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Passion Christi, Die (2004)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 2 / 10)
eingetragen am 24.03.2004, seitdem 2192 Mal gelesen



Die Offenbarungen des Silvanus

Letzte Nacht träumte mir, ich wäre wieder in Manderley.
Doch dann schlug ich meine Augen auf und ich sah, wie sich Dunkelheit vom Licht trennte und ich wurde eines Schlafzimmers einer wohlhabenden Person gewahr, die im Bette lag und schlief. Und der Schläfer drehte sich um und siehe, es war Mel Gibson.
Und dann war da die Stimme, die durch das Dunkel rollte und es war die Stimme des Herrn.
Und er sprach: MEL!
Mel: (verschlafenes Brummeln)
GOTT: MEL, WACH AUF. ICH HABE NICHT VIEL ZEIT UND WENN ICH NOCH LAUTER WERDEN MUSS; WACHEN DEINE SIEBEN KINDER AUF UND DAS MÖCHTE ICH NICHT.
Mel: (zusammenfahrend) Bist du es, oh Herr?
GOTT: JA, ICH BIN ES.
Mel: Bist du es wirklich, oh Herr unser Gott? Meine Gebete wurden erhört.
GOTT: NEIN, STRENG GENOMMEN WAR ES DAS GEBET EINES KLEINEN MÄDCHENS IN URUGUAY, ABER ICH MUSS AUS ZEITNOT AUCH EIN WENIG SELEKTIEREN.
Mel: Darf ich meine Frau wecken, das muß sie auch hören. Der Gott der Christen in unserem Schlafzimmer...
GOTT: MEL, NICHT NUR DER GOTT DER CHRISTEN. ICH BIN DER FÜR ALLE MENSCHEN.
Mel: Nun, aber die anderen...
GOTT: JA?
Mel: ...die glauben doch nicht an dich, sondern an andere Götter...
GOTT: MEL, WIEVIEL WEISST DU EIGENTLICH VON RELIGIONEN?
Mel: Es gibt nur einen Gott...
GOTT: JAJA... DAS HATTEN WIR SCHON. ABER WENN ICH DICH AUFKLÄREN DARF: RELIGIONEN WURDEN VON MENSCHEN GEMACHT. UND DIE WOLLEN ALLE NICHT ALLEIN SEIN IM UNIVERSUM UND IHREM LEBEN EINEN SINN GEBEN UND SICH SELBST DIE ANGST VOR DEM ENDE IHRER EXISTENZ NEHMEN. ICH HABE DEINEN FILM GESEHEN, MEL!
Mel: Wo?
GOTT: IN EINEM KINO IN HOUSTON, TEXAS. ICH SASS NEBEN EINER FETTEN FRAU, DIE STÄNDIG POPCORN MIT EXTRABUTTER Aß UND HINTERHER RIEF, SIE HÄTTE DAS ANTLITZ DES HERRN GESCHAUT DURCH DIESEN FILM. HÄTTE SIE MAL NEBEN SICH GEGUCKT...
Mel: Und wie hat er dir gefallen?
GOTT: MEL; WO HAST DU DENN DIESE STORY HER?
Mel: Ich habe es so verfilmt, wie es im Buch der Bücher steht...deinem eingeborenen Sohn und dir zu Ehren.
GOTT: UND WER HAT DIE SCHWARTE GESCHRIEBEN?
Mel: Es ist das Wort Gottes...
GOTT: DAS SIND URALTE AUFZEICHNUNGEN VON VOR ÜBER ZWEITAUSEND JAHREN, MEHRFACH ÜBERSETZT, INTERPRETIERT, VON DER CHRISTLICHEN KIRCHE SELEKTIERT UND AUSGEWÄHLT. UND GEKÜRZT.
Mel: Aber die Evangelisten...
GOTT: SOWEIT ICH WEISS; WAR KEINER VON DEN VIEREN DAMALS AUF GOLGATHA DABEI UND WAS AUCH IMMER DAVOR PASSIERTE. MATTHÄUS WAR JA SCHON BRANDAKTUELL, DER HAT SEINE AUFZEICHNUNGEN SCHON UM 70 NACH CHRISTI UNTER DAS VOLK GEBRACHT. SAGEN DIR HÖRENSAGEN UND LEGENDENBILDUNG ETWAS?
Mel: Aber dann kläre uns doch jetzt auf, die Worte der Bibel sind doch nicht falsch, oder?
