Ansicht eines Reviews

Foreigner, The (2017)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 13.02.2018, seitdem 102 Mal gelesen



In den letzten Jahren hatte Jackie Chan sein Publikum vor alle mit sicheren Nummern bedient: Sequels zu früheren Hits wie „Armor of God 3: Chinese Zodiac“ und „Police Story: Back for Law“ und Kung-Fu-Komödien bewährter Bauart wie „Skiptrace“ und „Railroad Tigers“. Mit der britisch-chinesischen Co-Produktion hingegen wagte der Star sich auf weniger ausgetretenes Terrain.
Das fängt schon bei Quan Ngoc Minh (Jackie Chan), einer der zwei Hauptfiguren, an. Kein Hallodri, kein Weltenbummler, kein tougher Cop, sondern ein nach längerem Vietnamaufenthalt emigrierter Chinese, der in London ein Restaurant betreibt und seine Tochter Fan (Katie Leung) als einzige verbliebene Verwandte wie seinen Augapfel hütet. Als diese jedoch ein Kleid für ihren Abschlussball kaufen will, geht eine Bombe in dem Geschäft hoch – der noch einen Parkplatz suchende Quan muss die Explosion mit ansehen und seine tote Tochter in den Armen halten, als die Polizei am Tatort eintrifft. Damit ist schon klar wohin die Reise geht: Keine Witzeleien, kein Grimassenschneiden, auch keine fancy Kung-Fu-Akrobatik, sondern bodenständiger Actionthrill, in dem der überfürsorgliche Quan ein wenig an Bryan Mills aus der „Taken“-Saga erinnert.
Während der Terroranschlag die gesamte Welt erschüttert, laufen vor allem beim leitenden irischen Minister in Belfast, Liam Hennessy (Pierce Brosnan), die Telefone heiß. Der ist früheres IRA-Mitglied, will das Karfreitagsabkommen beibehalten und ist in Bedrängnis, als sich eine Splittergruppe namens Authentic IRA zu der Tat bekennt. Quan und Hennessy sind nicht nur die zwei prominent besetzten Gegenpole des Films, sondern auch Verkörperungen der zwei Genres, die hier nicht immer sauber aufeinandertreffen: Dort die Einzelkämpferaction mit Rachemotiv, hier der Politthriller mit weniger klaren Fronten und undurchsichtigen Playern.

Quan löchert die Behörden mit Anfragen nach den Namen der Bomber, wird aber abgewimmelt – nicht zuletzt, da noch keine Fahndungsergebnisse vorliegen. Das ist Quan nicht genug: Er geht nach Belfast und beginnt einen Privatkrieg mit Hennessy um die Namen zu kommen. Denn er selbst hat eine Vergangenheit als Sprengstoffexperte und Elitekämpfer…
Hieße der zugrundeliegende Roman von Stephen Leather nicht „The Chinaman“, man könnte fast meinen, dass die Chan-Rolle nachträglich in einen Politthriller über die (Spät-)Folgen des Nordirlandkonflikts hineingeschrieben wurde. Denn so sehr der Film auch auf die Zugkraft seines Actionstars vertrauen mag, so gut käme er ohne die Quan-Figur aus, die man fast ohne große Verluste aus der Handlung schreiben könnte. Seine Aktionen wirken teilweise als Katalysator und beschleunigen gewisse Prozesse, doch er trägt so gut wie nichts zur Entwirrung des Thrillerplots bei. An einer Stelle verschlimmert alles beinahe noch: *SPOILER* Nämlich, wenn er ohne Vorkenntnisse die Terrorzelle in Eigenregie richtet und somit fast die Chance zunichtemacht eine bereits scharf gemachte Bombe zu finden. Da kann die Polizei fast von Glück sagen, dass er seine Arbeit nicht hundertpro macht und es immerhin eine verletzte Überlebende gibt. Noch zwiespältiger fällt sein letzter Vergeltungsakt aus, der Hennessy entmachtet, obwohl dieser ein wichtiger Friedensgarant ist – doch Quans persönliche Rachebefriedigung geht ihm vor. *SPOILER ENDE* Vielleicht mögen dies auch ein bewusste Gedanken des Drehbuchs gewesen sein, doch das wird leider nie so recht deutlich.
Denn tatsächlich besitzt „The Foreigner“ Ansätze dazu die Konsequenzen von Rache in einem Unterhaltungsfilm auszuloten, die Frage danach zu stellen wann das Maß überschritten sein könnte – ähnlich wie es etwa „Law Abiding Citizen“ schon einmal versuchte. So ist Quan teilweise ein traurig erscheinender Fanatiker, der mit Bestechung und Bombenterror aus Leuten Informationen herauspressen will, die diese gar nicht haben. Ein bestechender Ansatz, den das Drehbuch leider irgendwann konterkariert, vielleicht auch mit Hinblick auf Chans Starimage: Es gibt doch Dinge, die man vor ihm verborgen hat, sein Tun hat also eine gewisse Richtigkeit, sodass der Rächer nicht als fehlgeleitet entlarvt wird – das wäre mal ein Ansatz gewesen. Die wesentlich komplexere Figur ist allerdings Hennessy: Der betrügt die Ehefrau und ist selbst nach einem Bombenanschlag nicht um einen politischen Winkelzug verlegen, setzt aber anscheinend alles an die friedenstiftende Aufrechterhaltung des Karfreitagsabkommens. Noch dazu ist er bereit für seine Ziele bis zum Äußersten zu gehen, sodass der Zuschauer nie genau weiß, ob er von dieser Figur fasziniert oder abgestoßen sein soll.

