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Glorreichen Sieben, Die (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 23.09.2016, seitdem 2250 Mal gelesen



„Magnificent Equalizer - Antoine Fuqua wagt das Klassiker-Duell"

Wer braucht eigentlich ein Remake eines Remakes eines japanischen Schwarz-Weiß-Films? Niemand, möchte man fast reflexartig antworten, aber dann hat man auch noch nicht Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben" gesehen. Denn inmitten all der unzähligen, von der Hollywoodschen Wiederaufbereitungsanlage ausgespuckten Prequels, Sequels und Neuauflagen findet sich doch hin und wieder ein geschmeidiges Stück Zelluloid-Wertarbeit. Das scheint im vorliegenden Fall umso erstaunlicher, da John Sturges Westernklassiker längst einen sakralen Status im Genreolymp der Pferdeopern innehat und eine Neuverfilmung daher nichts weniger als blanke Blasphemie sein kann. Wer will sich schon auf einen Vergleich mit den Kings of Cool Yul Brynner und Steve McQueen einlassen? Schon beim bloßen Gedanken daran dröhnt einem Elmer Bernsteins Evergreen-Titelscore geradezu höhnisch in den Ohren.

Fuqua, der sowohl Original wie Remake verehrt, ist sich der nicht unerheblichen Fallhöhe augenscheinlich voll bewusst gewesen, denn seine Version wärmt nur oberflächlich betrachtet Altbewährtes auf. Wie anno 1960 lässt sich ein buntes Septett schnell ziehender Glücksritter von einer verzweifelten Kleinstadtgemeinde anheuern, die von einem skrupellosen Verbrecherbaron unterdrückt und ausgebeutet wird. Wieder gilt es die hilflosen Bewohner möglichst schnell wehrfähig zu machen, um den bevorstehenden Sturmangriff ihres Peinigers abzuwehren. Der rechnet schließlich „nur" mit sieben Gegnern, die sich trotz aller Expertise keinerlei Illusionen über ihren Himmelfahrtskommando-Status hingeben.  

So weit, so deckungsgleich. Aber unter der spiegelglatten Plagiatsoberfläche hat Fuqua ein paar signifikante Änderungen parat, die seine Version deutlich im Hier und Jetzt verorten. Im Original werden mexikanische Bauern von einer mexikanischen Mörderbande terrorisiert. Die Rettung für die einen und das Gottesgericht für die anderen kommt dann zuvorderst in Gestalt weißer, amerikanischer Revolverhelden. In „Die glorreichen Sieben" 2016 sind die Konstellationen völlig anders. Opfer wie Täter sind allesamt europäischer Abstammung, die Außenseiter finden sich unter den Befreiern. Angeführt von dem Afroamerikaner Sam Chisolm (Denzel Washington), finden sich darunter ein abtrünniger Komantschen-Krieger (Martin Sensmeier als Red Harvest), ein koreanischer Messerexperte (Byung-hun Lee als Billy Rocks),  ein mexikanischer Outlaw (Manuel Garcia-Rulfo als Vasquez), ein französisch-stämmiger Konföderierten-Scharfschütze (Ethan Hawke als Goodnight Robicheaux) und ein Indianer-hassender Fährtenleser (Vincent D´Onofrio als Jack Horne). Lediglich Karten-Trickser und trinkender Frauenheld Josh Farraday (Chris Pratt) würde sich, obwohl Ire, nahtlos in die alte Heldentruppe einfügen.

Die Diversität der Ethnien ist so offenkundig und so stark akzentuiert, dass sie garantiert kein Zufall ist. Gerade weil sie für den Grundplot keinerlei Relevanz hat. Bei aller Banalität der erzählten Rache- und Befreiungsgeschichte - ein Vorwurf mit dem sich auch John Sturges seinerzeit konfrontiert sah - gibt Fuqua hier ganz nebenbei, oder eben auch überdeutlich, je nach Betrachtungsfokus, einen lakonischen Kommentar zur heutigen USA ab (denn historisch akkurat ist diese Zusammenstellung, vor allem hinsichtlich der zu bewältigenden Situation, sicherlich nicht). Gerade in der Unterschiedlichkeit liegt eine besondere Stärke. Eine Unterschiedlichkeit, die angesichts Terror und Migration aktuell mal wieder in Frage gestellt wird.
Das gilt nicht für Frauen in Führungspositionen, der nächste US-Präsident könnte weiblich sein.  Auch hierbei setzt sich Fuqua vom Original ab. Emma Cullen (Haley Bennett) gehört nicht zu den sieben Pistoleros. Aber sie ist es, die die Stadt auf Widerstand-Krawall bürstet und sie anheuert. Auch mit dem Gewehr kann die junge Witwe ausnehmend gut umgehen, eine Fähigkeit die am Ende noch sehr relevant wird.

