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Alien: Covenant (2017)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 19.05.2017, seitdem 1474 Mal gelesen



„The Old Man and the Beast" - Kurskorrektur ohne Prinzipienverlust

Die Schöpfung. Woher kommen wir? Wer hat uns erschaffen? Steckt eine Sinn stiftende Idee dahinter? Fragen, die die Menschheit seit jeher beschäftigen. Antworten wurden zuhauf geliefert, mal religiös, mal philosophisch, mal wissenschaftlich motiviert. Einer allgemeinen Gültigkeit, oder gar Akzeptanz, ist man damit nicht viel näher gekommen. In „Prometheus - Dunkle Zeichen", dem Prequel zu seinem Science-Fiction-Klassiker „Alien", hat sich Ridley Scott genau dieses Themenkomplexes angenommen und hat dafür v.a. aus Fankreisen heftig Schelte bezogen. Dabei war sein Ansatz nicht nur faszinierend, sondern auch klug, denn das kultisch verehrte Franchsie drehte sich schon ab der zweiten Fortsetzung (David Finchers missglückter Thriller-Versuch „Alien 3") im Teufelskreis der immer gleichen Monster-Hatz, die der Beziehung zwischen Alien und Mensch keine neue Facetten abgewinnen konnte.

Scott hat sich die Kritik ganz offensichtlich zu Herzen genommen, allerdings ohne dabei von seiner Grundidee das „Alien"-Universum zu erweitern und weiter zu erforschen abzurücken. 400 Millionen hat „Prometheus" weltweit eingespielt, ein eher überschaubares Ergebnis gemessen an Erwartungshaltung, Studiovorgaben und sicherlich auch Scotts eigenem Anspruch. Mindestens eine Trilogie sollte die Vorgeschichte zum „Ur-Alien" erzählen, da hieß es die Taktik für den zweiten Streich zu ändern, sollte es nicht der letzte sein. Das beginnt bereits beim Titel. Anstatt mit „Prometheus 2" wirbt der Filme mit „Alien - Covenant". Die Botschaft ist klar: „Seht her, hier haben wir wieder einen richtigen Alien-Film für euch. Mit Blut, Schleim, Säure und Tod!" Ein Versprechen, das eingelöst wird, aber eben nicht nur.

Mit „Alien - Covenant" fährt Scott zweigleisig, geht ins Risiko - und gewinnt. Die Hardcore- und Horrorfans werden genauso bedient wie diejenigen, die den in „Prometheus" angestoßenen Schöpfungsmythos rund um Menschen, Aliens und die finstere Weyland-Corporation weiterverfolgt sehen wollen. Scott verfällt nach dem wenig konkreten Vorgänger geradezu in Erklärungswut und klärt sehr eindeutig die Herkunft des bis dato mythischsten Kinomonsters der Filmgeschichte. Das wird nicht jedem gefallen, denn Entmythisierung kann leicht zur Zerstörung von Faszination und Schrecken führen, eine gerade im Horrorgenre gänzlich unerwünschte Kausalkette.

Das dies nicht geschieht, die Aliens sich ihre morbide Faszination aus brutaler Gewalt und gnadenlosem Terror bewahren, liegt an Scotts Fähigkeiten genau jene Stimmungen zu erzeugen. Mit seinen 80 Jahren inszeniert er keineswegs altersmüde, oder -milde, sondern exakt auf den Punkt maximaler Wirkung. Und soll die vornehmlich aus Schock und Angst  bestehen, dann liefert er genau das. Natürlich sieht der erfahrene Franchise-Kenner manches kommen und ist nicht mehr so verstört wie bei seiner Erstbegegnung mit den blutrünstigen Xenomorphen. Aber Scott versteht es geschickt, bekannte Szenen und vertraute Settings so zu variieren und vor allem zu arrangieren, dass Schockmomente und Grusel zielgenau greifen. Der deutlich hoch geschraubte Gewalt- und Splatter-Anteil wäre dafür gar nicht mal nötig gewesen, hält aber Genrefans soweit bei Laune, dass Scott die Pausen für seine philosophischen Exkurse nützen kann.

