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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 24.04.2009, seitdem 1337 Mal gelesen



Dies ist also der sagenumwobene Kannibalenfilm schlechthin. Sicherlich gehört er zu den besten seiner Art, wenn er nicht sogar dem gesamten Genre die Krone aufsetzt. Aber ich will versuchen, den Film in einem gesamten Kontext zu beurteilen und mich nicht nur speziell auf das Genre Kannibalenfilm beziehen.

Schon zu Beginn der 60er Jahre kamen die sogenannten Mondo-Filme in Mode, die im dokumentarischen Stil echte Tötungen an Tieren und auch Hinrichtungen von Menschen kommentarlos aneinanderreihten. Ganze zehn Jahre später entstand dann mit Umberto Lenzi's Mondo Cannibale ein Film, der solche grausamen Szenen in ein Filmgewand hüllte und mit einer Abenteuerstory verband- geboren war der Kannibalenfilm. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis diese Richtung endgültig salonfähig wurde, aber zum Ausgang des Jahrzehnts hatten sich dann mehr oder weniger alle relativ namhaften italienischen Regisseure zumindest einmal in diesem Genre versucht. Und ein spezielles italienisches Subgenre blieb es auch.
Ruggero Deodato, der Regisseur (wenn man ihn hier so nennen will) vorliegenden Streifens, arbeitete schon mit Roberto Rossellini und drehte zuvor verschiedene Filme-so z.B. Concorde Affaire'79 (Das Concorde-Inferno) oder auch mal einen harten Polizeithriller, bis er mit Ultimo Mondo Cannibale (Mondo Cannibale 2- Der Vogelmensch)-dem Quasi-Nachfolger von Lenzi's Werk aus 1973-engültig auf den Geschmack kam.

Mit vorliegendem Werk beweist Deodato, dass er zwar ein sehr guter Vermarktungsstratege seiner Filme ist, aber nicht unbedingt ein großer Regisseur, was auch seine späteren Arbeiten bezeugen. Ohne Zweifel präsentiert er mit Cannibal Holocaust einen sehr interessanten Plot-sozusagen eine Dokumentation in der Dokumentation. Doch wenn schon so etwas wie Gesellschaftskritik aufkommen soll-und das schafft der Film nur bedingt-dann bitte nicht in solch einer lächerlichen Pseudo-Inszenierung. Sicherlich lag ihm eine Kritik des Umgangs der sogenannten zivilisierten Bevölkerung mit den Ureinwohnern anderer Kulturen am Herzen und das merkt man auch im Film, aber dann sollte man auch einen ernsthafteren Inszenierungsstil einschlagen und es nicht beim bloßen Versuch belassen.
Denn, wie die "Schauspieler" hier agieren, ist mehr als amateurhaft, v.a. das brutale Doku-Team im Dschungel, und da insbesondere die Frau, ist hier ständig dermaßen am Overacting, dass es einem irgendwann auf die Nerven geht. Dazu dient der plötzliche und völlig unmotivierte Angriff auf das Dorf nur als Vorwand, um anschließend noch mehr Gewalttätigkeiten auf beiden Seiten zu zeigen. Die obligatorischen Tiertötungsszenen, die bei solchen Filmen leider immer zu beklagen und teilweise besonders widerwärtig anzusehen sind, sind auch extrem selbstzweckhaft inszeniert und dienen in keiner Weise der Fortführung des Films. Es ist einfach unlogisch, dass dabei wirklich anscheinend alles durch die Doku-Filmer aufgezeichnet wird. Sogar die Gruppenvergewaltigung an der Eingeborenen und die selbstentlarvende Brandschatzung des Dorfes kommen mit aufs Band, das später in New York angesehen wird.

Abgesehen von diesen ganzen Mängeln muß man doch bedenken, zu welcher Zeit dieser Film entstand. Das Publikum war aufgrund des realen Stils dieser augenscheinlichen Dokumentation entsprechend schockiert. Dies ging sogar soweit, dass der Regisseur des Mordes an den Schauspielern angeklagt wurde, da die dementsprechenden Szenen ebenfalls allzu real wirkten und man bis dahin so etwas noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Zumal wies Deodato seine Darsteller an, für mindestens ein Jahr nicht öffentlich tätig zu werden, um den Echtheitseindruck noch zu untermauern. Für die Gerichtsverhandlung musste er sie dann aber aus verständlichen Gründen wohl oder übel aus dem Hut zaubern. Soweit ging sein Marketing-Verständnis dann wohl doch nicht. So wurde er lediglich zu einer Geldstrafe, aufgrund der im Film nun wirklich vorkommenden Tiertötungen, verurteilt. Auch wenn die Tiere danach wirklich verspeist wurden, rechtfertigt dies wohl nicht eine solche mißbräuchliche mediale Ausschlachtung, zumal die "Darsteller" dabei auch noch richtig Freude zu haben schienen.

Aber von Darstellern kann man hier, wie schon beschrieben, ohnehin nicht reden. Die Amateure aus dem Dschungel haben weder vorher noch nachher viel aufzuweisen; einzig hervorzuheben ist noch der einigermaßen überzeugende Robert Kerman, was verwundern dürfte, mußte er doch ob seiner großen Erfahrung im Erwachsenen-Filmbereich in seinem übrigen Schaffen nicht soviel reden vor der Kamera.
Hätte man nicht am falschen Ende gespart und nicht unbedingt ein paar egozentrische Laien-Theater-Darsteller engagiert, würde die ganze bedrohliche Atmosphäre, die doch durchaus vermittelt wird, noch besser zur Geltung kommen.
Hervorragende Arbeit hat hierbei einmal mehr Riz Ortolani geleistet, der einen mit seinem Soundtrack bereits im Vorspann in Verbindung mit der Ansicht des Amazonas in Sicherheit wiegt und der im krassen Gegensatz steht zu den kommenden Schrecken.

Mit Sicherheit handelt es sich bei Cannibal Holocaust um den wohl besten Genrebeitrag. Die sozialkritische Botschaft, die vermittelt werden soll, kommt schon irgendwie-wenn auch mit dem Holzhammer-an. Jedoch scheitert der Film gerade bei diesem lobenswerten Versuch an seinem eigenen Anspruch, indem er doch wieder alle genreüblichen Zutaten inclusive Tiertötungen erfüllt.
Für den Kannibalenfilm bedeutete dieser Streifen den Höhepunkt- danach konnte es nur noch bergab gehen, was umtriebige Leute wie beispielsweise Trash-Papst Jess Franco bewiesen, bis das Thema spätestens Mitte der 80er Jahre völlig ausgelutscht war.

Eines muß man gestehen-Deodato verstand es zu jener Zeit, die Zuschauer bewusst zu schocken. Heute gelingt so etwas kaum noch-erst recht nicht Deodato-denn von dem war danach auch nicht mehr viel zu sehen...

Der Höhepunkt des Kannibalenfilms. Rein objektiv gesehen aber

5 / 10 Punkte


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