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Blade Runner 2049 (2017)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 06.10.2017, seitdem 1259 Mal gelesen



„Cult reloaded" - oder die entschleunigte Jagd nach der eigenen Identität

Erinnerungen prägen einen Großteil der menschlichen Identität. Das memorierte Erlebte formt den Charakter, die Sicht auf die Umwelt, vor allem aber das Bild von sich selbst. Dennoch sind sie keinesfalls mit der vergangenen Realität, oder gar einer ohnehin nur schwer greifbaren „Wahrheit" gleichzusetzen. Nicht selten sind sie nur bruchstückhaft, verschwommen, oder gar von der ganz subjektiven eigenen Wahrnehmung vernebelt. Daher ist der Schock meist groß, wenn sie sich als eindeutig falsch entpuppen, schließlich kann damit auch schnell das so verlässliche Selbstbild ins Wanken geraten. Was aber, wenn sich herausstellt, dass man die Erinnerungen eines Fremden für die eigenen hielt?

Ridley Scott ging diesen Fragen in seiner bahnbrechenden Science Fiction Dystopie „Blade Runner" nach. Exakt 35 Jahre ist das nun her und der heutige Kultstatus des Films verdeckt gerne die Tatsache, dass das Publikum damals so gar nichts mit dem Werk anzufangen wusste. Die Ur-"Star Wars"-Trilogie war seinerzeit das Maß aller Science Fiction-Dinge und in seiner märchenhaften Naivität und forschen Aggressivität in jeder Hinsicht ein krasser Gegenentwurf zu Scotts grüblerischer Neo-Noir-Studie. Da konnte auch Hauptdarsteller Harrison Ford nichts mehr retten, schließlich durfte man ihn praktisch zeitgleich nicht nur als flapsigen Weltraum-Cowboy Han Solo, sondern auch noch als virilen Archäologen-Swashbuckler Indiana Jones bejubeln. Wer braucht da noch einen mürrischen Space-Marlowe, der in einer tristen nahen Zukunft als staatlich lizensierter Killer Jagd auf künstliche Intelligenzen macht?

Anno 2017 ist vieles anders. Zwar sind surrende Lichtschwerter, röhrende Wookies und dauerfeuernde Stormtrooper nach wie vor quicklebendig. Aber in Zeiten, in denen Comic-Helden als gebrochene Charaktere reüssieren und ein psychisch gebeutelter James Bond ungeahnte Box Office-Höhen erklimmt, darf auch ein runderneuerter Blade Runner auf uneingeschränkte Publikumsliebe hoffen.
Das sah man wohl auch auf Produzentenseite so, denn ein üppiges 175 Millionen Budget einem zwar angesagten, aber nicht unbedingt Mainstream-affinen Regisseur wie Denis Villeneuve anzuvertrauen, zeugt doch von einem ausgeprägten Grundvertrauen in eine lukrative Kultmarke. Immerhin konnte man Ryan Gosling für die Hauptrolle gewinnen, der es aktuell wie kaum ein anderer Schauspielkollege versteht, gleichermaßen die Arthouse-Fraktion und ein Unisex-Massenpublikum anzusprechen. Bei genauerer Betrachtung ist dann auch die Verpflichtung des Franko-Kanadiers Villeneuve gar nicht mehr so gewagt. Immerhin hat er unlängst mit dem sperrigen Alien-Invasions-Film „Arrival" (2016) das vierfache seiner Kosten eingespielt und bewiesen, dass philosophische und inhaltlich anspruchsvolle Science Fiction auch jenseits der Arthouse-Gemeinde funktionieren kann.

Darauf baut er offenkundig auch mit „Blade Runner 2049", denn der Film unterläuft so ziemlich alle gängigen Sehgewohnheiten des modernen, meist jugendlichen Massenpublikums. Die schon „Arrival" prägende erzählerische Langsamkeit erfährt hier eine spürbar weitere Entschleunigung. Villeneuve schwelgt geradezu in dystopischen Panoramen, so dass man alle 5 Minuten versucht ist, sich ein Standbild auszudrucken und es in Postergröße an die Wand zu hängen. Ruhige, zeitweise elegische Kamerafahrten lassen den rauschhaften Bildern mehr als genug Raum, um sich in ihrer vollen Pracht zu entfalten. Hier gibt es keine dringend benötigten Ruhepausen zwischen all den hektisch geschnittenen und unübersichtlich gefilmten Actionszenen, sondern hier reißen einen die wenigen Actionsequenzen fast schon schmerzlich aus dem ungläubigen Staunen.

