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Star Trek: Beyond (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 23.07.2016, seitdem 1423 Mal gelesen



„Beam me back to the future, Scotty!"

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen ..."

Nicht nur die sogenannten Trekkies - also die Nerdfraktion unter den Star Trek-Anhängern - dürfte bei diesen Zeilen ein wehmütiges Gefühl überkommen, schließlich verbinden auch viele „normale" Erdenbürger ihre TV-Sozialisation mit den bunten Abenteuern von Captain Kirk, Lieutenant Spock und Doc „Pille" McCoy.
J.J. Abrams, die popkulturelle Allzweckwaffe unter den aktuellen Filmemacher-Schwergewichten, hat eine feine Antenne für solch sentimentale Strömungen und sein Reboot der Originalcrew („Star Trek", 2009) - die Next-Generation um Captain Picard setzte das Vermächtnis zwar sehr erfolgreich fort, erreichte aber nie den romantisch verklärten Kultstatus ihrer Vorgänger - war eine gelungene Melange aus Hommage und Neuorientierung. Mit der Fortsetzung („Into Darkness", 2013) schien er den überraschend souverän gewonnenen Kredit aber schon wieder verspielt zu haben, zumindest reagierten viele Trek-Jünger ob der deutlich düstereren Ausrichtung und der etwas zu penetranten Orientierung am Fan-Heiligtum „Der Zorn des Khan" (Star Trek II", 1982) mindestens verschnupft. Auch das Abscheiden am Box Office war gemessen am Budget eher enttäiuschend (1). Abrams Ankündigung, die Regie beim dritten Teil einem Anderen zu überlassen, wurde daher fast schon erleichtert aufgenommen. Die Freude währte allerdings nur wenige Par Sec, denn ausgerechnet Justin Lin - Hausregisseur der prolligen Boliden-Sause „The Fast and Furious" - sollte das Steuer der Enterprise übernehmen.

Die vermeintlich abstruse Wahl entpuppt sich bei näherer Betrachtung aber als durchaus geschickter Schachzug. Nicht nur bezeichnet sich Lin - übrigens im Gegensatz zu seinem Produzenten Abrams - als überzeugten Trekkie seit Kindheitstagen, auch sein Beitrag zur „Fast and Furious"-Serie macht ihn geradezu zur Idealbesetzung für den erhofften und wohl auch anvisierten Retro-Schwenk. Als mit dem nach Asien verlegten dritten Teil „Tokyo Drift" endgültig die Luft aus den Breitreifen schien, riss Lin das Steuer in einem stilsicheren und beherzten Back to the roots-Manöver herum und bewies dabei ein feines Gespür für die Stärken und Besonderheiten des Originals. Und das machte er so gut, dass er das Franchise in nie gekannte Box-Office-Höhen katapultierte und auf inzwischen sieben Teile ausbaute (der achte steht bereits in den Startlöchern).
Um „Star Trek - Beyond" musste einem also keineswegs Bange sein, zumal Strippenzieher Abrams noch ein weiteres As aus dem Ärmel zog: Kein Geringerer als der in wenigen Jahren vom nerdigen Filmfreak zum gefragten Komödienstar aufgestiegene Simon Pegg sollte das Drehbuch schreiben, auch er ein erklärter Fan der ersten TV-Serie. Und der britische „Neu-Scotty" legte sich sogleich mächtig ins Zeug.
Schon in den ersten Minuten wird deutlich, wo die Reise hingeht: Vorwärts in die Vergangenheit und das mit Warp-Geschwindigkeit. Beinahe unmittelbar stellt sich ein wohliges Nostalgie-Gefühl ein, das dann auch über die gesamte Laufzeit anhält. Das gilt vor allem für die Kernmannschaft und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Die ohne viel Worte funktionierende, tiefe Freundschaft zwischen Kirk (Chris Pine) und Spock (Zachary Quinto), die unter Kaskaden von Kabbeleien und Frotzeleien versteckte Zuneigung zwischen Spock und Dr. McCoy (Karl Urban), der immer etwas nervöse aber stets mit genialen Lösungen aufwartende Maschinist Scotty (Simon Pegg) sowie das bedingungslos loyale Steuermann-Duo aus dem Hektiker Mr. Chekov (Anton Yelchin) und dem Ruhepol Mr. Sulu (John Cho).

Die eigentliche Story rückt dabei in den Hintergrund bzw. lässt geschickt Raum für den in den Vorgängerfilmen etwas vernachlässigten Fokus auf die Interaktion der Charaktere. Anders als dort haben Action und Tempo diesmal eine erkennbar dienende Funktion und sind nicht Motor der Erzählung. Das Szenario ist zudem klassischer Trek-Stoff und erinnert in vielerlei Hinsicht an die Ur-Serie. So wird die Enterprise auf einer Hilfsmission in eine Falle gelockt und von einem Schwarm feindlicher Raumschiffe attackiert. Wie Heuschrecken oder Termiten zerfressen sie das Schiff nach und nach bis nur noch die arg ramponierte Untertassensektion auf einem fremden Planeten bruchlandet. Die Crew wird dabei in mehrere Kleingruppen zersprengt, die sich in der feindlichen Umgebung allein durchschlagen müssen.