Michael Fassbender ist dabei seine entscheidende Trumpfkarte. In einer Doppelrolle als äußerlich gleiches Androiden-Paar David und Walter sorgt er für Gänsehaut, Eiseskälte und Angstzustände ganz ohne Blutfontänen und Titel-Biester. Den einen (David) kennt man schon aus Prometheus, wo er zusammen mit der leitenden Wissenschaftlerin Dr. Shaw als einziger die Forschungsmission zum Ursprung menschlichen Daseins überlebte. Der andere (Walter) ist ein weiter entwickelter Prototyp und Wissenschaftsoffizier auf dem Kolonisatiosnsschiff „USCSS Covennant". Die Begegnung der beiden Androiden ist das heimliche Highlight des Films, ihre Versuche sich gegenseitig auszuspionieren, auszumövrieren und gefügig zu machen gipfelt in einer hoch spannenden „Verführungsszene", in der David seinem Pendant das Flötespielen beibringt und damit eine schaurige Intimität erzeugt, die wenig später ein ganz anderes Gesicht zeigt. Auf einer abstrakteren Ebene verhandelt Scott mit diesen beiden artifiziellen Charakteren die Kernthemen seiner Prequel-Idee, auf einer konkreteren Inhaltsebene beantwortet er zahlreiche der in „Prometheus" aufgeworfenen Fragen.

Bei solch klarem Fokus auf den beiden Androiden bleiben die menschlichen Figuren entsprechend blass. Das liegt zum einen daran, dass die Crew der „Covenant" beinahe dasselbe Schicksal ereilt wie ihr Äquivalent aus dem Original - von einem elektronischen Hilferuf auf einen unbekannten Planten gelockt, werden sie dort mit einer aggressiven außerirdischen Spezies konfrontiert, die sie als Wirtskörper benutzt und dabei sukzessive äußerst blutig dezimiert -, zum anderen aber auch an Katherine Waterston, die in allzu offenkundiger Neuauflage von Sigourney Weavers Ripley-Rolle nie das Charisma und die Präsenz ihrer Vorgängerin erreicht. Ihre Kollegen werden vom betreffend ihres Schicksals vorhersehbaren Skript eher zweckmäßig behandelt, so dass hier kaum Möglichkeiten zur Akzentuierung bestehen.

Die findet dafür wieder einmal optisch statt. Anders als die modernen CGI-Monster von Marvel, Disney oder Michael Bay, erschafft Scott Welten, die sich echt und glaubwürdig anfühlen. Das gilt für das sehr funktionale Raumschiffinterieur, aber auch für den Planeten der Konstrukteure, auf dem die „Covenant-Besatzung" fatalerweise landet. Das gilt für die brutalen Horroreffekte ebenso wie für die großflächigen Action-Pieces, mit denen Scott immer wieder das Tempo anzieht. Das alles ist nicht nur von Darius Wolski (bei seiner fünften Kollobaration mit Scott) grandios bebildert, sondern insbesondere von Ridley Scott virtuos inszeniert in punkto Taktung, Rhythmus, Dramaturgie und Genre-Regelwerk.

An seinen ersten „Alien"-Film reicht er dennoch nicht heran, aber das ist auch nicht möglich. Ob Sequel oder Prequel, man bewegt sich in Welten, die dem Zuschauer vertraut sind und an die er gewisse Erwartungen knüpft. Daraus eine neuen, spannenden Ansatz zu destillieren ist schwer genug und ein Vorhaben, das Respekt verdient. Man kann Ridley Scott dafür kritisieren, dass er den von ihm geschaffenen Mythos um die bestialischen Xenomorphen ein gutes Stück weit entzaubert. Mann kann ihn aber auch dafür bewundern, dass er es schafft, aufbauend auf diesem Mythos universelle und zeitlose Fragen des Lebens zu erörtern, ohne dabei das Original zu verraten. Ganz nebenbei kann man „Alien - Covenant" auch als Kampfansage an sämtliche Epigonen sehen, denen ein fast 80-jähriger Veteran ganz lässig zeigt, wie man Science-Fiction und Horror zu einem stilistisch hochwertigem Unterhaltungs-Spektakel fusioniert, das auch erwachsenen Ansprüchen genügt.


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