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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von
eingetragen am 25.07.2007, seitdem 938 Mal gelesen



Ich möchte in diesem Review nicht groß auf die Handlung des Films eingehen, sondern  versuchen Klarheit in meine eigenen Gedanken bzgl. desselben zu bringen und mich mit "Cannibal Holocaust" und seiner Wirkung so gut es geht auseinander zu setzten.

Gleich vorweg: Deodatos Film gehört wahrscheinlich zu den eindrucksvollsten Filmen die ich bisher gesehen habe, aber mit Sicherheit zu den schrecklichsten. Wer durch diesen Film nicht irgendwie berührt wird und ihn als amüsanten Splatterfilm abtut dem ist nicht mehr zu helfen und ich wünsche demjenigen viel Glück in seinem weiteren Leben als Soziopath.
Das der Film keine leichte Kost ist und selbst dem hartgesottensten Genrefreund auf den Magen schlägt wusste ich bereits. Lange Zeit hab ich mich auch vor diesem Film gedrückt, schließlich muss man ja nicht alles sehen. Heute war es dann aber doch soweit. Also DVD in den Player und das Wechselbad der Gefühle beginnt.

Friedlich fängt es an, Luftaufnahmen des Amazonasgebiets gepaart mit Riz Ortolanis wunderschönem Titeltrack schaffen eine trügerisch ruhige Atmosphäre.

Nach einem kurzen Intermezzo, in dem wir erfahren das ein Filmteam, das sich auf der Suche nach Kannibalen im Amzaonas befand, verschwunden ist und sich nun ein Anthropologe auf die Suche nach demselben macht, befinden wir uns wieder im Djungel. Und schon beginnt es kontrovers zu werden. Die "Reisegruppe" des Wissenschaftlers tötet ein mir unbekanntes Pelztierchen um nach dem Verspeisen des selben eine brutale Vergewaltigung mit Todesfolge zu beobachten.

Ich weiss nicht was schlimmer wirkt: Die reale Tiertötung, die für den Verlauf der Handlung volkommen unnötig ist und auch keine wie immer geartete Botschaft enthält oder die gespielte Vergewaltigung des Indio Mädchens. Deodatos Film soll ja angeblich (zumindest in der zweiten Hälfte des Films) unter anderem die Botschaft vermitteln, dass das "Einbrechen" des weissen Mannes in "rückständige" Kulturen das wahre Übel ist. Wenn diese Botschaft vermittelt werden soll, ist diese Szene absolut kontraproduktiv, da sie zum schlimmsten gehört das je auf Zelluloid gebannt wurde und die Kultur der "Wilden" mindestens so barbarischen (wenn nicht noch schlimmer) erscheinen lässt wie das Benehmen des Filmteams im zweiten Teil des Films. Zudem wirkt sie extrem reisserisch, so das man am liebsten den "Genuss" des Films beenden möchte und den Regisseur am liebsten totschlagen.

Doch sobald die Sichtung der Bänder des verschollenen (bzw. mittlerweile verwesten) Filmteams beginnt änderen sich Stil und Aussage des Films komplett. Mit verwackelter Handkamera wird die Geschichte der anfangs durchaus sympatisch wirkenden Dokumentarfilmer erzählt. Doch nach und nach, je tiefer es in den Dschungel geht, stellen sich die weissen Eindringlinge als ebensolche Barbaren heraus. Sie misshandeln und ermorden die "Wilden" wie es ihnen gefällt und verbrennen die halbe Dorfgemeinschaft um das als vermeintliches Massaker eines verfeindeten Stammes darzustellen. Wir haben mittlerweile auch erfahren, das sie schon früher, als sie eine "Dokumentation" in Afrika drehten, reale Erschießungen verschieben oder gar extra für die Kamera inszenieren ließen.

In einem Interview sagte Regisseur Deodato sinngemäß, dass er die fixiertheit der Medien auf Gewalt kritisieren wollte. Das kann eine nachträgliche Behauptung sein, um den Film von jeder Anklage der sinnlosenen Metzelei freizusprechen, kann aber auch durchaus der Wahrheit entsprechen. Das Filmteam könnte eine Anspielung auf die berüchtigten "Mondo" Regisseure Jacopetti und Prosperi ("Mondo Cane", "Afrika Addio") sein, denen ja vorgeworfen wurde ähnliche Methoden wie das fiktive Filmteam (also z.B: die Inszenierung von Hinrichtungen) benutzt zu haben. Ebenso spricht für diese bewusste Medienkritik, dass die Chefetage des TV Senders für den das Filmteam unterwegs war den Film auf jeden Fall austrahlen will. Als der Professor, der das Material schon kennt, von den Greueltaten des Teams berichtet, zeigen sich die Produzenten unbeeindruckt, denn diese "Rohfassung" würde ja ohnehin noch geschnitten. Eine Anklage gegen die Gewissenlosigkeit der Medien? Oder an der Gesellschaft, die immer alles sehen will? In einer Zeit in der die Hinrichtung von Saddam Hussein von Handy zu Handy geht ein Thema wie es aktueller nicht sein kann. "Schauen sie ruhig hin, sie haben ein recht es zu sehen" heisst es in "Babel" von Elfriede Jelinek, einem Bühnenstück das sich mit dem selben Thema, der Sensationsgier und der Blutgeilheit der Medien, widmet. Und das wirft die Frage auf: Muss man wirklich alles sehen?