GOTT: MEL, ICH WERDE MICH HÜTEN, DA ALS LEKTOR TÄTIG ZU WERDEN. ES STEHEN SO VIELE GUTE SACHEN DRIN, ALLEIN WAS MEIN SOHN SO ALLES GESCHAFFT HAT, DA WILL ICH GAR NICHT DRAN RÜTTELN. ALLEIN IN PUNKTO NÄCHSTENLIEBE...
Mel: Und mein Film, oh Herr, zeigt nur die enorme Leidensfähigkeit deines Sohnes, wie er für uns gelitten und gestorben und alle Sünden der Welt auf sich genommen hat. Ein Zeugnis meines Glaubens...
GOTT: MEL, HAST DU IRGENDWELCHE PROBLEME?
Mel: Nein, oh Herr, wieso?
GOTT: NUN, ERST DIE FOLTERNUMMER IN BRAVEHEART UND DIE GANZEN PRÜGEL IN DEN LETHAL WEAPON-FILMEN UND DER MANN OHNE GESICHT UND SO...HAST DU EVENTUELL SCHULDKOMPLEXE?
Mel : Die Filme hast du gesehen? Nein, nein, oh Herr...habe ich nicht...
GOTT: WIESO SOLLTE ES DEM GLAUBEN ZUTRÄGLICH SEIN, ZU SEHEN, WIE EIN MENSCH ZU KLUMP GESCHLAGEN WIRD. IM ÜBRIGEN VERLIERT JESUS SCHON BEIM GEISSELN SO VIEL BLUT, DASS ER VOR ORT HÄTTE STERBEN MÜSSEN.
Mel: Aber er war dein Sohn, er konnte so viel...
GOTT: UND DER TEUFEL, WO STEHT DER IN DER BIBEL? DIE MADENNUMMER? DAS DÄMONISCHE BABY? CGI-TRICKS? AUGENAUSPICKEN VON RABEN? DIE KOMPLETTE ZERSTÖRUNG DES TEMPELS?
Mel: Nur dir in der Höhe zu Ehren?
GOTT: DEINE NAIVITÄT SCHMERZT.
Mel: Wird dein Zorn mich nun niederstrecken?
GOTT: HÖR AUF, MEINEN CHARAKTER NACH DEM ALTEN TESTAMENT ZU BEURTEILEN! OBWOHL, WER DIESEN SCHMÖKER WÖRTLICH NIMMT, DER IST EH NICHT ZU RETTEN.
Mel: Ich bin erschüttert!
GOTT: ICH KANN JA VERSTEHEN, DASS DAS MIT DEM GLAUBEN SEHR HILFREICH WAR BEI DEM ALKOHOLKONSUM; DER KETTENRAUCHEREI UND DEM DAUERNDEN EHEBRUCH; ABER DIESER ERZKONSERVATIV-KATHOLISCHE PSEUDO-PURISMUS ...
Mel: Es war doch nur ein persönlicher Film, dir zu Ehren.
GOTT: ACH SO? UND DESHALB HAST DU DIE WERBETROMMEL GERÜHRT UND DIE VERTRETER DER RELIGIONEN SCHON VORHER MIT PRIVATVORFÜHRUNGEN HOCHGESTACHELT UND DAS TEIL DANN; ALS DIE ÖFFENTLICHKEIT SCHÖN ANGEFIXT WAR, IN 2000 US-KINOS UNTERGEBRACHT, DAMIT ES DIE GRÖSSTMÖGLICHE MENGE GELDES EINSPIELT?
Mel: Ich werde Buße tun, das verspreche ich...
GOTT: LEIDER FUNKTIONIERT DAS NICHT, MORGEN FRÜH WIRST DU DICH AN NICHTS ERINNERN. ICH KANN NICHT ZULASSEN, DASS DU MIT DIESER EINGEBUNG NOCH MEHR LEUTE ANSTACHELST.
Mel: Dann wird das alles vergessen sein?
GOTT: NEIN; DER JUNGE MANN DORT AM FUSSENDE (deutet auf mich) HAT DAS ALLES MITPROTOKOLIERT UND WIRD ES DER ÖFFENTLICHKEIT ZUGÄNGLICH MACHEN, ABER NIEMAND WIRD ES IHM GLAUBEN. VIELLEICHT IN BESSEREN ZEITEN. EINE BITTE ABER HÄTTE ICH NOCH...
Mel: Ja, oh Herr?
GOTT: DREH BLOSS WIEDER PURE UNTERHALTUNGSFILME; DIE WAREN NÄMLICH IMMER RECHT GUT. UND IN ETWA VIER JAHREN KOMMST DU AUF DIE IDEE, DIE OFFENBARUNG DES JOHANNES NACHZUSCHIEBEN.
Mel: Das soll ich wohl lassen?
GOTT: JA, DER FILM WIRD SEIN BUDGET FÜR SPEZIALEFFEKTE ÜBERZIEHEN UND DICH RUINIEREN.
Mel: Und sonst tust du mir nichts?
GOTT: .... ACH, JESUS LAG SCHON NICHT FALSCH MIT DIESEM „...DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN...“! ICH HALTE ES DA MIT DEN BUDDHISTEN, IMMER GUT DRAUF UND GLAUBEN NICHT MAL AN MICH IN JEGLICHER FORM...