Pegg und sein Co-Autor Doug Jung stellen diese Konstellationen treffend zusammen und beleben damit Geist und Humor der Ur-Truppe. Kirk schlägt sich mit Chekov und später Sulu durch, Doc McCoy kämpft ausgerechnet mit seinem „Intimus" Spock ums Überleben und der körperlichen Auseinandersetzungen zutiefst abgeneigte Scotty trifft auf die geheimnisvolle Kampfamazone Jaylah. Pegg würzt diese brisanten Teams mit einer gehörigen Brise Humor und gibt ihnen zudem ausreichend Zeit zur Entfaltung. Das gibt den Darstellern reichlich Gelegenheiten, das in den Vorgängern oft etwas oberflächlich und gehetzt gezimmerte Profil ordentlich zu schärfen. Vor allem Chris Pine und Karl Urban nutzen diese Steilvorlage ausgiebig und verschmelzen geradezu mit ihren ikonischen Vorbildern William Shatner und De Forest Kelly. Dazu bekommen Anton Yelchin (Chekov) und John Cho (Sulu) endlich einmal die Chance über bloße Sidekicks hinaus zu kommen und ihren Figuren mehr Tiefenschärfe zu verpassen. Ein wenig vernachlässigt wird diesmal nur Joe Saldana als Uhura, was aber zu verschmerzen ist, das sie beim Reboot-Startschuss stärker im Mittelpunkt stand.
Neben der gleichermaßen liebevollen wie konzentrierten Figurenzeichnung sorgen aber auch Ausstattung, Setting sowie verhandelte Themen für ein heimeliges Star Trek-Feeling. Der felsige Planet Altamid erinnert nicht nur einmal an die Papp- und Styroporkulissen der Ur-Serie ohne allerdings den seinerzeit trashigen Charme über zu strapazieren. Dazu halten auch die traditionellen drei knalligen Uniformfarben (gelb, rot und blau) wieder deutlich Einzug, wie auch die gesamte Farbgebung auffallend kräftiger akzentuiert daher kommt wie in den verwaschener wirkenden Vorgängern. Komplettiert wird der unverkennbare Retro-Touch durch wieder klar in den Vordergrund gerückte Trek-Topoi wie Freundschaft, Zusammenhalt, friedliche Koexistenz und liberale Lebensart. Manches (wie Sulus Ehemann mitsamt Kind) wird ganz nebenbei und subtil untergemischt, anderes wiederum breit aber dennoch feinfühlig ausgestellt (wie die für Kirks Selbstverständnis so zentrale Freundschaft zu Spock und McCoy).

Bei so viel gelungener Konzentration auf die Kern-Crew läuft der Antagonist ein wenig nebenher, zumal Idris Elba unter seiner Alien-Maske wenig Möglichkeiten hat, sein reichlich vorhandenes Charisma auszuspielen. Das ist zusätzlich schade, da der vermeintlich schnöde Eroberer Krall eine interessante Hintergrundgeschichte aufweist, die im krachigen Finale nicht konsequent auserzählt wird. Angesichts dessen furioser Inszenierung ist aber auch das letztlich zu verschmerzen.
Justin Lin hat bei aller Fokussierung auf Figuren und Retro-Style keineswegs vergessen, dass er einen hoch budgetierten ($ 150 Millionen) Sommerblockbuster zu stemmen hat mit entsprechender Spektakel-Verpflichtung. Schon der mindestens 10-minütige Angriff von Kralls Killerschwarm auf die Enterprise ist ein nägelkauender Actionhöhepunkt. Getoppt nur noch durch Kralls finale Attacke auf die gigantische Raumstation Yorktown, bei der Kirk und Co zu den Klängen des Beastie Boys-Hits „Sabotage" ordentlich Sand ins Getriebe der Invasoren streuen. Lin hat schon bei „Fast and Furious" gezeigt, dass er ein Händchen für brachiale, wuchtige und kinetische Actioninszenierungen hat, ein Talent, von dem nun auch „Star Trek Beyond" profitiert.  

Der Kurswechsel ist damit in mehrfacher Hinsicht geglückt. „Beyond" ist zugleich klassischer Star Trek-Stoff wie modernes Science-Fiction-Kino. Der Spagat zwischen Fanerwartungen und „profanem" Blockbuster-Entertainment ist gelungen, die zuletzt etwas holpernde Serie wieder voll auf Kurs.   
Das neu formierte Team aus Regisseur Justin Lin und Autor Simon Pegg ergänzt sich ideal und lässt dem jeweils anderen genügend Raum seine Stärken auszuspielen. Während ersterer ein visuelles Feuerwerk zündet und wenn nötig aufs Gaspedal drückt, liefert der andere durch launige Wortgefechte, philosophische Untertöne und liebevolle Figurenzeichnungen den zuletzt schmerzlich vermissten Roddenberry-Faktor aus Menschlichkeit, Humor und der Vision einer intergalaktischen Koexistenz. Das hat Schwung, Herz und Verstand und damit mehr zu bieten als das Gros der diesjährigen Blockbuster-Konkurrenz. Ein adäquates Geschenk zum 50-jährigen Jubiläum. Glückwunsch!

________________________________________
(1) Relativierend muss hier erwähnt werden, dass die beiden Abrams-Filme die immer schwächer werdenden Ergebnisse der Next-Generation-Filme deutlich übertrafen, teilweise sogar pulverisierten, und "Into Darkness" sogar etwas mehr einspielte als der Reboot "Star Trek" (allerdings bei höherem Budget).


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