Das wäre eine wunderbare, wichtige Kernausage/-frage des Films. Aaaaaaaaaaber: Deodato bedient sich der selben Mittel! Die anschließende Vergewaltigung eines Indio Mädchens durch die männlichen Mitglieder des Filmteams ist für die Story nicht unbedingt von Nöten, die "Rache der Kannibalen" (Hahaha) wäre durch die bisherigen Taten der "Zivilisierten" schon gerechtfertigt (exploitativ inszenierte Vergewaltigungen find ich generell Scheisse, das ging mir schon oft z.B: bei Fulci's "Syndicat des Grauens" auf die Eier, um mal das Schönsprechen Schönsprechen sein zu lassen).

Und die medienkritische Aussage des Films wird dadurch verwässert, denn diese Aufnahmen würden ja ohnehin nicht über den Bildschirm eines Fernsehers im Rahmen einer Dokumentation über "die Wilden" von anderswo flimmern. Die Szene ist daher genauso unnötig und reisserisch wie die häufigen Tiersnuff Szenen. Die sind nicht nur unwichtig für die Story sondern schlicht und ergreifend verabscheuungswürdig.

Das die Tiere anschließend tatsächlich gegessen wurden mag sein, das ist aber keine Entschuldigung. Fleisch esse ich auch (sogar für mein Leben gern) aber es ist ein Unterschied ob ein Tier so schnell wie möglich getötet wird (und ich hoffe das das in den meisten Agrarbetrieben in der "zivilisierten" Welt so gehandhabt wird) oder ob es (wie Tierchen Nummer 1, das nicht "professionell geschlachtet wird, sondern langsam abgestochen) leiden muss und der Todeskampf auch noch für einen Spielfilm festgehalten wird. Das ist Scheisse.
Die andere, oft angenommene, Aussage, das die "zivilisierten" Weissen die wahren Wilden sind, halte ich für vorhanden, aber dennoch Grundfalsch. Wild sind alle, zivilisation macht die Menschen weder besser noch schlechter. Die Rituale der Kannibalen sind genauso verabscheuenswürdig wie die des Filmteams. Und die Finale Frage, wer denn nun die wahren Kannibalen seien ist einfach mit "Alle" zu beantworten. Der Mensch ist immer, überall ein Tier und "hominus homini lupus est" oder so. Ob er nun Filmproduzent oder Kannibale ist. Oder ob er moralingesäuerte Filmreviews in seinen Computer tippt.

Das hört sich jetzt alles sehr nach einer schlechten Wertung an. Aber so wiederlich und schrecklich der Film auch ist, er ist andererseits fantastisch inszeniert und geschrieben und fesselt einen sofort. Vorallem die unglaublich realistisch aussehenden Aufnahmen verstören ungemein und übertreffen in ihrer Wirkung harmlose moderne Kopien wie "Blair Witch Project" bei weitem.

Ist Cannibal Holocaust jetzt ein Unterhaltungsfilm oder eine kritischer, künstlerisch wertvoller? Deodato konnte sich anscheinend nicht entscheiden und auch ich kann es nicht. Aspekte von beidem sind da und ich möchte nicht gefragt werden ob ich dem Film 1 oder 10 Punkte geben würde. Es wäre beides möglich, ich glaube allerdings nicht, dass ich noch mal zu einer Entscheidung gelangen werde, denn so bald wird der Film sicher nicht wieder bei mir laufen (ganz im Gegensatz zum wunderbaren Titelstück übrigens)

Wer seine Grenzen austesten möchte oder einen interessanten, abstoßenden und faszinierenden aber auf jeden Fall diskussionswürdigen Film sehen möchte, der soll in die nächste Videothek  gehen. Eine Kaufempfehlung gibts trotzdem nicht, weil das einfach alles ganzschön viel ist. Von allem.


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