Ansicht eines Reviews

Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 12.06.2008, seitdem 2158 Mal gelesen



Die Welle des italienischen Kannibalenfilms zwischen 1972 und Mitte der 80er Jahre ist nur eine konsequente Weiterentwickelung von Jacopettis Mondo-Dokumentarismus ("Mondo Cane" (1962) etc.) und den seit 1968 beliebten neuen Zombiefilmen - Exotismus und spekulativer Kitzel, mit dem Tabubruch des Kannibalismus auf seinen damaligen Gipfelpunkt getrieben. Deodatos "Cannibal Holocaust" kann als qualitativer H√∂hepunkt dieses w√ľsten Mord und Totschlag Genres bezeichnet werden und bietet neben eindeutiger Exploitation auch gleich die Reflexion der perversen Schaulust, was aus ihm auch eine grimmige Satire auf skrupellosen Medienbetrieb macht. Freilich: einige seiner Vorw√ľrfe und Kritikpunkte muss der Film auch sich selbst gefallen lassen, das bringt die Mischung aus Exploitation und Exploitation-Kritik mit sich und kann dem Film zum Vorwurf gemacht werden. Doch werden ethische √úberlegungen nicht dadurch ung√ľltig, dass der Urteilende selbst sie nicht beachtet - und so ger√§t "Cannibal Holocaust" zu einem durchaus nicht unbeachtlichen Genrebeitrag, wenn er sich auch inkonsequent entwickelt.

Ein Suchtrupp sucht im Amazonasgebiet nach einem verschollenen Dokumentarfilmerteam und kann nach einem abenteuerlichen H√∂llentrip nur noch die gefundene Kamera der Verschollenen in die Heimat zur√ľckbringen. Dort pr√ľfen die Auftraggeber, ob das Material sendef√§hig ist und werden ebenso wie die Zuschauer Zeugen von Akten der Gewalt und Gegengewalt - eine Pr√§sentationsweise, die an die Fake-Dokus von Peter Watkins erinnert und innerhalb des Genres gro√üen Einfluss auf "Blair Witch Project" (1999) und dessen Nachz√ľgler hatte. Das Filmteam zeigt sich auf dem gefundenen Material von der denkbar schlechtesten Seite: Sie unterdr√ľcken die Eingeborenen, vergewaltigen eine junge Frau, die sie hinterher auf einen Pfahl gespie√üt als vermeintliches Opfer kannibalistischer Riten abfilmen, unterlassen grunds√§tzlich jede Hilfeleistung und z√ľnden ein ganzes Dorf an, um eine verwertbare Kriegssituation zu suggerieren. Nun l√§sst das, was Umberto Lenzi - der Begr√ľnder dieses Genres - ein Jahr sp√§ter als "Rache der Kannibalen"(1981) ["Cannibal Ferox"] inszenieren sollte, nicht lange auf sich warten: in verwackelten, verruckelten und schmutzigen Bildern, die eine Reduzierung des Distanz des Zuschauers zum nun vermeintlich authentischen Geschehen zu erreichen trachten, wird gezeigt, wie das Team allm√§hlich von den Unterdr√ľckten dezimiert wird.

Deodato, der wenig sp√§ter auch mit seinem "Last House on the Left" (1972) Plagiat "La Casa sperduta nel parco" (1980) einen reaktion√§ren Stoff ablieferte, in dem ausge√ľbte Gewalt ebenfalls nach brutaler Gegengewalt verlangte, hat mit "Cannibal Holocaust" einen der verst√∂rendsten Horrorfilme seiner Zeit geschaffen.
Das Filmteam, um welches es geht, erweist sich nach und nach als egoistisch und sadistisch, als karrieregeil und geldgeil. Die primitiven Gewalttaten, die sie festhalten wollen - und mit denen "Cannibal Holocaust" selbst seine Zielgruppe ins Kino lockt - erweisen sich nahezu √ľberwiegend als Inszenierungen des vermeintlichen zivilisierten Menschen: er bringt sie hervor, er h√§lt sie fest, er h√§lt sie am Leben und l√§sst sie f√ľr seine Zwecke arbeiten Was Deodato seinerzeit vor allem als Reaktion auf die Ausschlachtung der blutigen Taten der Brigate Rosse in den Medien bezeichnete, ist keinesfalls blo√ü eine Kritik an einem gedankenlosen Sensationsjournalismus, sondern auch eine Kritik an der Manipulationskraft der Medien, auf eine "Strategie der Spannungen", wie sie seinerzeit in Italien zu beobachten, bisweilen blo√ü zu erahnen war. Dieses subversive Prinzip √ľbernahm auch Lenzi sp√§ter in "Cannibal Ferox", ebenso das Prinzip des Rape-and-Revenge-Films, dem "Cannibal Holocaust" auch einen Teil seiner unangenehmen Wirkung verdankt: der ersehnte Befreiungsschlag des Unterdr√ľckten ger√§t zum bestialischen Spektakel - was man den Opfern zuvor noch √ľber manipulative Inszenierungen an Grausamkeiten unterstellen wollte, begehen diese nun aus freien St√ľcken. Zynismus pur.

