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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 02.02.2012, seitdem 698 Mal gelesen



Ich höre gerade den wohl bedrohlichsten und gleichzeitig schönsten Soundtrack aller Zeiten zu einem der widerlichsten Filme aller Zeiten. Während im Hintergrund das Stück „Crucified Woman“ läuft, wage ich mich also an einen der Klassiker, die selbst heute noch für Gesprächsstoff sorgen. Dabei wird aber oft übersehen, was der Film ausdrücken will. Er möchte nicht nur dumpf schocken oder eine Ansammlung an Tabubrüchen aufzählen, wie es ähnliche Vertreter taten, sondern in seinem einzigartigen raffinierten Stil und dem fantastischen Einsatz der Musik viele Botschaften übermitteln. Diese sind 30 Jahre nach Erscheinung dieses Werkes aktueller denn je. So ist „Cannibal Holocaust“ kein blindwütiger Funsplatter, sondern in seiner Art ein schonungsloses Meisterwerk. Trotz der Tiertötungen, würde ich sagen – ein Kunstwerk! Für die eine Fraktion ein geiler Schocker, für die anderen ein künstlerisches Meisterwerk aber für die meisten ein absolutes Ärgernis. Ich will nun auch mal eine Lanze brechen!

Was „Cannibal Holocaust“ den Kritikern so leicht macht? Der pure Realismus. Aus dem anfänglich netten Italoschinken wird nach und nach ein dokumentar-ähnlicher Horrortrip. Die Kamera wird einfach auf jede Grausamkeit draufgehalten, der Zuschauer verschränkt die Hände vor dem Gesicht. Tiere werden vor laufender Kamera getötet bis sich nichts mehr regt. „Cannibal Holocaust“ will den nackten Wahnsinn deutlich machen, den die Menschen anrichten in ihrer Grausamkeit und in diesem Falle auch Sensationsgeilheit (in Form eines Kamerateams im Rahmen einer Reportage). Ich finde es aber nicht minder verwerflich wenn ein englischer „Abenteuerkünstler“, der angeblich ausgesetzt ist, Tiere regelmäßig einfach absticht und auch dort die Kamera draufhält – angeblich „dokumentarisch wertvoll“. Zugegeben nicht so explizit wie hier, aber Tod ist Tod und der Rahmen ist auch nicht sinnvoller und dort befinden wir uns tatsächlich im Mainstream oder besser gesagt im Nachmittagsprogramm. Die zweifelsohne furchtbaren Tiertötungen symbolisieren den Realismus und die pure Grausamkeit und sind in meinen Augen nicht nur aussagekräftig, sondern auch wichtig in Deodato’s Werk.

Besonders genial ist die fast schon sportreife Halbzeitteilung des Filmes. Zwei Expeditionen mit Pause dazwischen. Die erste (spielfilmreife) Hälfte bestätigt dem Zuschauer sein abgespeichertes Bild vom grausamen Kannibalenstamm. Sind wir doch in „Defoe´s Robinson Crusoe“ aufgewachsen, dass der zivilisierte intelligente Mann gegen die dummen bösen Kannibalen (im Buch „ als Wilder Mann“ bezeichnet) angeht. Die „Wilden“ sind wenig behaglich und unangenehm. Eine Expedition soll ein vermisstes Filmteam auffinden. Mit dem richtigen und vor allem friedlichen Umgang verläuft die Expedition samt Kontakt blutarm und erfolgreich. Das Material des Filmteams wird gesichtet. Auch will die erste Hälfte klar eines verdeutlichen, diese „Wilden“ sind auch nur Menschen wie Sie und ich. Am besten zu erkennen in der reichlich naiven „Badeszene“ mit dem Professor. Unschuldig werden die „Wilden“ aber keinesfalls dargestellt. Furchtbare Rituale und Bestrafungsmethoden des Stammes treten minutiös auf und werden geradezu zelebriert.

Die zweite (dokumentar-ähnliche) Hälfte zeigt den schon überheblichen gar widerlichen Eindruck des Filmteams auf dem gefundenen Filmmaterial. Sensationslüsternde, junge Menschen, welche auf dem ersten Blick noch sympathisch und einfach abgebrüht motiviert wirken. Nach und nach wird klar, wir haben es hier mit absolut ekelhaften, selbstgerechten und überheblichen Menschen zu tun. Die „Kannibalen“ sind leider garnicht so reißerisch wie die „Dokumentarfilmer“ es gerne hätten. So ziehen sie mit ihren furchtbaren Aktionen den Zorn des Stammes auf sich. Daher keimt im Laufe der Zeit nicht nur der Hass der ohnehin schon mehr und mehr gebeutelten „Wilden“ auf, sondern auch der objektive Zuschauer stellt sich langsam die Frage – Wer ist hier eigentlich das furchtbarste Monster? Die „Wilden“ oder die „Zivilisierten“? Mitverbunden eine starke Medienkritik. Das Filmteam will reißerische Bilder und keine Kaffeefahrt und geht dafür nicht nur rhetorisch über Leichen. Bis in den Tod für die besten Bilder, auch wenn es der eigene ist.

