Jarmusch-Films "Only Lovers Left Alive") und endet in den monströsen letzten 20 Minuten mit gellender Überkontrastierung, wenn im hohlen Raum aufgeräumter Perfektion ein kleiner Bildausschnitt plötzlich unpassendes Chaos ausstrahlt, etwa durch eine Lache aus Blut und Gekröse, auf der ein einzelnes Auge thront und blind ins Nirgendwo schielt.

Refn macht sich Mühe, einen Subplot um eine sich bahnende Liebes- und Befreiungsgeschichte aufzubauen (und darin Hollywood-Konventionen zu entsprechen), nur um sie hart abzuwürgen und einfach nicht weiterverfolgen. Die verhinderte Entfaltung eines Happy Ends wird damit rechtfertigt, dass der Dämon längst das Zelluloid selbst befallen hat; wie könnte schließlich Natürlichkeit obsiegen, wo das Ausgangsmaterial selbst bereits verspiegelt ist?

Einzig in der Eröffnungsszene wird so etwas wie Substanz vorgegaukelt. Elle Fanning liegt scheinbar tot auf einem Canapé in ihrer eigenen Blutlache. Ihr regloser Körper wird von schnell wechselnden Lichtern und einem pulsierenden Beat mit künstlichem Leben aufgepumpt, derweil Schnitt und Kamerafahrt gegen die visuell-akustischen Mittel arbeiten und das Tote betonen: Schnelle Wechsel zwischen Totaler und Gesichts-Close-Up erzeugen das gruselige Gefühl, dass die Hauptfigur trotz der Inszeniertheit tatsächlich tot sein könnte, derweil ein steter Zoom-Out sich langsam vom Körper entfernt, ihn sozusagen aufgibt und stattdessen eine leere Halle preisgibt. Dies ist der einzige Moment, in dem Refn eine Distanz zur künstlichen Szenerie hält. Als später irgendwann endgültig die Leinen zu einem gesunden Weltbild gekappt werden, geschieht das mit einem fast lautlosen Geräusch, wie ein stummes Knipsen in einem stillen Raum. Es erzeugt nicht in diesem Moment, aber in der Nachbetrachtung Gänsehaut, wenn man zu realisieren beginnt, was mit diesem Film geschehen ist. Als Begleitung laufen die End Credits, zeigen menschenleere Wüstenpanoramen in ungewohnt melancholischem Licht und lassen das mit Autotunage versehene "Waving Goodbye" von Sia erklingen.

Dergestalt zurückgelassen sieht man sich mit einem Gefühl der Unsicherheit konfrontiert: Bleibt "The Neon Demon" als entlarvender Kommentar zum Modelbusiness zu oberflächlich? Ist er überhaupt als ein ebensolcher Kommentar zu verstehen? Wie geht man damit um, dass seine Bilder ähnlich leer wirken wie die Welt, in der er spielt? Wieviel Camp steckt in den Metaphern frei laufender Pumas, blutsaugender und sich gegenseitig wortwörtlich verschlingender Konkurrentinnen und welchen Wert hat er in der alles entscheidenden Frage: Ist Nicolas Winding Refn sein größter Wurf gelungen oder fällt er seinen tiefsten Fall? Viele Fragezeichen, die als Interpretationsansätze endlosen Freiraum gewähren. Die Leichenstarre entpuppt sich im letzten Moment doch wieder als Fake. Am Ende ist dies Refns lebendigster Film seit "Bronson".


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