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Jean-Claude Van Johnson [Webserie] (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 14.01.2018, seitdem 98 Mal gelesen



„Es war einmal der Actionheld"

Sylvester Stallone hat das brach liegende Potential als erster erkannt. Warum nicht aus der Not eine Tugend und die allseits angezweifelte Daseinsberechtigung zum Aufhänger einer gloriosen Rückkehr machen? Und das mit ganz viel Wumms, schließlich ist man Rocky und Rambo, da schleicht man sich nicht durch die Hintertür wieder rein, sonder tritt sie krachend ein. Als Anführer einer betagten Herrenriege der Überflüssigen, Austauschbaren, Entbehrlichen, bediente er die schwelende Sehnsucht nach dem verloren gegangenen, kernigen Männerkino des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ein perfekt gestandener, doppelter Rückberger.

Der Erfolg der „Expendables" ist aber nicht einfach nur einer der grassierenden Retro-Manie, er ist vor allem auch einer der ironisch gebrochenen Selbsterkenntnis einer immer als dumpf abgestempelten Darsteller-Generation des oft gering geschätzten bis verachteten Körperkinos. Im Zuge der Trilogie bricht sich die über allem schwende Selbstironie immer mehr Bann, bis sie dann in einem selbstreferenziellem Feuerwerk mündet, das ebenso viele Kalauer wie Projektile verschießt.

Der besondere Reiz der Filme besteht natürlich zuvorderst im Wiedersehen mit den Helden glorreicher Genrezeiten. Stallone hatte gerufen und fast alle waren gekommen. Neben den Platzhirschen Schwarzenegger, Willis, Gibson, Ford und dem aktuellen Bannerträger Statham waren es aber vor allem die Herren aus der zweiten Reihe, die den Kult erst zementierten: Dolph Lundgren, Wesley Snipes, Antonio Banderas und Chuck Norris. Und vor allem die sind dafür verantwortlich, dass die Filme noch auf einer zweiten Ebene, neudeutsch „Meta-Ebene", funktionieren. Denn diese Herren spielen sich nicht nur selbst, sondern lassen ihre bekanntesten Figuren im Expendables-Kontext wieder auferstehen und bieten damit einen ganz speziellen Fanservice für den nerdigen Insider.

Einer, der bisher nicht genannt wurde, hatte die ungeheuren Möglichkeiten dieses Konzepts längst erkannt, sofern man es nicht einfach nur als Insidergag untermischt, sondern zum zentralen Motiv erhebt: Jean-Claude Van Varenberg, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Van Damme". In der autobiographischen Dramödie „JCVD" spielte Belgiens berühmtester Action-Export sich selbst und bewies dabei ein gerütteltes Maß an augenzwinkernder Selbstreflexion. Ein Husarenstück, das er nun mit einer exklusiven TV-Serie des Online-Giganten amazon zu wiederholen versucht. Nur noch ironischer, noch absurder und vor allem noch viel mehr „meta".

„Jean-Claude Van Johnson" heißt das  gute Streaming-Stück und seine Prämisse ist so simpel wie genial. Van Damme gibt den alternden Geheimagenten Jean-Claude Van Johnson, dessen Tarnung ein gewisser Action-Star namens Jean-Claude Van Damme ist. Eigentlich ist er im Ruhestand und körperlich eingerostet, aber um seine Ex-Kollegin und -Geliebte zurück zu gewinnen, schnürt er nochmal die Einsatzstiefel und fliegt gen Bulgarien. Dort warten ein kniffliger Geheimauftrag und ein weniger kniffliges B-Movie auf den Superagenten. Noch Fragen?

Der doppelte Meta-Damme also, ein Fest für und ausschließlich für Fans. Man sollte seinen Jean-Claude schon sehr gut kennen, vor allem und ganz besonders auch seinen mühevollen Abstieg vom güldenen B-Action-Olymp in die düstere und unglamouröse DTV-Unterwelt. Kurz: Wer den Karate-Belgier also auch bei seinen immer mühsamer und schmerzhafter werdenden Spagaten die Treue gehalten hat, der wird hier fürstlich entlohnt   und zwar mit einer grandiosen Zwittershow aus selbstironischer Persiflage und selbstreflexiver Nabelschau.
Das ist mal brüllend komisch, mal vordergründig derb, mal schwermütig melancholisch. Der Ton ist manchmal schrill, manchmal daneben, manchmal auch zu dick aufgetragen. So wie sein Exponat, sein Sujet, sein Star. Die Serie ist kein genial durchkonzipiertes  Vehikel zur Rehabilitation oder Glorifizierung eines gebeutelten Filmstars. Sie ist ein buntes Kaleidoskop des Lebens, Schaffens, der Höhen, Tiefen und Befindlichkeiten eines gewissen Jean-Claude Van Varenbergs. Es ist insbesondere das Unrunde, das Atonale und das teilweise zu Exaltierte, was den besonderen Reiz und Charme der Mini-Serie ausmacht. Ob beabsichtigt oder nicht, jedenfalls wird gerade dadurch Wesen und Wirken VanDammes so erfrischend unprätentiös auf den Punkt gebracht.

Unabhängig von der grundsympathischen Gesamtkonzeption gibt es eine wahre Fülle an kleinen Details, Anspielungen und Verballhornungen zu entdecken. Im Zentrum stehen dabei sein größter Box Office Hit - der Zeitreise-Actioner „Timecop" (1994) - sowie seine stattliche DTV-Filmographie (ab 1999), die beinahe samt und sonders im osteuropäischen Billigmekka (Rumänien und Bulgarien) heruntergekurbelt wurde und wird. Folgerichtig dreht der Serien-VanDamme zur Tarnung seiner Agentenmission in Bulgarien vor Ort eine Martial-Arts-Version von Twains „Huckleberry Finn" und erlebt dabei ein Timecop-Déjà-vu nach dem nächsten. Produzenten, Regisseure, Darsteller und Machart der Filme bekommen allesamt genüßlich ihr Fett weg, VanDamme inbegriffen.

Dass der Star prinzipiell und natürlich am Ende mit Wohlwollen bedacht wird, darf und sollte man der Serie nicht zum Vorwurf machen. Erdacht und gedacht für Anhänger der "Muscles from Brussels" wäre eine bissige Demontage geradezu idiotisch und kein Format, für das sich VanDamme hergeben müsste. Ohnehin zeigt er im Unterschied zu seinen Ex-Kollegen und -Rivalen ein erstaunliches Maß an Mut zur Reflexion der eigenen Person und Karriere. Während Steven und Dolph weiterhin ungerührt drei humorlose Billig-Klopper per anno in osteuropäischen C-Kulissen abspulen, Bruce und Nicolas ihnen bereits dicht auf den Fersen sind und Arnold langsam aber sicher feststellen muss, dass Alter und Bodybuilding ihren Tribut fordern, scheint Jean-Claude zumindest noch risikobereit und an neuen Herausforderungen interessiert.
Das wiederum verbindet ihn mit dem Mann, der das ganze Genre und ihre unverwechselbaren Typen erst möglich und salonfähig gemacht hat. Sein Nickname „Sly" könnte treffender nicht sein. Schlau ist auch VanDamme, und überhaupt, das Klischee von den dummen Muskelmännern haben wir schon früher vehement gegen all die tumben Ignoranten verteidigt. Zu Recht, wie man spätestens jetzt sieht, wenn man denn will. Ein wenig Selbstkritik und Format brauchts dazu allerdings schon, also nehmt euch ein Beispiel. Und keine Angst, das geht auch ohne Spagat.          


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