Der Film lebt gänzlich von der Atmosphäre. Die Location im kolumbianischen Dschungel wirkt fabelhaft paradiesisch und doch so bedrohlich. Alle noch so grausamen Szenen spielen am helllichten Tage. Keine Minute scheint mal nicht die Sonne. Lange bevor diese Reality-Horror Welle auflebte, wirkt die Reportage des Filmteams, dank wackliger Kamera und Bildausfällen, wahnsinnig realistisch. Besonders in den letzten Minuten des Films wird es sehr deutlich. Die Schauspieler sagen nur Insider oder Porn-Freaks der 70er etwas, aber da gibt es nichts zu meckern. Auch sind die FAKE-Effekte einfach grandios und unterstützen den realen Eindruck. Klar wirken einige Szenen überzogen und ausufernd aber nie übertrieben blutig oder gar lachhaft.

Nun zu dem Punkt, der diesem Klassiker die Krone aufsetzt und sich neben seiner eindeutigen Aussage von allen anderen seines Genres unterscheidet: Der wunderbare Soundtrack mit orchestralen elektronischen Rockelementen. Regisseur Ruggero Deodato holte mit Riz Ortolani einen Meister seines Faches. Seine Musik zu „Mondo Cane“ war oscar-nominiert, aber das hier ist Kunst. Die fabelhafte Intromusik zeigt eine wunderschöne Landschaft und in diesen wunderbaren Bildern brennt sich plötzlich der Titel ein. Beinahe ironisch ist dies aufzunehmen. Das Intro wird öfter zu hören sein, jedoch in unterschiedlichen Varianten. Abnutzungserscheinungen entfallen somit. So ist die Abstimmung einfach fabelhaft. Jede Szene wird noch so perfekt untermalt, nicht nur mit ruhigen Klängen sondern auch mit anstrengender bedrohlicher Musik oder feiner Urlaubsmusik.

Selten habe ich solche Klänge mit dem Grauen verbunden wie in diesem Falle. Daher empfehle ich unbedingt für Fans, die DVD-Edition mit Soundtrack-CD. Nur sollte man die Musik nicht beim einschlafen hören, denn man verbindet automatisch die grausamsten Szenen aus dem Film mit einigen Titeln. Bleibt zur Musik zu sagen, sie vollendet dieses Werk und beweist einfach das „Cannibal Holocaust“ nicht nur hohle Tabus bricht, sondern weit mehr ist.

Sogar Sergio Leone (Produzent Franco Palaggi war nicht nur bei „Cannibal Holocaust“ dabei, er produzierte zuvor auch Leone´s „Handvoll Dollar“) zeigte sich begeistert und lobte den realistischen Part. Er mahnte aber an, dass der Realismus Deodato Ärger einhandeln würde. So war es auch. Deodato wurde vor dem Kadi gezogen und musste sogar die „Pfählungsszene“ haargenau aufsplitten und als Fake enttarnen. Auch mussten Darsteller zum Beweis ihres „Überlebens“ der Dreharbeiten auftreten. Der Film war letztendlich Deodato’s Waterloo. Jahrelang wurde er blockiert und ausgesperrt, weil selbst offensichtliche Fakes hier als echt empfunden wurden. „Cannibal Holocaust“ erhielt nachgiebig einen verächtlichen Ruf, durch den leider realen Tiersnuff.

Regisseur Ruggero Deodato meint in seinem Audiokommentar gegen Ende des Films, dass bei jeder Aufführung die er miterleben durfte, die Zuschauer beim Abspann alle erleichtert waren das es nun vorbei sei. Tief holten sie Luft und pusteten sie in einem Schwall aus. Solch eine intensive und schockierende Wirkung behält „Cannibal Holocaust“ bis heute bei. Das macht ihn zu einem unvergleichbaren und in meinen Augen unfassbar interessanten Film, mit dessen Anekdoten man ganze Abende verbringen kann. Diesen Fakt, kann niemand abwehren, sei er noch so ein erbitterter Feind des Films. Ich denke selbst in 40 Jahren wird man noch über diesen beeindruckenden Streifen sprechen und sich wüst um Kopf und Kragen diskutieren. Für mich war „Cannibal Holocaust“ eine einzigartige Erfahrung und ich empfehle jedem Zuschauer den Film bitte unvoreingenommen und besonders ohne jede Durchsicht von Schnittberichten zu sehen. Nur so kann Deodato’s Werk seine ganze schockierende und schonungslose Grausamkeit beim ersten gucken entfalten, selbst in heutigen Zeiten wo viele großspurig behaupten – wir hätten schon alles gesehen und uns könne nichts mehr umhauen...


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