Ansicht eines Reviews

Headshot (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 19.06.2017, seitdem 169 Mal gelesen



Mit den „The Raid“-Filmen wurde Iko Uwais zum Actionstar des (nicht nur) indonesischen Kinos, während die als Mo Brothers reüssierenden Regisseure Kimo Stamboel und Timo Tjahjanto mit „Macabre“ und „Killers“ Aufmerksamkeit erlangten, weshalb die Zusammenarbeit für den Actionreißer „Headshot“ fast schon folgerichtig erscheint.
Von dem Star ist in der derben Auftaktszene noch nichts zu sehen, in der Lee (Sunny Pang) als kriminelles Mastermind einen Gefängnisausbruch aus seiner Zelle hinaus orchestriert. Überlebende gibt es in dem Massaker zwischen Gefangenen und Wärtern kaum, was bereits den Ton für diesen derben bis darwinistischen Reißer vom Survival of the Fittest setzt, der allerdings stellenweise ins Groteske übergeht, etwa wenn sich zwei Kontrahenten mit MGs regelmäßig durchsieben und trotzdem nur langsam zu Boden gehen, ohne dass dies die epische Eleganz eines Heroic Bloodshed der Marke John Woo hat, sondern eher ungelenk wirkt.
Wechsel zum Strand, wo der vorerst namen- und identitätlose Held (Iko Uwais) angespült wird, eine Kugel im Kopf, siehe Filmtitel. Ailin (Chelsea Islan), die behandelnde Ärztin, tauft ihren Schützling Ishmael und baut Nähe zu dem jungen Mann auf, der sich weder an seinen Namen noch an seine Vergangenheit erinnern kann, auch wenn kurze Erinnerungsfetzen aufblitzen – etwa von jenem Moment, in dem es den fatalen Headshot setzte. Das wäre sicher ein potentieller Aufhänger für einen großen Mysteryplot in einem anderen Film, „Headshot“ hat da aber wenig zu bieten und geht lieber den geradlinigen Weg.

Schon bald suchen die Schergen Lees nämlich nach Ishmael und anhand der bisher dargebotenen Informationen kann sich der Zuschauer ohne Gedächtnisprobleme schnell denken, dass Ishmael ursprünglich zu Lees Crew gehörte und seinen Herrn an die Polizei verriet. Als dessen Häscher Ailin zu nahe kommen, begibt sich Ishmael auf einen Feldzug gegen die Truppe…
Das klingt nach einem straighten One-Man-Army-Actionfilm und tatsächlich ist „Headshot“ ein guter 90minütiger Vertreter seiner Gattung. Beziehungsweise wäre es. Denn der Film an sich dauert fast zwei Stunden, die aber nicht mit genug Material gefüllt werden. Die Annäherung zwischen Ärztin und Patient wird zwar ausführlich bebildert, aber das Drama bleibt ein behauptetes, da „Headshot“ trotz seiner Bemühungen emotional wenig tief schürft. Die in dieser Hinsicht stärksten Momente sind jene, in denen Ishmael kurz hintereinander auf zwei Widersacher aus seiner Vergangenheit trifft, die widersprüchliche Gefühle ihm gegenüber hegen – aber auch das ist nur Vorgeplänkel für die unausweichlichen Martial-Arts-Duelle, welche die Hauptattraktion des Films bilden.
Vor allem jene mit Ishmaels alten Weggefährten, in denen die Kampfkunstmeister sich minutenlang duellieren. Keilereien gegen mehrere Gegner wie in den artverwandten „The Raid“-Filmen gibt es selten und diese schwächeln auch meist: Ein Kampf gegen vier Goons in der Enge eines Busses hat zwar seine Momente, könnte aber mehr Einfallsreichtum beweisen. Diesen haben vor allem die Zweikämpfe mit Very Tri Yulisman und Julie Estelle, bekannt als Baseball Bat Man und Hammer Girl aus „The Raid 2“: Bei ersterer Begegnung wechselt ein Teleskopschlagstock mehrfach den Besitzer, bei zweiterer kann die Kontrahentin den Helden durch das geschickte Führen eines Messers (schnelle Griffwechsel usw.) immer wieder in Bedrängnis bringen. Da kann das finale Duell gegen Lee choreographisch nicht ganz mithalten, so wie „Headshot“ zwar durchweg dynamische Fights bietet, aber in Sachen Einfallsreichtum und Erinnerungswert dem (sich aufdrängenden) Vergleich mit den beiden „The Raid“-Filmen leider nicht standhält.

Problemlos gehalten wird dagegen der Härtegrad im Vergleich zu den indonesischen Vorzeigeprodukten, wenn Schrotsalven und Fäuste Gesichter deformieren, Papierschneider in Arme gehauen werden oder spitze Äste Kontrahenten aufspießen. Und wenn jemand erschossen wird, dann wird meist das ganze Magazin einer AK-47 in ihn hineingepumpt, was zwar reichlich blutige Treffer bedeutet, aber auch sehr statische Ballereien, da das Ganze meist aus großer Nähe erfolgt. Immerhin passt es in das düstere Weltbild des Films, der einen Dog-Eat-Dog-Kosmos von Gewalt und dem Überlebenden der Stärksten zeichnet, in dem einem Kontrahenten mehrere Gliedmaßen gebrochen werden und dieser trotzdem noch weiter kämpft. Eine Welt, in der Zivilisten massakriert, Kinder entführt und kleine Mädchen mit vorgehaltener Waffe bedroht werden – wobei die Mo Brothers dabei manchmal an der Grenze des Geschmackssicheren agieren und das nicht immer besonders feinsinnig oder gewitzt.
Inszenatorisch kann man an dem Film nur wenig aussetzen, vor allem in Sachen Kameraarbeit. Gerade in den Fights wird mit langen Einstellungen gearbeitet, manchmal sogar mit (Quasi-)Plansequenzen, in denen Reißschwenks, die getroffenen Kombattanten folgen, auch unsichtbare Schnitte verdecken könnten. Gelegentliche Vogelperspektiven bieten ungewohnte, aber schicke Einblicke auf verschiedenen Situationen, in denen die Darsteller meist mehr als Fighter denn als Schauspieler gefragt sind. Iko Uwais überzeugt trotzdem als Held mit Amnesie, während der auf grau getrimmte Sunny Pang ein veritabler Schurke ist. Nur Chelsea Islan wirkt bisweilen verloren; vielleicht weil der Film mit ihrer Frauenfigur wenig abseits von Heldenmotivation anfangen kann. So werden die Szenen mit ihr (so wie die meisten Nichtkampfszenen) zum sich dehnenden Füllmaterial, in dem auch die Einblicke in das Drogen-, Waffen- und Mordgeschäft Lees den Bösewicht etwas facettenreicher erscheinen lassen, aber in Sachen Handlungsrelevanz doch bloß schmückende Details bleiben.

Insofern hinterlässt „Headshot“ gemischte Gefühle: Er ist kein aufs Wesentliche konzentrierter Actionfilm wie „The Raid“, aber auch kein episches Crime-Action-Drama wie „The Raid 2“, sondern ein überlanger Rachethriller, der auch gut 20 oder 30 Minuten kürzer hätte sein können. Zudem mag „Headshot“ brutal wie Hulle sein, doch die Shoot-Outs sind trotz dicker Einschusslöcher unschön statisch, während die gut choreographierten und schick inszenierten Fights für Laune sorgen, aber den Einfallsreichtum der erwähnten „The Raid“-Filme missen lassen. In Sachen derber, wesentlich stärker stilisierter One-Man-Army-Action punkteten jüngst „John Wick“ und sein Sequel, erdigere Racheaction vor fernöstlicher Kulisse bot „Savage Dog“ vor Kurzem überzeugender. So ist „Headshot“ ein netter Snack für Actionfans mit Hunger auf Blutwurst, macht aber nicht nachhaltig satt.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "McClane" lesen? Oder ein anderes Review zu "Headshot (2016)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von McClane

Zurück


Copyright © 1999-2017 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

658 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv
Server SSL Certificate


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Undead or Alive - Der Tod steht ihnen gut (2007)
Transformers: The Last Knight (2017)
Death Squad (1987)
Wonder Woman (2017)
Void, The (2016)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich