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Thor - Tag der Entscheidung (2017)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 01.11.2017, seitdem 726 Mal gelesen



„Gib dem Hammer Zucker!"

Chris Hemsworth war gelangweilt von seiner Rolle als Hammerschwingender Donnergott Thor. Und das völlig zu recht. Dem vielversprechenden, weil selbstironischen und Popart-mythologischen Auftakt von Shakespeare-Könner Kenneth Branagh ("Thor", 2011), folgte zwei Jahre später mit dem ersten Sequel ("Thor - The dark Kingdom") eine arg formelhafte und vor allem humorlose CGI-Leistungsschau. Als Teil des neuen Marvelschen Cinematic Universe musste er dann notgedrungen in zwei aufgetunten Ensemblefilmen mitmischen ("Avengers", "Avengers - Age of Ultron"), wo er bisweilen wie ein Fremdkörper wirkte, v.a. aber neben Alpha-Charismatiker und Avengers-Platzhirsch Tony Stark zum kalauernden Sidekick degradiert wurde. Zwar ging es da seinen Rächer-Kollegen Cap, Hulk und Black Widow auch nicht viel besser, aber für einen nordischen Donnergott mit entsprechendem Ego geht sowas einfach mal gar nicht.

Gut, wenn man zu seinen Kumpels einen Kerl wie Taika Waititi zählen kann. Der Neuseeländer ist ein Star der schrägen Indie-Szene ("5 Zimmer Küche Sarg"), in dessen Filmen eine schier überbordende Phantasie gepaart mit anarchischen Humor mit Vorliebe die Befindlichkeiten männlicher Kindsköpfe ins Visier nimmt. Bei Marvel dürfte Hemsworth mit dieser Empfehlung offene Scheunentore eingerissen haben, denn erstens ist der hauseigene Superheldenstall im Prinzip lediglich eine Rasselbande juveniler Glücksritter und zweitens engagiert man dort bevorzugt unverbrauchte Jungregisseure mit Feuilleton-Meriten, schließlich sorgen die für frischen Ideen-Wind, sind aber gleichzeitig leicht wieder einzubremsen, wenn die Brise ein wenig zu steif wird. Vor allem aber hat man bei den letzten Franchise-Ablegern beste Erfahrungen mit dem Verlassen ausgetrampelter Humorpfade gemacht und mit mal derben ("Deadpool", 2016), mal absurden Humorsalven ("Guardians of the Galaxy", 2014 und "Vol. 2", 2017) die Massen begeistert. So gesehen war Waititis Engagement kein Risiko, sondern eher eine auf kaufmännischer Logik fußende Notwendigkeit.

Schon der Auftakt von „Thor - Tag der Entscheidung" zeigt, dass sowohl Regisseur wie Arbeitgeber ernst machen. Also Ernst mit dem Unernst. Da baumelt unser göttlicher Nordmann in Ketten gewickelt von der Decke einer Vulkanartigen Höhle und sieht sich einem riesenhaften Feuermonster ausgeliefert, das ihm triumphierend Untergang und Vernichtung seiner Heimat Asgard entgegen brüllt. Allerdings wird er bei seinen Ausführungen immer wieder von dem sich permanent um die eigene Achse drehenden Thor unterbrochen, der ihn freundlich bittet doch erst dann fortzufahren, wenn er ihn direkt anblicken kann. Die Message ist klar. Nehmt die ganze Superheldenchose bloß nicht zu ernst, ist doch alles nur ein gigantischer Rummelplatz für kleine und große Kinder. Und man wagt es kaum zu hoffen, aber dieses befreiende Anarcho-Credo durchzieht den ganzen Film.

Da gibt es zum Beispiel einen knallbunten Schrottplaneten, auf dem ein charmant-zynischer Zeremonienmeister sein Volk mit blutrünstigen Gladiatorenkämpfen bei Laune hält. Jeff Goldblum spielt diesen Gewalt-Lustmolch als herrlich süffisanten Paradiesvogel. Aber Waititi traut sich noch weiter vor. So muss sich der verdutzte Thor mit den Respektlosigkeiten einer dauerbesoffenen Walküre (Tessa Tompson) auseinandersetzen, den Verlust gleich zweier seiner Statussymbole - wallende Mähne und geliebter Hammer - verkraften und zu guter Letzt einem für ihn ganz und gar unwürdigen Schauspiel auf Asgard beiwohnen. Dort hat sein intriganter Bruder Loki (Tom Hiddelston) die Gestalt ihres Vaters Odin (Anthony Hopkins) angenommen, in der er alles unternimmt, um Thor zu verunglimpfen und sich selbst zu glorifizieren. Dazu inszeniert er gleichermaßen schwülstige wie schmierige Theateraufführungen. Was der grandiosen Szene gar einen dreifach-bödigen Witz verpasst, ist die Besetzung der „Haupt- Rollen" mit Matt Damon (als Loki), Sam Neil (als Odin) und Chris Bruder Liam (als Thor), die wie miserable Laiendarsteller agieren.

Bei so viel Shauspielspaß blüht auch Titelheld Hemsworth wieder auf und gibt Thor seine ganz spezielle Aura aus augenzwinkernder Arroganz und heroischer Unbedarftheit zurück. Natürlich hilft es auch, dass er mit Cate Blanchett als ihm bis dato unbekannte große Schwester eine genüßlich in ihrer Bos- und Schlechtigkeit aufgehende Widersacherin zu bekämpfen hat. Ein wenig schade ist sicherlich, dass bei ihrer finalen Auseinandersetzung um die Existenz Asgards mal wieder die digitalen Rechenkünstler ihre Muskeln spielen lassen und die aus allen Poren strömende Selbstironie kurzzeitig an den Rand dröhnen. Ähnliches gilt für die erzählerisch großartige, visuell dann aber eben doch wieder nach Schema CGI ablaufende Idee, Thor mit seinem Avengers-Kumpel Hulk in den Gladiatoren-Ring steigen zu lassen. Wenigstens setzt der Bruderzwist mit Loki diesmal voll auf verbale Frotzeleien und Tiefschläge, was v.a. dank Tom Hiddelston ein Heidenspaß ist.

„Thor - Tag der Entscheidung" (den sehr passenden Untertitel „Ragnarok" hat man hierzulande mal wieder völlig unverständlicherweise über Bord geworfen) hält also beinahe alles, was sich Hemsworth und die Waititi-Kenner von der Verpflichtung des Neuseeländers versprochen haben. Der Film ist zum Schreien komisch, ohne je doof zu sein. Der Humor ist unkonventionell, aber dennoch für den handelsüblichen Marvel-Fan leicht verdaulich. Visuell, personell und refentiell zündet Waititi einen Kracher nach dem anderen, ohne dass der Film überfrachtet und hektisch wirken würde. Im Marvel-Universum kommen die Galaxis-Wächter diesem rotzigen Ansatz am nächsten, müssen sich aber auf der Ziellinie einigermaßen deutlich geschlagen geben. „Thor 3" ist damit zusammen mit "The Winter Soldier" nichts weniger als der bis dato in sich stimmigste Beitrag zum Cinematic Universe. Ein meisterliches Stück moderner Massenunterhaltung für alle großen und kleinen Kindsköpfe mit unverkennbarer Handschrift eines eigenwilligen Regisseurs. Da kann man bei möglichst griffiger Etikettierung ruhig auch mal auf eine nicht ganz so schickliche Vokabel zurückgreifen: hammergeil!


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