Und die Stimme verklang und ich wurde dem Zimmer entrückt und ein Bote wurde ausgesandt und begleitete mich an den Strand des Meeres. Und er sprach: nun bilde dir dein eigenes Urteil!
Da erhob sich aus dem Meer ein Palast mit 10 Sälen und 7 Snackbartheken und aus ihm drangen gotteslästerliche Stimmen und Gewalt und Musik und auf seinem Haupt stand ein Name und der Name war Cinemaxx.
Und der Bote sprach: gehe hin und siehe selbst die Passion: sieh und verschlings. Und in deinen Augen wird es gelackt wie die feinsten Hollywoodprojekte sein, doch es wird dir bitter im Magen liegen. Und ich trat in den Palast, sah es und verschlangs und es war gelackt wie nur eben möglich, doch in meinem Magen war es bitter wie Wermut und Ärger.

Wahrlich, selten waren etwas mehr als zwei Kinostunden mit mehr Arbeit und Mühsal behaftet. Denn derjenige, der sich Gibson nennt, hatte getreu seinem bibelgläubigen Erzkatholizismus die Leidensgeschichte Christi zu einem Schmerzensweg von biblischen Dimensionen aufgeblasen. Fein säuberlich durchsuchte er die vier Evangelien und plünderte all das, was visuell kinotauglich sein könnte, bediente sich bei Johannes und Lucas am meisten, doch auch Matthäus und Markus verschonte er nicht. Und wenn denn ein Ohr abgeschlagen ward in Gethsemane, dann machte Jesus das wieder heil, auch wenn nur einer von vieren dies berichtet, denn es ist kinotauglich, solches zu zeigen.
Und weil es ein Weg voller Schmerzen war, so mischte er, gegen die Unerträglichketit und Mühsal verschiedene Szenen aus dem Leben Jesu unter die Quälerei, allseits bekannte Abstecher in die Bergpredigt, das letzte Abendmahl und die Steinigung Maria Magdalenas, worin Gottes Sohn seine populärsten One-Liner darbieten durfte und er nannte es „The essential Jesus- all the very best of...“, während der rote Saft des Lebens gleich literweise floß.