Die eigentlich Handlung entwickelt sich beinahe aufreizend gemächlich, dennoch - und hier zeigt sich Villeneuves inszenatorisches Geschick -, wird es nie langweilig. Mit und durch Replikanten-Jäger Officer K (Ryan Gosling) lernen wir die veränderte „Blade Runner"-Welt kennen. Die neuen Androiden der Nexus 9-Serie machen keinerlei Probleme mehr, LAPD-Cop K hat lediglich die Aufgabe, die noch verbliebenen alte Modelle aufzuspüren und in den Ruhestand zu versetzen. K ist selbst Android, lebt in bescheidenen Verhältnissen und gönnt sich lediglich den Luxus einer holographischen Freundin. Als er bei einem Routinejob eine nicht für möglich gehaltene Entdeckung macht, wird seine vergleichsweise beschauliche Welt komplett auf den Kopf gestellt. Neben seiner Chefin Lieutenant Joshi (Robin Wright) hat er auch plötzlich den allmächtigen Industriellen und Replikanten-Hersteller Niander Wallace (Jared Leto) zum Feind. Und dann sind da noch ein paar schmerzvolle Erinnerungen aus seiner Kindheit ...

Villeneuve führt damit die Handlung von Scotts Original logisch fort, greift die dort verhandelten philosophischen Themen erneut auf und liefert weitere Denkanstöße. Wieder geht es um Träume, Erinnerungen und das Mysterium eines eigenen Bewusstseins. Die Künstlichkeit Ks ist dabei keine Spannungsfrage wie seinerzeit diejenige Deckards, sondern hat weit mehr eine allegorische Funktion. Harrison Ford reaktiviert hier seine alte Rolle und spielt einen deutlich gealterten Replikantenjäger Deckard, was aber keinesfalls als Fanbonbon misszuverstehen ist, sondern ein essentielles Moment der weiter erzählten Geschichte bedeutet. Die ist nicht etwa komplexer, oder tiefgründiger als im 82er-Film, aber sie harmoniert ähnlich kongenial mit der audiovisuellen Ausrichtung.

Production Designer Dennis Gassner und Kameramann Roger Deakins haben schon beim Bondfilm „Skyfall" beinahe symbiotisch zusammengearbeitet. Bei „Blade Runner 2049" legen sie noch eine Schippe drauf. Deakins ist ein Meister der farblichen Komposition und der optischen Arrangierung. In Kombination mit Gassners futuristischen Aufbauten, Interieurs und Stadtansichten, die mal kühl funktional, mal wuchtig-protzig, mal schrottig und verfallen daher kommen, entstehen betörende Bilder, die sich regelrecht einbrennen. Villeneuve macht sich bzw. seinem Film diese Perfektion geschickt zu Nutze und stellt sie in den Dienst von Stimmung, Ton und Erzählung. Ein Äquivalent zum damals visionären Klangteppich des griechischen Elektronik-Pioniers Vangelis gibt es zwar nicht, aber die Kollaboration zwischen Benjamin Wallfish und Score-Allzweckwaffe Hans Zimmer schafft den Spagat zwischen einer hörbaren Hommage und einer spürbaren Modernisierung. Vor allem Zimmer muss man diesmal zugute halten, dass er sich angenehm zurückhält und weder seinen üblichen Soundpfaden folgt, noch den Film akustisch dominieren will.

„Blade Runner 2049" ist damit sowohl devote Verbeugung wie auch mutige Neuausrichtung. Denis Villeneuve gibt sich hier klar als Fanboy von Scotts Original zu erkennen, dennoch trägt der Film ebenso eindeutig seine ganz spezielle Handschrift. Diese ist keinesfalls ausschließlich, aber ganz besonders visuell geprägt. Die Bildsprache bestimmt Inszenierung, Erzählung, Darsteller und Aussage. Das alles in Einklang zu bringen, ohne sich dabei bei gängigen Mechanismen und Mustern des modernen Kommerz-Kinos anzubiedern, ist die besondere Stärke Villeneuves. „Blade Runner 2049" ist der dafür bis dato deutlichste Beleg seiner Filmographie, aber auch ganz unabhängig davon ein faszinierendes Stück Kino. Kein Erlebnisfilm, sondern ein Filmerlebnis. Denn das ist keineswegs dasselbe.


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