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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 22.11.2009, seitdem 768 Mal gelesen



Eigentlich hatte mich die Thematik nie sonderlich interessiert, so mied ich auch lange diesen Film, auch wenn immer darüber berichtet wurde und er als DER Kannibalenfilm gilt. Als mir dann irgendwann ein Kollege viele Filme mitbrachte und dieser zufällig darunter war, musste ich mir doch mal meine Meinung darüber bilden. Nach dem Ansehen dieses Filmes, war mir dann aber auch wieder klar, warum mir die Thematik eher missfällt und ich solche Filme eher verachte.

Diese obrigen Zeilen schrieb ich vor nicht allzu langer Zeit, vor gefühlten 2 Jahren über dieses extrem aufrüttelnde, anstössige und zwiespältige Werk, dass zwar sicherlich heute noch, vielleicht mehr als je polarisiert, und zigverschiedene Interpretationsmöglichkeiten liefert, aber nicht destotrotz, auch vollkommen zurecht als Meilenstein des Kannibalenfilms gilt. Ein Film der in seiner kühlen, widersprüchlichen, aber auch direkten Darstellungskraft absolut zermürbend ist.

Die Story wurde in den Reviews hier schon zuhauf und zugenüge durchgekaut und werde deswegen nur bedingt darauf eingehen. Bei Kannibalenfilmen ist dies aber auch eher unnötig, da die Handlung meist vorhersehbar ist. 

Nachdem ein Filmteam nach einer Expedition aus dem Dschungel nicht zurückkehrt, in dem sie eine Dokumentation über die letzten Kannibalen drehen wollten, schickt man ein zweites Team dorthin um nach diesen zu suchen. Tatsächlich findet man irgendwann deren Leichen gestapelt zusammen mit dem zurückgelassenen Material in der Nähe des Kannibalenstammes. In den Staaten wieder angelangt, beäugt man das gedrehte Material des vierköpfigen Filmteams und muss voller Entsetzten feststellen, mit welcher Sensationsgeilheit und welchem Unsinn sie auf dieser Expedition unterwegs waren. 

(alter Text)
Mit diesen zwei Worten könnte man eigentlich den ganzen Film beschreiben. Es stellte mir beim Ansehen öfters die Frage auf, zu welchem Zweck man diesen Film drehte oder was das Ganze darstellen sollte. Den einzigen Sinn könnte man darin sehen, wie widersprüchlich und entfesselt doch das Filmteam agiert in einem Umfeld, in dem man eher erwarten sollte, dass die besagten Kannibalen unmenschlich, primitiv und grausam handeln würden. So sind es die Filmer, die die Kannibalen bewusst provozieren bloss um ordentliches Filmmaterial zu erlangen und die Sensationsgeilheit der späteren Seher zu erfüllen .So ist es auch mit dem eigentlich Film, der bloss auf eines aus ist und auch dass erreicht was er erreichen will. Er schockiert endlos, nicht in diesem Sinne, dass man darin einen gewissen Unterhaltungsfaktor finden könnte sondern man empfindet gegenüber dem Film Ekel, sobald er uns immer und immer wieder, der Authenzität wegen mit echten Schlachtszenen an lebendigen Tieren an der Stange halten will. Tut mir leid, aber wer besagte Szenen um und mit Tiersnuff unterhaltend findet, gehört letztendlich wie die Schildkröte im Film zerstückelt. Warum man so was dreht entschliesst sich mir jeder Vorstellungskraft und das dann auch noch so drastisch, sinnlos und bewusst eingefügt wird und man diese Szenen auch bewusst feiert indem man sie in die Länge zieht gibt mir einiges zu denken. Was ich mich wohl am meisten frage ist, wie selbst die Darsteller die besagten Szenen ohne jegliches Gewissen oder Moral durchführen konnten. So ist der Film eigentlich im Gewissen Sinne eine Kritik an die Industrieländer und deren unmenschlichen Profitgier so widersprüchlich ist die Vorgehensweise des ganzen Films, der völlig unmenschlich mit Widerwertigkeiten das Publikum schockieren oder gar unterhalten will.  Klar, Tiersnuff mag immer noch, auch wenn ich den Film nun aus anderen Augen betrachte ein filmischer No-Go sein, aber ändern können wir es schlussendlichst nicht, dass dabei, zu welchem Zweck auch immer, sei es Authentizität, dem Grauen Ausdruck zu verleihen usw, zig Tiere ums Leben kommen. Da bringt eine Distanzierung zum Film, Boykott und Hassteraden nichts, Unterhaltung sieht anders aus, klar, aber jetzt fernab jeglicher Ignoranz dessen, steckt hinter Cannibal Holocaust eben der Film, weswegen er nahezu vergöttert, verfolgt, verachtet, gefeiert und als Oberhaupt eines ganzen Untergenres bezeichnet wird.

Das Vorgehen, diese Kritik, diese Gegenüberstellung der Zivilisierten und der Kannibalen, der vermeintlichen, im eigentlichen Sinne „Primitiven" ist dabei fast schon eindringlich schmerzhaft, gelingt Deodato dabei durch allein diese böse, endlos aufrüttelnde Inszenierung der komplette Widerspruch dessen, was Kannibalen auszudrücken vermögen. Schrecken, Angst, Unmut gegenüber anderen Sitten und Bräuchen, gegenüber Menschen aus reicher, technisch fortschrittlicher Zivilisation, mit Bildung, Hintergrundwissen und Verstand. Die anfänglichen Opfer in diesem dargezeigten Machwerk mögen nicht die Kannibalen sein, sind sie denn völlig hilflos und erschrocken der Sensationsgeilheit der Redakteure ausgesetzt, die wie wilde, kleine Teenager in einem fremden Ort mal die Sau rauslassen, ohne dabei zu merken, wie sehr sie ihre Wurzeln verlieren.

Die Utopie des Verstandes, diese Voreingenommenheit man würde als Übermenschen in ein Umfeld gelangen wo menschliches Handeln nebensächlich ist, der kalte Schleier aus einer scheinbar intelligenten Gesellschaft dringt wie ein epochales Ufo in die Welten scheinbar zurückgebliebener Uraffen ein, die ihren Augen nicht trauen können. Kannibalen, die zusehen, die scheinbar, aufgrund dem was sie sehen zur eigentlichen Intelligenz emporragen, werden zu Symphatieträgern einer unberührten Welt, sei ihr Wissen, ihre Bräuche und Glauben noch so „unterentwickelt".

Der gnadenlose Score, abwechselnde Töne voller Schönheit, Urlaubsmusik aus den tropischsten Ländern dieser Welt, um dann Situationspassend in vollkommene Zerstörtheit, Bizarrheit und dem kalten Grauen umzuwechseln. Riz Ortolani, der erfahrene Opernkomponist und Zeuger des emotionalen Soundtracks zu Mondo Cane, ebenfalls ein sehr aufrüttelnder und zwiespältiger Film, schafft hier einen Soundtrack der gleichermaßen die beeindruckende, wunderschöne Bilderpracht der utopisch - schönen Natur, dieses unberührte, diese neue Welt einfängt und unterlegt und dabei wohlwechselnd, wie ein Faustschlag ins Gesicht, die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu präsentieren. Ein Soundtrack, so dramatisch, kalt, wunderschön und grauenvoll zugleich, dass man ihn nie wieder vergisst. Ein Soundtrack, der genauso wie die ganze kalte Intensität dieses Filmes berührt, aber genauso zermürbend wie ein Tritt in die Weichteile ist. Wie die Schönheit mit dem Grauen verschwimmt.

Fazit:
Cannibal Holocaust, ein intelligenter, wie zwiespältiger Schachzug eines talentierten Regisseurs, der einen Film erschuf, der widersprüchlich, kalt, schön und grauenvoll zugleich ist. Ein Film, den man entweder hasst oder liebt, den man zuerst widerwertig finden kann, aber dann, ein andermal so eindringlich wie hervorragend sein kann. Ein Film, der an einer Hülle von kritischen Elementen kratzt, der die sensationsgeile, ziviliserte und kranke Welt vor Augen nimmt, aber im Gegenzug, als Film als solches genauso unterhalten möchte, oder eben nicht, denn Cannibal Holocaust will vordergründig zermürbend als solches vor Augen werfen. Ein Film, so schrecklich wie der Mensch an sich. Eine Kontroverse von Film, der Pflicht sein sollte, zurecht verboten ist, aber alles im allem einfach wunderbar authentisch, böse und düster ist. Der Einklang von Kulisse, Soundtrack, die Zerissenheit der Protagonisten und Antagonisten, oder umgekehrt, je nach Betrachtungsweise, die Entwicklung jener Taten, der abgrundtief böse Splatter in seinen Folterszenen, auch wenn's nicht viele Szenen sind, ist ein reiner Paukenschlag. Ein Meisterwerk aus filmtechnischer, storytechnischer und viseuller Sicht. Der perfekte Horror, sofern man denn die Intention des Filmes versteht.

90%


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