Göttliche Bedeutung ward so jedem Bilde beigemessen, aufs Innigste unterstrichen durch andauernden Zeitlupeneinsatz, Blaufilter, Kunstnebel und in babylonischem Bombast dahinschwelgende Hosiannachöre, wenn denn der Leiden Eindringlichkeit die Botschaft des Herrn überdecken könnte, was nicht selten der Fall war.
Doch noch ein weiteres Tier stieg aus der Tiefe und nahm auf der Leinwand Gestalt an, obwohl im Buche Gottes nichts darüber gesagt wird und es war der Teufel in androgyner Gestalt, stets im Bunde mit sündenhaften Tieren und computergenerierten Dämonen, die am Wegesrand lauern, um sündige Verräter wie Judas zu plagen.
Denn wer sich am Sohn des Herrn vergeht oder ihn verrät, der muß monströse Qualen leiden. Und wer ans Kreuz ihn bringt, dem breche anstelle des Tempelsvorhangs gleich der ganze Tempel unter den Füßen weg, auf daß die Hohepriester gewahr würden, daß sie es verrissen hätten.

Und ich sah einen Mahner auf einer Wolke, der schrie ein Wort und es hallte auf der ganzen Welt wieder und das Wort war: Antisemitismus.
Doch weil der Schöpfer dieser Kinostunden gar nicht über Glauben reflektieren wollte, sondern manipulativ alle Sterblichen wissen lassen wollte, was rein und wahr ist und somit der Todsünde des naiv-stupiden Besserwissens anheimfiel, verhallte der Ruf des Mahners in der Wüste.
Da zog ein Reiter auf einem fahlen Pferd aus der Tiefe herauf und er war blind und sprach: schaue mich! So sind diejenigen, die blinden Glaubens sind, Verblendete und in größter Gefahr, denn nichts ist dem Fanatismus so nahe wie Scheuklappen, die man vor allen Sinnen trägt.

Da ging der Himmel auf und ich hörte einen Chor wie von engelsgleichen Frauenstimmen, die da sangen: Aber selig sind die geistig Armen, denn sie werden in diesem Reich das Werk unseres Herrn schauen.
Doch ich zweifelte und drehte die Worte in meinem Munde und sprach: Ist dies nicht geistig armselig, wenn der rechte und christliche Glaube, der mich nur mittels meines unförmigen Gewissens und unbewußter Angst stets an Weihnachten zum Kirchgang mahnt, hier plötzlich durch plakative Plattheit aus dem Dornröschenschlafe gerissen sein soll?

Doch von oben kam die Antwort: Gieß nicht die Schalen des Zorns über denjenigen aus, die sich hier nicht versündigen wollen, obschon ihr Glaube sonst in dunklen Tiefen ruht, nur weil sie emotional verführt worden sind von sinnlos dargestellter Härte und dies für Glauben halten. Dies geht nur eine kurze Stunde, dann kehrt auch schon das Vergessen wieder, denn der Geist des Menschen strebt nach anderen Dingen.

So kam ich endlich in eine Stadt der Herrlichkeit, weiß und golden und am Tor empfing mich einer, der da sprach: Kehre nun zurück und künde den Menschen, was du vernommen hast, denn diejenigen, die wachen Geistes sind, werden es dir danken und den Glauben dennoch nicht verlieren, welcher auch immer es sein mag.
Und ich sah an mir herunter und da waren sie, die roten Halbschuhe. Und ich schlug dreimal die Hacken zusammen und sprach: Nirgends ists schöner als daheim. Da erwachte ich auf meinem Sofa, die Reste der Pizza, die mir Alpträume verschafft hatte, standen noch da und ich wußte, niemand hat mehr gelitten für unsere Sünden als Jesus Christus. Gesegnet sei die Kirche. Und ich klappte mein Buch über die heilige Inquisition wieder auf und las weiter...


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