Damit hockt der Film irgendwo zwischen allen St√ľhlen: zwischen Exploitation und Kritk der Exploitation, zwischen rassistischen Klischees und ihrer kritischen Betrachtung, zwischen reaktion√§rer Moral und zynischer Satire - aber auch zwischen expliziter Grausamkeit und ihrer Verschleierung: Deodato setzt auf spekulative Splatterszenen, treibt diese √ľber seine Authentifizierungsstrategien wieder an den Rand und Unkenntlichkeit, was zwischen Schaulust und selbstreflexivem Blick weder dem blo√üen Splatter-Publikum, noch dem vor allem an der Satire interessierten Publikum dienlich ist. Eine Unentschiedenheit, die dem Film vielleicht ein wenig schadet, aber auch nicht ohne jeden Reiz daherkommt.
Einige √ľberaus gelungene Bilder - etwa die gepf√§hlte Frau, die das m√∂rderische Kamerateam mit aufgesetzt deprimierter Mimik abfilmt[1], oder aber der makabere Totempfahl aus Totensch√§deln und Kamerabruchst√ľcken - geh√∂ren wohl zu den l√∂blicheren Einf√§llen des Films, die Thematisierte Schaulust zu verbildlichen. Selbst die oft kritisierten Tiersnuffszenen - nat√ľrlich unreflektiert als blo√ü exploitatives Mittel eingesetzt - erhalten in diesem Zusammenhang einen gewissen Sinn, indem hier die Schaulust mit dem Wissen um den wahren Hintergrund gekreuzt wird und man als Zuschauer quasi mitschuldig wird.
Auf der anderen Seite tr√§gt das immer platte Schauspiel der Darsteller und das in seiner Aussage oft sehr aufdringliche Drehbuch dazu bei, dass der Film immer wieder stark zur√ľckf√§llt - durch den Verzicht auf die aufdringlich-banalen Dialoge und mit besseren Darstellerleistungen h√§tte der Film wohl eine Spur besser werden k√∂nnen.

Als ernstzunehmder Kommentar, als bissige, rabenschwarze Satire kann der Film trotz grandioser Momente nie so richtig √ľberzeugen, aber als √§u√üerst deprimierender, bewusst dreckig gehaltener Film, der nach jedem erneuten Betrachten einen ganz bitteren Nachgeschmack hinterl√§sst - gerade weil man als freiwilliger Zuschauer wie Deodatos selbst zum Teil einer Asubeutung wird, die der Film kritisiert, und auch, weil die wundersch√∂ne, von Riz Ortolani komponierte Musik als Kontrast die Wirkung des Geschehens noch verst√§rkt - ist Deodatos Meisterst√ľck v√∂llig geeignet.
Schwache 7/10.


1.) Grausige Ironie: ging man seinerzeit zun√§chst davon aus, Deodato habe f√ľr diese Szene eine tats√§chlich gepf√§hlte Frau gefilmt - was Deodato freilich leicht widerlegen konnte -, √ľbersah man zumeist v√∂llig, dass die Erschie√üungen, die der fiktive Dokumentarfilm im Film pr√§sentiert, durchaus real waren: sie fanden bereits in Barbet Schroeders "Idi Amin Dada" (1974) Verwendung.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "PierrotLeFou" lesen? Oder ein anderes Review zu "Nackt und zerfleischt (1980)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von PierrotLeFou

Zurück


Copyright © 1999-2018 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

835 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Safe House (2012)
Silver Linings (2012)
Riding the Bullet (2004)
PTU (2003)
K√ľssen verboten! - Honeymoon mit Hindernissen (2011)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich