Ansicht eines Reviews

Westworld [TV-Serie] (2016)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 04.01.2018, seitdem 219 Mal gelesen



Staffel 1: Das Labyrinth

Ein Fenster, das Ausblick auf die Welt von morgen gewährt. Die Eröffnung ähnelt derjenigen des Videospiels „Red Dead Redemption“ (2010): Mit einem Blick aus dem fahrenden Zug in die endlosen Weiten der Prärie. Und dem begleitenden Wissen, dieses unentdeckte Land bald auf eigene Faust erschließen zu dürfen.

Der fein gewobene Vorspann von „Westworld“ erweitert den Ausblick auf das Kommende. Die Herstellungsschritte der Androiden werden preisgegeben und wirken dabei dezent kunstvoll, zur gleichen Zeit wird das Artifizielle darin betont. Eine Plastik aus milchigem, zarten Weiß, die sich Sehne für Sehne zu einem menschlichen Körper zusammensetzt. Aus der Feinheit der Imitation des Lebens muss der Schluss gezogen werden, dass es nur noch die Herstellung ist, in welcher sich der geborene Mensch gegenüber dem Roboter aus dem Park unterscheidet, nicht mehr das Geschöpf selbst. Eine enorme Weiterentwicklung gegenüber Yul Brynner anno 1973 und den Mensch-Maschine-Mythen, die er noch vor dem „Terminator“ in die Filmgeschichte gepflanzt hat. Dazu ein ebenso fein komponiertes, klassisches Piano- und Streicherstück als Thema, mit Schnörkeln und Ösen, aber auch einem eingängigen Leitmotiv, durchzogen mit einem Netz aus Verknüpfungen. Begleitend werden immer wieder moderne Stücke wie „Black Hole Sun“ (Soundgarden) oder „Fake Plastic Trees“ (Radiohead) Auftritte haben, die sich als Anachronismus auf dem Upright Piano eines Saloons gespielt wie ein roter Faden durch die Serie ziehen. Sie verzerren die Zeitlinien bereits, bevor das Drehbuch die Gelegenheit ergreift, Manipulationen an der vierten Dimension vorzunehmen. Dazu gesellt sich eine vorzügliche Cinematografie, hervorragende Kostüme, authentische Gebäudenachbildungen... wie die Gründer des Parks innerhalb der Serie versprechen auch die Macher der Serie binnen weniger Minuten, perfekte Voraussetzungen geschaffen zu haben, damit man als Parkbesucher / TV-Konsument bestmöglich auf seine Kosten kommt.

Wenn einem „Westworld“ trotz dieser vortrefflichen Inszenierung etwas sperrig oder gar abweisend vorkommt, dann mag das womöglich an seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem liegen, was seinen inhaltlichen Kern ausmacht und dem, was es letztlich selbst repräsentiert: Unterhaltung. Natürlich: Frei nach Crichton kann „Westworld“ ebenso wie der „Jurassic Park“ keine Utopie sein, vielmehr ergründet die Serie mit pessimistischem Ausblick ethische Fragestellungen zur Identität und dem „Menschsein“. Vom Kinofilm wurden solche Fragen bereits angeschnitten, nun werden sie im breiteren Erzählformat einer modernen TV-Serie mit Rückgriff auf die analytische Philosphie vertieft.

Themenpark-Action im Sinne der „Jurassic Park“-Sequels sollte man daher lieber nicht erwarten; Eskapismus beschreibt hier keine Erfüllung im Spiel, sondern eher eine krankhafte Sucht nach dem Spiel. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Serienschöpfung von Lisa Joy und Jonathan Nolan sein Publikum nicht aus der zehnteiligen ersten Staffel zu entlassen gedenkt, ohne es fortlaufend durch zermürbende Dissonanzen geschickt zu haben. Wer eigene Verhaltensweisen (als Serien-Konsument, aber auch weit darüber hinaus) nicht zu reflektieren bereit ist, wird große Schwierigkeiten damit haben, diese Serie einzuordnen. Menschen werden wie in klassischen Western am Fließband über den Haufen geballert, nicht aber, ohne moralische Verwerflichkeit zu signalisieren; nackte Körper sind in jeder Episode zu begutachten, wie in jeder neueren Serie, die etwas auf sich hält, stehen aber fast immer in einem Kontext, der die Würde des Menschen hinterfragt. Suspense-Elemente sind in Form des rätselhaften Mannes in Schwarz (Ed Harris) oder der schleichenden Revolution der Androiden zugegen, weisen aber insgesamt einen zu schwachen Puls auf, um mechanisch als Spannungsmittel konsumiert zu werden.