Ganz klar ist nur, dass der Ton hier ein rauer ist. Egal ob Terroristen, diplomatisch agierende (Ex-)IRA-Mitglieder, britische Gesetzeshüter oder chinesische Einzelkämpfer, hier schreckt kein Beteiligter vor rabiater, teilweise mörderischer Gewalt zurück. Als Stimmungsfilm ist „The Foreigner“ daher durchaus eindrucksvoll, zeigt ein Land, in dem Privates und Politisches sich vermischen, in dem (vermeintliche) Schmach auch Jahre später noch gesühnt wird, in dem auch Freunde und Familie Grund haben einander zu misstrauen. Vielleicht wäre „The Foreigner“ als reines Politdrama packender gewesen, ergeben sich durch die Hatz auf Quan, von der man weiß, dass sie ergebnislos bleiben muss, doch einige Längen. Zudem bleibt Quan als Figur enttäuschend unterentwickelt, da helfen ein paar kurze Flashbacks nicht viel.
In Sachen Action hält sich „The Foreigner“, gerade bei fast zwei Stunden Lauflänge, eher zurück. Für quasi jede Actionsequenz ist Quan da: Ein Scharmützel mit Häschern in einem Bed and Breakfast, ein „Rambo“-artiges Katz-und-Maus-Spiel mit Verfolgern im Wald, inklusive Fallenstellen, ein Fight mit einem ebenbürtigen Gegner und ein finales Abräumen. Allesamt eher kurz, im Einklang mit dem eher bodenständigen Stil des Films, aber kompetent in Szene gesetzt von Regisseur Martin Campbell und Stunt Coordinator Greg Powell. Wilde Akrobatik gibt es auch nicht zu sehen, auch wenn sich Chans Markenzeichenkicks doch etwas vom Realismus der Marke Bourne oder „Taken“ wegbewegen, doch ansonsten sind die Kämpfe ruppig und relativ realistisch, mit gelegentlichem Schusswaffengebrauch. Hin und wieder gibt es ein paar Explosionen zu bestaunen, wobei „The Foreigner“ Terrorakte dankbarerweise nicht als bildschirmfüllende Action inszeniert, sondern als die Grausamkeiten, die sie sind. Die reinrassigen sonstigen Actionszenen hingegen sind kleine Schauwert-Auflockerungen, doch der Fokus liegt auf den politischen Verwicklungen und dem Duell zweier willensstarker Männer.
Dabei ist Jackie Chan als fanatischer Daddy auf Rachekurs angenehm gegen seinen Rollentyp besetzt, auch wenn er immer noch kein Charakterdarsteller wird. So gut wie in „New Police Story“ ist er zudem nicht, aber der Film kommt ihm dadurch entgegen, dass Quan immer ein bisschen abwesend, ein bisschen seelisch tot und daher emotionsarm erscheint. Eine Wonne ist Pierce Brosnan, der seine schon etwas zwielichtigen Figuren aus „The November Man“ und „No Escape“ aufnimmt und noch eine Spur zwielichtiger macht, als Machtmensch mit eigener Agenda, bei dem man nie genau weiß, ob man ihm trauen kann. In Nebenrollen setzen vor allem Michael McElhatton und Rufus Jones als Hennessys Vertraute sowie Orla Brady als entfremdete Ehefrau Akzente.

„The Foreigner“ ist ein durchaus mutiger Schritt für Jackie Chan, der hier nicht den astreinen Sympathieträger spielt und sich abseits seiner Rolle als Kung-Fu-Clown wagt. Schade nur, dass seine Figur nur begrenzt etwas zu dem Film beiträgt, der mehr als brisanter Politthriller überzeugt. Als solcher hat „The Foreigner“ ein beeindruckendes Stimmungsbild von Machtmenschen, Taktikern und Fanatikern zu bieten, das leider nicht sein volles Potential nutzt, da die Quan-Rolle manchmal wie ein Fremdkörper erscheint. Für einen reinrassigen Actionthriller wiederum sind Quan und die damit verbundenen Schauwerte nicht präsent genug.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "McClane" lesen? Oder ein anderes Review zu "Foreigner, The (2017)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von McClane

Zurück


Copyright © 1999-2018 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

440 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie (2017)
Mom and Dad (2017)
Killing of a Sacred Deer, The (2017)
Folterzug der geschändeten Frauen (1977)
Copykill (1995)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich