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Nackt und zerfleischt (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 27.03.2012, seitdem 539 Mal gelesen



Ruggero Deodato hat uns mit seinem zweiten und letzten Ausflug ins Reich der Kannibalen extrem schwer verdauliche Kost aufgetischt, die hierzulande bis heute vom PrÀsentierteller in den Giftschrank der beschlagnahmten Filme gesteckt wurde.

TatsĂ€chlich wurde hier die gezeigte Gewalt im Vergleich zum schon nicht zimperlichen VorgĂ€nger „Ultimo mondo cannibale“ betrĂ€chtlich angehoben. Eine Anklage gegen die Sensationsgeilheit der Medien sollte es nach Aussagen des Regisseurs werden. Dies mißlingt schlicht und ergreifend deshalb, weil er den Voyeurismus, den er anprangert, selbst betreibt, indem er Vergewaltigungen, VerstĂŒmmelungen und Menschenfreßexzesse aufdringlich auskostet. SpĂ€testens die schĂ€ndlichen Tiertötungen wie das minutenlange Abschlachten einer Schildkröte haben der angestrebten Filmbotschaft sĂ€mtliche ZĂ€hne gezogen.

Dennoch ist „Nackt und zerfleischt“ ein nachhaltig schockierendes Erlebnis geworden, das bereits aus formaler Sicht von höchstem Interesse ist. Neben der Haupthandlung, die konventionellen Mustern folgt und die Suche nach einem im Dschungel verschĂŒtt gegangenen Filmteam behandelt, wird mit den gefundenen, vermeintlich dokumentarischen Aufnahmen eben jener Crew wĂ€hrend ihrer Expedition der AufhĂ€nger des Welterfolgs „The Blair Witch Project“ bereits rund zwanzig Jahre vorweggenommen. RĂŒckblickend ist es fast ausschließlich letzterer Teil, dem der Film seine immense Wirkung zu verdanken hat. Vor den Augen der Produzenten im Kinosaal, die das vorher noch nicht gesichtete Material fĂŒr eine Dokumentation ĂŒber Kannibalen verwenden wollen, und somit auch vor dem Zuschauer spielt sich nicht wie erwartet ein von den Kannibalen ausgehendes Blutbad ab, sondern die erschĂŒtternde Studie einer Gruppe von ĂŒberheblichen Zivilisierten in Gestalt des vierköpfigen Filmteams. In einer Mischung aus diebischer Freude und Verantwortungsbewußtsein hinsichtlich ihrer Auftraggeber, eine spannende Reportage zu inszenieren, geben sie sich ihrem inneren Neandertaler hin und schlagen mit ihren unmenschlichen Taten gegen die Einheimischen derart ĂŒber die StrĂ€nge, daß man sich stĂ€ndig die Frage stellt, wann die zwingend logische Reaktion erfolgt.

Einzelne Szenen gehen dabei tief unter die Haut, wie die Vergewaltigung an einer Eingeborenenfrau oder das von den johlenden MĂ€nnern der Filmcrew gelegte Feuer in dem Dorf ohne RĂŒcksicht auf menschliche Verluste zu der großartigen Musik von Riz Ortolani, die in ihrer SĂ€nfte dem grausigen Geschehen mehrfach entgegengestellt wird und einen eklatanten Kontrast zwischen Bild und Ton herstellt, daß das UnertrĂ€gliche noch unertrĂ€glicher gemacht wird. Vor allem der finale Gegenschlag der Eingeborenen bricht wie ein Orkan herein und trifft in seiner unerbittlichen Konsequenz wie ein Kanonenkugelschuß in den Magen, wenngleich man weiß, daß er kommen wird. Dabei bekommt man nicht einmal alles zu sehen, der Dokumentarstil mit Wackelkamera deutet lediglich an. Erst im Kopf des Zuschauers entsteht das vollstĂ€ndige erschreckende Bild von dem, was den Protagonisten dort widerfĂ€hrt. An dieser Stelle regiert der pure Terror, und es ist Ă€rgerlich, daß wĂ€hrenddessen mehrfach die angestrengt entsetzten Gesichter der Produzenten, die dem brutalen Geschehen auf der Leinwand folgen, hineingeschnitten sind, anstatt die Szene einfach nur fĂŒr sich wirken zu lassen.

Alles in allem dĂŒrfte „Nackt und zerfleischt“ dennoch zu Recht der anerkannteste der nicht sehr angesehenen Kannibalenfilme sein, fragwĂŒrdig in seiner Aussage, weil er der Sensationslust der Medien selbst mit der ausgiebigen Freude am Tabubruch antwortet (Deodato wiederholt seinen Fehler aus „Ultimo mondo cannibale“), bemerkenswert wegen seiner technischen Sauberkeit, die den Film ganz und gar nicht wie einen billigen Schnellschuß erscheinen lĂ€ĂŸt, und außerordentlich originell in seiner nicht-chronologisch aufgebauten ErzĂ€hlweise. Und hier stimmt der Ruf, der „Nackt und zerfleischt“ nicht zuletzt wegen seines Verbots in Deutschland vorauseilt, einmal wirklich ganz und gar: ein wahrhaft schockierender Trip! 5/10.


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