Im Zentrum steht klar die Verknüpfung der drei Handlungsebenen, die an der Oberfläche relativ einfach nachzuvollziehen sind, in den ungemein wichtigen Dialogen jedoch zu komplexen Fragestellungen ausgearbeitet werden, wie sie momentan konkurrenzlos zu sein scheinen. Das „Golden Age Of Television“ scheint seit wenigen Jahren wieder im Abbau begriffen und eine Serie wie diese untermauert und widerspricht einer solchen These gleichermaßen, ist sie doch einerseits ein Abgesang auf alles, was uns in den letzten Jahren an der Entwicklung des einstmals biederen Erzählformats so begeistert hat und andererseits selbst ein Beleg dafür, wie wertvoll Serien heute sein können.

Als Herausforderung erweist sich aber auch das Formelle. Der Schnitt suggeriert eine zerfallende Realität, in der nichts so ist, wie es scheint. Wer einen Tag mit einem Loch in der Brust im Staub beendet, kann am nächsten Tag wieder im Saloon stehen und vorprogrammierte Sprüche klopfen. Wer sich gerade mit jemandem unterhält, steht im nächsten Moment womöglich alleine da und führt Selbstgespräche. Erinnerungen entpuppen sich als Illusionen, Charaktereigenschaften als Skripte. Visuell werden die endlosen Weiten des Wilden Westens gegen kühle, dunkle Räume ausgespielt, in denen die Welten und ihre Geschichten geboren werden. Nicht zuletzt werden ganze Städte, Flüsse, Canyons und staubige Ebenen in Glaskugeln gebannt, die wie der Klammergriff einer unerbittlichen Nation von Ausbeutern erscheint. Darüber wachen sterbliche Götter in Weiß, die so sehr in ihre personalisierten Aufgaben vertieft sind, dass sie gar nicht wissen können, was sie in der Summe der Einzelteile zum Leben erwecken.

Schauspielerisch erweisen sich vor allem die Androiden-Parts mit schnellen Wechseln vom Toten ins Lebendige, vor allem aber vom Unbewussten ins Gewahrsein des eigenen Selbst als Herausforderung. Thandie Newton zeigt dabei eine der spektakulärsten Leistungen ihrer Karriere, derweil Akteure in anderen Androiden-Rollen nicht minder brillante, aber dezentere Leistungen vorweisen. Es gehört hier durchaus zum Konzept, die Grenzen zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz mit subtilen Andeutungen zu verwischen. Hat man sich an der Ausstattung, an der Kamera oder an den schieren Inhalten noch nicht sattgesehen, so bekommt man mit dem hochklassigen Cast endgültig den Rest.

Das Labyrinth, es ist schließlich nur die Form, mit der nach dem Kern unseres inneren Antriebs gefragt wird. Geschickterweise stellt „Westworld“ diese Frage nicht etwa nur spielerisch innerhalb der Handlung, die es erfindet; es wendet sie auch auf sich selbst als 100-Millionen-Dollar-Produktion an und damit auch auf alle, die sie begutachten. Damit verliert der Themenpark seinen fiktionalen Charakter; er wurde bereits über Datenträger und Streaming-Plattformen in unsere Wohnzimmer übertragen.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "Vince" lesen? Oder ein anderes Review zu "Westworld [TV-Serie] (2016)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Vince

Zurück


Copyright © 1999-2018 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

657 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Wunderbare Garten der Bella Brown, Der (2016)
99 Homes - Stadt ohne Gewissen (2014)
Schlitzer, Der (1980)
Marksman - Zielgenau, The (2005)
11:11 - The Gate (2004)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich