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Passion Christi, Die (2004)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 4 / 10)
eingetragen am 29.08.2004, seitdem 428 Mal gelesen



Mel Gibsons Interpretation der letzten 12 Stunden Christi gilt als einer der größten Skandalfilme der letzten Jahre und ist gleichzeitig DER Überraschungserfolg des Jahres in den Kinos. Zugegebenermaßen nicht so sehr in Deutschland, aber vor allem in Nordamerika, wo er 370 Mio. Dollar einspielte und der erfolgreichste R-Rated-Film aller Zeiten ist. Das ist umso erstaunlicher, da der Film in Aramäisch und Latein gedreht ist und nur untertitelt, nicht aber synchronisiert, wurde.

Einen gewissen Respekt muss man vor der Kompromisslosigkeit, mit der Mel Gibson sein Herzensprojekt gegen alle Widerstände durchgesetzt und selber finanziert hat (Kostenpunkt 30 Mio. Dollar), schon haben. Leider hat Mel Gibson ein extrem fundamentalistisches Religionsverständnis, das direkt aus dem Mittelalter entsprungen zu sein scheint und in der heutigen Zeit mehr als fremdartig und bizarr wirkt. Die Passion Christi ist ein Film, der in der Art der Gewaltdarstellung und der Erniedrigung eines Menschen durchaus an Schundfilme wie Guinea Pig (wenn auch nicht so drastisch wie dieser) und diverse berüchtigte „Lager-Filme“ aus den 70er Jahren, nur im historischen Gewand und ungleich aufwendiger, erinnert. Der Unterschied besteht für einen Nicht-Christen lediglich darin, dass nicht Frauen, sondern eben Jesus gequält wird, sowie natürlich in der saubereren und professionelleren Inszenierung. Ein Außerirdischer, der noch nie von Jesus und dem Christentum gehört hat, würde nach dem „Genuss“ des Werkes niemals auf die Idee kommen können, dass sich das Christentum im Kern um Liebe und Vergebung drehen soll, sondern viel eher um Hass und Gewalt.

Handwerklich ist die Passion Christi ja durchaus ordentlich gemacht, immerhin stammt der Film vom gleichen Regisseur wie das oscarprämierte Meisterwerk Braveheart. Die Beleuchtung und Kameraarbeit ist solide, wenngleich bei letzterer gelegentlich der inflationäre und übertriebene Einsatz der Zeitlupe etwas negativ auffällt. Die Make-Up- und Splatter-Effekte sind vom Feinsten und gehören wahrscheinlich zu den besten ihrer Art überhaupt. Zur Gewalt an sich: diese ist für einen „Mainstream“-Film sehr drastisch dargestellt und demnach nichts für empfindsame Gemüter. Die FSK-16-Freigabe mutet wie ein schlechter Witz an – es gibt unzählige Filme, die beschlagnahmt wurden und weniger gewalttätig sind. Aber die deutsche Zensur unterscheidet eben zwischen „sinnvoller“ bzw. „lehrreicher“ und „gewaltverherrlichender“ Gewaltdarstellungen. Aufgrund der Monotonie der teilweise minutenlangen Misshandlungen (siehe Auspeitsch-Szene) stumpft der Zuschauer jedoch recht schnell ab.

Das große Manko des Films ist aber seine beinahe absolute inhaltliche Leere. Eine nennenswerte Handlung (außer Folter, Erniedrigung und Prügel) gibt es nicht, und auf jegliche Charakterentwicklung wurde leider komplett verzichtet. Vielmehr reduziert Gibson alle Beteiligten (auch Jesus) auf Stereotypen: Jesus selbst tut nicht viel außer leiden. Was Jesus zu einem besonderen Menschen gemacht haben soll – seine Ausstrahlung, sein Charisma – bekommt der Zuschauer nur sehr oberflächlich und ansatzweise in Rückblenden mit. Ansonsten sieht man Jesus fast nur mit zentimeterdicker Blut-, Wund- und Schmutzkruste über dem Gesicht und dem kompletten Körper herumkriechen oder herumhocken. Für Schauspieler James Caviezel war das sicher eine herausfordernde körperliche Leistung – eine nennenswerte darstellerische Leistung aber eher nicht. König Herodes wird als tuntiger und dekadenter König dargestellt, und die Anführer der Juden wirken wie Schurken aus einem B- oder C-Action-Movie. Pilatus macht einen recht sympathischen, aber etwas hilflosen Eindruck, und die Frauen im Film dürfen nicht viel tun außer in der Gegend herumknien und weinen. Alle diese Personen haben eins gemeinsam: ihre schablonenhafte Eindimensionalität.

Fazit: Die Passion Christi ist nicht mehr als eine filmgewordene Version irgendeines Heiligengemäldes aus dem Mittelalter. Mel Gibson möchte in seinem religiösen Eifer und um seine eigenen inneren Dämonen auszutreiben möglichst viel Leiden zeigen, vergisst dabei jedoch, was einen guten Film eigentlich ausmacht. Aufgrund seines fehlenden Tiefgangs, der platten Charaktere und der recht langatmigen Inszenierung ist Die Passion Christi nämlich eine eher zähe Angelegenheit. Bei Leuten, die diesen Film als „religiöses Erlebnis“ ansehen (und von denen gibt es ja vor allem in den USA jede Menge), frage ich mich allerdings, was in deren kranken Hirnen vorgeht.

Und was das Allerschlimmste ist: warum konnte Pilatus nicht wenigstens einmal „Werft den Purchen zu Poden“ sagen? 4/10


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