Ansicht eines Reviews

Tintorera! Meeresungeheuer greifen an (1977)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 3 / 10)
eingetragen am 26.10.2009, seitdem 943 Mal gelesen



Die verschiedenen Zusatztitel, die TINTORERA im Zuge seiner internationalen Auswertung erfahren hat, machen eins deutlich: hier scheint es sich um einen Horrorfilm im Fahrwasser  von JAWS zu handeln, in dem ein menschenfressender Haifisch fĂŒr blutige und spannende Szenen sorgt. BLOODY WATERS, THE SILENT DEATH, DENTS D’ACIER oder MEERESUNGEHEUER GREIFEN AN sprechen da fĂŒr sich. Problematisch wird es jedoch, wenn der derart vermarktete Film alles ist, jedoch mit Sicherheit kein ĂŒblicher Haihorror. Von Meeresungeheuern, die angreifen, ist weit und breit nichts zu sehen, und hinter dem Namen Tintorera versteckt sich, wie eine Person es im Film erklĂ€rt, ein gewöhnlicher Tigerhai. 
Auf diesen muss man zunĂ€chst lange warten. Der Film beginnt mit einer schier endlosen Exposition, in der vier Figuren separat eingefĂŒhrt werden. Zum einen ist da Esteban, der eines Morgens im Krankenhaus erwacht, wo ihm ein Arzt verrĂ€t, dass er nach Unmengen von Kaffee und Zigaretten in einer Bar einen Kollaps erlitt und sich dringend eine Auszeit nehmen sollte, und daher zur KĂŒste aufbricht, wo er den Sommer auf einer Jacht zu verbringen gedenkt. Auch Miguel lernen wir kennen, ein Frauenaufreißer, der seine Opfer sowohl sexuell als auch finanziell ausbeutet, keiner geregelten Arbeit nachgeht, sondern sich voll und ganz seinen unzĂ€hligen AffĂ€ren widmet. Und dann wĂ€ren da die Schwestern Cynthia und Kelly Madison, zwei Amerikanerinnen, die als Hitchhiker zu besagtem KĂŒstenort irgendwo unter Mexikos Sonne unterwegs sind, und in gar lustige Sexabenteuer mit zwei Einheimischen verwickelt werden. Bezeichnend fĂŒr den Film ist, dass jene beiden Damen, von denen man aufgrund der Zeit, die man ihnen in der ersten Viertelstunde widmet, annimmt, dass sie im Folgenden eine entscheidende Rolle spielen werden, nun erstmal aus der Handlung verschwinden und erst viel spĂ€ter nicht etwa als Hauptpersonen, sondern als Randfiguren wieder auftauchen. Schon hier wird klar, dass die Story von TINTORERA alle Zeit der Welt zu haben scheint, um sich zu entwickeln.
Esteban, der auf der Yacht seine freie Zeit genießt, bĂ€ndelt schließlich mit der Touristin Patricia an. Es entspinnt sich eine Sexbeziehung zwischen ihnen, die der Film detailreich schildert. Als beide jedoch merken, dass sie sich ineinander zu verlieben beginnen, ist es Patricia, die Esteban verlĂ€sst und sich stattdessen Miguel zuwendet, den sie am Strand kennen lernt. Ihm gesteht sie, dass sie Esteban liebe und dies nur nicht zulasse, um sich selbst und ihm den Schmerz ihrer baldigen Abreise zu ersparen. Miguel und Patricia verbringen eine Nacht zusammen in dessen StrandhĂŒtte und sie, die nicht einschlafen kann, entschließt sich, noch ein Bad im Meer zu wagen, das ihr schlecht bekommt, denn der Tigerhai hat seinen ersten unspektakulĂ€ren Auftritt und reißt sie mit sich in die Tiefe. Miguel, der meint, Patricia sei frĂŒh am Morgen, ohne sich von ihm zu verabschieden, abgereist, trifft Esteban in einer Strandbar wieder und nach anfĂ€nglichen Auseinandersetzungen entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen. Nachdem sie Cynthia und Kelly aufrissen, zieht Miguel gar auf Estebans Yacht ein. Die beiden Frauenhelden lassen es sich gut gehen. Immer mal wieder schlafen sie mit Cynthia, Kelly oder anderen MĂ€dchen, die sie mit ihren einfallslosen SprĂŒchen becircen, zwischendurch betrinkt man sich, liegt faul an Deck herum oder man geht dem Hobby des Haifischfangs nach, denn mit Harpunen bewaffnet tauchen Miguel und Esteban gerne nach harmlosen Kleinhaien.
Irgendwann, nachdem sie Cynthia und Kelly an einen Kerl namens Crique verloren, treffen sie auf Gabriella. Auch sie ist sofort bereit, sich mit den beiden einzulassen. Eine Dreierbeziehung entwickelt sich zwischen ihnen, zu deren Beginn Gabriella klare Regeln aufstellt: sollte jemals einer von ihnen dreien echte GefĂŒhle fĂŒr jemand anders ihres Trios verspĂŒren, mĂŒsse die Sache sofort beendet werden. Neben den regelmĂ€ĂŸigen TauchausflĂŒgen und dem ĂŒblichen Faullenzen, diskutieren Miguel und Esteban nun auch gerne ĂŒber diese Beziehung.
Eines Tages jedoch wird Miguel Opfer des Tigerhais, der bereits Patricia verschlang. Gabriella und Esteban mĂŒssen hilflos von ihrem Boot aus zusehen wie der Hai ihren Freund in zwei Teile zerbeißt. Gabriella reicht es nun, sie reist ab und lĂ€sst Esteban in seinem Schmerz allein, der sich wiederum dazu entschließt, Rache an dem Tigerhai zu nehmen. Obwohl es jetzt nur noch dreißig Minuten bis zum Ende des Films sind, passiert immer noch nichts anderes als das, was man schon von den vergangenen eineinhalb Stunden kennt. Esteban besucht eine Party Criques, ist erneut mit Cynthia und Kelly zusammen, es wird getanzt und getrunken. Beim Nacktbaden allerdings schlĂ€gt der Tigerhai wieder zu und Cynthia wird sein nĂ€chstes Opfer. FĂŒr Esteban ist nun der Moment gekommen, wo er sich seine Harpune umhĂ€ngt und sich dem Zweikampf mit dem Hai stellt. 
 
