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Tatort: Der kalte Fritte (2018)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 14.02.2018, seitdem 52 Mal gelesen



Feiertags-Weimar-„Tatort“ mit Lessing/Dorn (Christian Ulmen/Nora Tschirner), der sechste, diesmal anlässlich der Karnevalsfeierlichkeiten 2018. Das Drehbuch musste Murmel Clausen diesmal allein verfassen, die Regie führte Titus Selge („Tatort: Am Ende des Tages“). Glücklicherweise widmete man sich gänzlich unkarnevalistischen Themen:

Ein Auftragskiller (Lars Rudolph, „Lola rennt“) erschießt den Milliardär Alonzo Sassen in dessen Villa, wird kurz darauf jedoch selbst gerichtet, nämlich von Sassens junger Frau Lollo (Ruby O. Fee, „Als wir träumten“). Das Motiv schien ein Kunstraub zu sein, doch auf diese Finte fallen die Kommissare Dorn und Lessing nicht herein: Sie sollte von einer weitaus komplexeren Gemengelage ablenken. Das Ermittlerduo heftet sich an Lollos Fersen, die in Fritjof „Fritte“ Schröders (Andreas Döhler, „Der Turm“) Bordell führen – ihrem ehemaligen Arbeitgeber, den sie nach einer erneuten Anstellung fragt. Um Frittes Bruder Martin (Sascha Alexander Geršak, „Winterkartoffelknödel“) ist es wirtschaftlich wesentlich schlechter bestellt: Zusammen mit seiner Frau Cleo (Elisabeth Baulitz, „Polizeiruf 110: Im Schatten“) betreibt er einen unrentablen Steinbruch. Sie hoffen darauf, dass ihr Steinbruch für das geplante „Goethe-Geomuseums“ gepachtet wird, um sich finanziell zu sanieren. Jedoch hatte auch Sassen der Stadt ein Baugrundstück offeriert… Und dann ist da noch Architekt Prof. Ilja Bock (Niels Bormann, „Mondkalb“), der ein intimes Verhältnis zu Cleo zu unterhalten pflegt. Weshalb also musste Sassen wirklich sterben?

In zunächst gewohnt humoristischer Weise gehen Dorn und Lessing dieser Frage nach und lernen dabei u.a. Kommissariatsleiter Kurt Stichs (Thorsten Merten) Vater (Hermann Beyer, „Dark“) kennen, der es mit dem Gesetz weit weniger genau nimmt als sein Filius. Den übrigen Charakteren mangelt es diesmal jedoch nicht nur an Profil, sondern vor allem an der Sympathie, die man als Zuschauer manch Delinquent oder schlicht schrägem Vogel in den vorausgegangenen Weimarer Fällen entgegenbrachte. Dafür ist die Zahl der Personalien dann auch etwas hoch, deren Rollen sich aufgrund der größeren Unnahbarkeit der Figuren schwieriger erschließen, selbst wenn in den Dialogen alles Wichtige bereits gesagt worden ist. Die Handlung läuft diesmal nicht so leicht rein wie sonst.

Eine offenbar bewusst eingeführte Veränderung sind die ungewohnt ernsten Momente, die den komödiantischen Tonfall konterkarieren: Gerade noch räkelte sich die verdeckt ermittelnde Dorn im Nuttendress an einer Tanzstange – eine köstliche Szene, die bewusst nicht auf Erotik getrimmt wurde, sondern vielmehr eine Persiflage auf Poledance darstellt –, da wird sie im nächsten Moment misshandelt und zu vergewaltigen versucht. Den Zuschauer trifft dies wie ein Schlag und lässt ihn alles andere als unberührt; die Sequenz steht gewissermaßen sinnbildlich dafür, wie schnell aus Spaß bitterer Ernst werden kann. Die Handlung mündet gar in ein hochdramatisches Finale, in dem auch Lessing an seine Grenzen gerät und in einer Mischung aus purer Wut und Verzweiflung einen schweren inneren Kampf auszufechten hat, während er mit der Waffe auf den Verantwortlichen zielt. Dieser „Tatort“ legt es offenbar darauf an, die verletzliche Seite der sonst so abgeklärten Ermittler zu zeigen, sie aus ihrer Sicherheit, in der sie sich mit ihrer vorausschauenden Intelligenz, ihrer Bildung und ihrem Sarkasmus sowie nicht zuletzt ihrer Zweierbeziehung wähnen, zu reißen. Diese Momente gehen wahrlich an die Nieren.

Dennoch bleibt genügend Zeit für Dorns süffisante sarkastische Kommentare, Lessings Klugscheißereien (man bekommt wieder ein paar Lektionen mehr oder minder unnützen Wissens mit auf den Weg) und etwas Screwball-Comedy zwischen beiden, beispielsweise in Gesprächen über den gemeinsamen, nach wie vor nie gezeigten Sohn. Und dann ist da ja auch noch Ruby O. Fee, die in Interviews stets den Eindruck macht, etwas neben sich zu stehen und deshalb perfekt geeignet ist für die verwirrt erscheinende Lollo, die statt Kaffee Milch aufsetzt, aber ganz gut im Kopfrechnen ist. Und anscheinend auch in manch anderem…


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