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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 28.04.2011, seitdem 769 Mal gelesen



Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erblickte eine völlig neueartige, sicher recht fragwürdige Art des italienischen Horrors das Licht der Welt, der Kannibalenfilm. Schöpfer des Ganzen war der fleißige, wenn auch nur teilweise begabte Regisseur Umberto Lenzi, erst mit "Mondo Cannibale" und dann mit den Vorzeigeprodukten "Cannibal Ferox" und "Eaten Alive". Jene waren deratig einflussreich dass fast alle anderen dieser Gattung  bloß billige Ableger werden sollten, mitunter sogar richtige 1:1 Kopien. Der einzige der sich dieser Norm wirklich widersetzte war wohl Ruggero Deodato. Der verzichtete bei seinem Erzeugnis ebenso wenig wie seine Kollegen (bis auf wenige Ausnahmen) auf den berüchtigten Tier-Snuff und trieb diesen noch auf die Spitze, was ihm nicht zu Unrecht sogar Ärger mit der Justiz einbrachte. Doch diese richtig ekelige, geradezu wiederliche und dadurch extrem abstoßende Arbeit ist wohl die alleinige bei der das Abschlachten wehrloser Tiere tatsächlich Mittel zum Zweck war und nicht der bloßen Befriedigung der Sensationsgier des Zuschauers diente.

"Cannibal Holocaust" ist der Juwel unter den Kannibalenschockern und nicht nur das qualitativ mit Abstand hochwertigste Stück Zelloid auf diesem Gebiet das sich auftreiben lässt sondern auch einer der allerbesten Horrorfilme die jemals gedreht wurden. Zur Erhöhung der Authentizität und damit der Schockwirkung bis ins schier Unermessliche wurde "Cannibal Holocaust" richtigerweise im pseudodokumentarischen Stil gehalten und ist dennoch eindeutig als Spielfilm definiert. Dabei ist die grafische Gewalt im Vergleich zu "Cannibal Ferox" (for example) doch arg begrenzt, mal abgesehen halt von der Szene mit der Riesenschildkröte, doch auf geistiger Ebene ist "Nackt und zerfleischt" wohl somit das Brutalste was mit bewegten Bildern möglich ist.

Zum Auftakt schwenkt die Kamera in Vogelperspektive über den Amazonas. Dazu tönt eine melancholische und furchtbar traurige Musik, die vom Italiener Riz Ortolani unglaublich toll und präzise komponiert worden ist. Schon diese, gerade in Verbidung mit den tristen Bildern des Regenwalds Kolumbiens, ist eine absolute Wucht und kann einen, sobald man in den "Genuss" von "Cannibal Holocaust" kam, schon mal zu Tränen rühren. Starke Emotionen die durch den Film ausgelöst werden können spielen hierbei eine große Rolle.

Ist "Nackt und zerfleischt" nach gut anderthalb Stunden vorbei sitzt der Schock tief. Die gezeigte Grausamkeit ist so abartig pervers und echt zugleich, dass es teilweise schwer ist seinen Blick nicht vom Bildschirm zu entfernen. Kaum ein Film erzielt eine derart verstörende Wirkung, erstaunlich das sich eine Intensität von solchem Ausmaß überhaupt mit diesem Medium erreichen lässt. Deodato trifft den Menschen an seinem wundesten Punkt, sodass ihm schlagartig seine ganze Verletzlichkeit bewusst wird. In ausnahmslos jedem steckt das grenzenlos Böse und unter entsprechenden Umständen ist jeder noch so friedliebende Mensch zu den furchtbarsten Dingen fähig. Das Handeln aller Beteiligten ist so menschlich, nachvollziehbar und doch so barbarisch das man zwangsläufig angeekelt sein muss.

Die Bestie Mensch, nie war sie greifbarer als bei "Cannibal Holocaust". Nie zuvor gelang jemandem mit einer so einfachen Struktur ein so exaktes Profil des zerstörerischen Wirkens seines Tuns, einer Spezies die ohne Skrupel und in unvorstellbarem Maß fähig ist sich selbst auszurotten und zudem noch ihre gesamte Umwelt usw gnadenlos vernichtet. Die Verurteilung des Gezeigten ist dabei eine ebenso natürliche Reaktion wie die Abweisung der Schuldfrage bei Subjekten denen, aus welchen Gründen auch immer, ein solches Schicksal widerfuhr. Bestes Beispiel aus der Praxis stellt wohl das dritte Reich dar. Der Mensch ist für sein Denken, Handeln und Fühlen selbst verantwortlich und so stellt Deodato die geistige Gesundheit des Homo Sapiens geschickt in Frage. Vor ungewöhnlicher Kulisse liefert Deodato eine hevorragende, makabre Demonstration von krankhaftem Wahnsinn. Er blickt so tief in die Abgründe der menschlichen Seele das es schmerzt.

"Cannibal Holocaust" ist mehr als einfach nur ein Film - ein Meisterwerk...


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