Unabhängig dieser gesellschaftspolitischen Subtexte - die man auch geflissentlich übersehen bzw. ignorieren kann - ist Fuquas „Maginificent Seven" aber vor allem eins: ein lupenreiner Western im modernen Actiongewand. Ein Gebiet auf dem sich der Regisseur von „Shooter", „Olympus has fallen" und „The Equalizer" bestens auskennt. Besonders im finalen Showdown dreht Fuqua mächtig auf, wenn Bogues (Peter Saarsgard gewohnt schmierig-fies) Mannen in Kompaniestärke über die vermeintlich wehrlose Stadt herfallen und im Bleihagel der bestens präparierten Verteidiger in Stücke geschossen werden. Eine wohltuende Abwechslung zu den sterilen CGI-Schlachten der allgegenwärtigen Superheldenschwemme. Trotz hohen Tempos und schneller Schnitte wirkt alles sehr rhythmisch und übersichtlich, ein bleihaltiges Todesballett ohne Schnörkel oder postmoderne Mätzchen wie Superzeitlupe und suppige Blutfontänen.

Zwischen den ruppigen Actionszenen findet Fuqua immer wieder die Zeit für üppige Panoramabilder der nordamerikanischen Landschaft. Kameramann Mauro Fiore bebildert bereits seinen fünften Fuqua-Film und diese Vertrautheit ist durchaus sichtbar. Sein Auge für opulente Bilderwelten konnte man überdies schon bei Michael Bays „The Island" und James Camerons „Avatar" bewundern. Filmkomponisten-Legende James Horner findet in seinem letzten Score genau die richtigen Klangwelten für Fiores epische Optik, so dass „The Maginificent Seven" mindestens audiovisuell wie aus einem Guss daher kommt.
Alte Bekannte des Regisseurs finden sich auch unter den Darstellern. Ethan Hawke und Denzel Washington sind jeweils bereits zum dritten Mal an Bord (in "Training day" auch schon mal als Team). Vor allem Washington - der häufig mittelprächtige Filme durch sein Mitwirken aufwertet - blüht unter Fuquas Regide förmlich auf. Der wiederum versteht es wie kaum ein anderer Rollen zu kreieren, die für den Star wie geschaffen sind. Ob als völlig korrupter Großstadtbulle in „Training Day", als reaktivierter Spezialagent in „The Equalizer", oder eben jetzt als staatlich sanktionierter Kopfgeldjäger/Friedensrichter in „The Magnificent Seven", stets schafft er fast schon spielerisch ungemein charismatische Leinwandpersonae, die den jeweiligen Filmen ihren unverkennbaren Stempel aufdrücken.      

Auch wenn „Präsenz-Monster" Denzel Washington jede seiner Szenen sofort dominiert, lässt er den Kollegen immer noch genügend Spielraum um selbst Akzente zu setzten. Dass ausgerechnet Co-Star Chris Pratt dies am wenigsten zu nutzen weiß, liegt an der auffälligen Redundanz seiner Rolle. Binnen kürzester Zeit gibt er zum dritten Mal in Folge (nach „Guardians of the Galaxy" und  „Jurassic World") den Sprüche klopfenden Witzbold mit Raubein-Charme. Ethan Hawke macht da erheblich mehr aus dem kleineren Part als psychisch labiler Bürgerkriegsscharfschütze und ist die einzig wirklich ambivalente Figur. Heimlicher Gewinner im Darsteller-Spiel um Platz zwei nach Washington ist aber der Südkoreaner Byun-hun Lee. Als wortkarger Stichwaffen-Virtuose ist er der coolste Glorreiche und spielt durchaus in einer Liga mit seinem Rollen-Pendant James Coburn.

Womit wie wieder bei der leidigen Vergleichbarkeit wären. Sowohl Kurosawas „Die sieben Samurai" (1954) wie auch das wenig später entstandene US-Remake „Die glorreichen Sieben" (1960) haben es in die heiligen Hallen der zeitlosen Filmklassiker geschafft. Antoine Fuquas Neuauflage wird diese Ehre vermutlich nicht zu Teil werden, dennoch hat er ein starkes Stück Western-Kino abgeliefert, das sich dank einer zwar nuancierten, aber gewitzten Neujustierung ohne weiteres aus dem übermächtigen Schatten der Sturges-Version heraus trauen kann. Und Fuqua weiß das. Seinen Film mit den Klängen von Bernsteins ikonischem Titelthema zu beenden, zeugt jedenfalls nicht von mangelndem Selbstbewusstsein. In die Überheblichkeitsfalle tappt er dennoch nie.

Fuqua meistert den schmalen Grad zwischen ehrfürchtiger Verbeugung und mutiger Neuausrichtung gekonnt, nicht nur, aber eben auch, weil er sich mal wieder auf seinen schauspielenden Freund Denzel Washington verlassen kann. Obwohl ebenfalls komplett, also von Hut bis Stiefel, in schwarz gewandet, kommt nicht einmal der Hauch eines Gedankens  an eine billige Yul Brynner-Kopie auf. Das ist echtes Startum, nicht mehr und nicht weniger.
Am Ende reiten nur drei der „Glorreichen Sieben" in die unendlichen Weiten der US-amerikanischen Prärie. Auch dies eine Parallele zum Vorbild. Im Unterschied zu diesem steckt in der Konstellation aber eine Aussage. Es sind diese Kleinigkeiten die Antoine Fuquas Remake zu seiner Daseinsberechtigung verhelfen. Nur für den Fall, dass das Prädikat eines gelungenen Unterhaltungsfilms im modernen Westerngewand nicht genügen sollte.


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