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Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 4 / 10)
eingetragen am 01.01.2004, seitdem 881 Mal gelesen



Ein Kind liegt tot auf der Straße im Schnee. Fünf Stockwerke ist es vom Dach eines Hauses herabgefallen. Ein Unfall, es gibt keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung, auf dem Dach sind außer den Fußspuren des Jungen keine weiteren. Obwohl der Fall also ganz klar liegt, zweifelt eine junge Frau und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Dieses besserwisserische "Ich-ermittle-und-überlaß-das-nicht-der-Polizei-weil-die-kann-das-eh-nicht"-Getue kann ich schonmal gar nicht leiden, erst recht nicht wenn es sich um eine so unsympathische Figur wie die der Fräulein Smilla (Julia Ormond) handelt. Also war bereits nach wenigen Minuten meine Stimmung auf dem Nullpunkt, aber was will man machen, für so ein Review muß man den Film schon bis zum Ende durchstehen.

Der "Thriller" (wie er vollmundig angekündigt wurde) entwickelt sich im weiteren Verlauf vorhersehbar weiter, ohne mit überraschenden Wendungen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu buhlen. Da ist ein Obduktionsbericht natürlich lückenhaft, der untersuchende Arzt verschweigt natürlich etwas, die Smilla ist schnell überzeugt: das ist Mord. Um's vorwegzunehmen: Sie hat Unrecht. Dadurch wird jetzt aber ein eventuelles Filmvergnügen nach dieser Information nicht mehr oder weniger spannend.

Der Film zielt stark auf die Schiene "weibliche Intuition", alles beruht auf vagen Vermutungen und Gefühlen, daher auch sehr treffend das "Gespür" im Filmtitel. Nur ist das alles leider so dermaßen unrealistisch, unlogisch und nicht nachvollziehbar, die Smilla so unsympathisch distanziert und unterkühlt, daß der Film immer stärker an den Nerven zehrt. Stellenweise hegt man die Vermutung, daß genau das der Regisseur gewollt hat: Schließlich gibt sie es ihrem Nachbarn gegenüber ja irgendwann auch zu: "ich bin schroff". Ein Thriller, der an unseren Nerven zehrt, weil er uns über die eigene gewollte Schlechtigkeit aufregt?

Gespickt ist das Spektakel mit lustigen Bibelszenen bei altersschwachen Mütterchen im Wohnblock, lustigen Hausdurchsuchungen ohne Hausdurchsuchungsbefehle (und vom Staatsanwalt durchgeführt), Erpressungen seitens der Kriminalpolizei, der Staatsanwalt bricht bei der Smilla in die Wohnung ein, die Smilla bricht bei der Firma Grönland-Minen ein... Ob ein Film gut oder schlecht ist erkennt man oft an den Details, wie stimmig sind sie, wie liebevoll gestaltet? Und hier versagt der Film so schamlos wie kein zweiter mit erschreckend vielen Unstimmig- und Peinlichkeiten.

Einige Highlights: Anrufbeantworter ohne Ansagetext (der Anrufer spricht direkt auf Band), nach Bildschnitt ist die vorher verwüstete Wohnung pikobello aufgeräumt, der Nachbar (Legastheniker) kann angeblich nicht lesen oder schreiben, hat aber zahlreiche Bücher im Regal stehen, eine S-Klasse bremst mit quietschenden Reifen (hallo, die hat ABS!) - und igendwann ab der Filmmitte wollen alle plötzlich die Smilla umbringen. Ab genau dieser Stelle wird der Film sogar richtig schlecht, nun wird gar nicht mehr versucht zu retten was eh schon verloren ist, nun wird offen sichtbar mit bruchstückhaftem Material und abstruser Aneinanderreihung von angeblich Spannung versprechenden Szenen gearbeitet.

Smilla heuert auf einem Forschungsschiff an: völliger quatsch, wer würde eine unbekannte, auf der Flucht befindliche Frau als Matrose anheuern, und das von jetzt auf nachher, just in dem Moment als das Schiff gerade im Begriff abzulegen ist? Bitte - etwas Planung setzt das schon voraus, und das ärgerliche ist: Der Film lässt genug Raum, um diesen Schritt nachvollziehbar zu gestalten. Stattdessen ist es halt, knall, einfach so - Zuschauer, friß daß das ne Tatsache ist, wunder Dich nicht weiter, das muß jetzt so sein. Frei nach dem Motto: reim Dich oder ich freß Dich. Und so gehts grad weiter: alles stellt sich als halb so wild heraus, trotzdem bringen sich auf einmal alle gegenseitig um. Der Kapitän bringt später jemanden um und rettet so die Smilla vor dem sicheren Tod, da mußte ein Grund her für die Rachewut des Käptn's: sein Sohn wurde erstochen, der natürlich (der Klischees nicht genug) heroinsüchtig war. Schade, daß hier der zweite Weltkrieg, allgemeine Hungersnot, AIDS und das Regenwaldsterben nicht auch noch mit reingepackt wurden - der Film versucht fehlende Unterhaltung und Spannung durch sozialkritische Komponenten auszugleichen, mann mann mann... Sowas regt auf und macht eine eigentlich gute Geschichte völlig zunichte, der Film bleibt schlecht bis zur letzten Szene, als es unser Freund Legastheniker-Nachbar in wenigen Sekunden gelingt einen ganzen Eisberg zu sprengen und mit locker entspanntem romantös-verzerrtem Gesichtsausdruck zu seinem Schatzi schlendert. Brüller!

Der Film macht zum Schluß richtig wütend. Die Geschichte ist nämlich im Kern wirklich gut, der Stoff liefert ausreichend Möglichkeiten für eine spannende Story. Stattdessen muß alles was James-Bond-like ist mehr schlecht als recht reingepackt werden, inklusive geheimer Geheimdienstgeheimnisse, und das alles schlecht schlecht und nochmals schlecht inszeniert. Man wird wütend darüber, daß hier die vorhandene Chance einen richtig guten Film zu machen verpatzt wurde und wütend, daß man sich das fast zwei Stunden antun muß, weil man ja doch wissen will wie das alles letztlich so war mit dem Tod von dem Inuit-Jungen. 0 Punkte für den Film, 2 für die Story, 2 für die Schauspieler (Mario Adorf und Jürgen Vogel, leider beide viel zu kurz mit von der Partie) - macht 4/10.


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