TINTORERA ist ein Film, bei dem es mich nicht wundert, dass die bekannteste seiner Fassungen eine Laufzeit von nicht mal neunzig Minuten hat, wĂ€hrend er in der lĂ€ngsten erhĂ€ltlichen Version Material von ĂŒber zwei Stunden bietet, und selbst in der gekĂŒrzten Fassung werden wohl nicht alle Unnötigkeiten und LĂ€ngen beseitigt worden sein. Um einen ungefĂ€hren Eindruck von TINTORERA zu erhalten, muss man sich eigentlich nur einen Porno vorstellen, bei dem sĂ€mtliche Sexszenen entfernt wurden, sodass bloß die FĂŒllszenen zwischen den Akten ĂŒbrigblieben. Auch drĂ€ngte sich mir der Verdacht auf, dass der Regisseur und sein Team sich einfach einige hĂŒbsche Wochen an einem sonnigen mexikanischen Strand machen wollten, und ihre Dreharbeiten bewusst in die LĂ€nge zogen, um etwas lĂ€nger verweilen zu können. Anders kann ich mir ein Gros der Szenen nicht erklĂ€ren, die nirgendwohin fĂŒhren und den Film kein StĂŒck weiterbringen. RenĂ© Cardona jr. scheint mehr an den ermĂŒdenden Aufnahmen von Strandbars und Bikinischönheiten als an dem ErzĂ€hlen einer halbwegs unterhaltsamen Geschichte interessiert gewesen zu sein.
Die ersten eineinhalb Stunden sind demnach eine einzige verfilmte MĂ€nnerphantasie. Miguel und Esteban, im Grunde zwei Ă€ußerst unsympathische Aufschneider, kriegen jedes MĂ€dchen in ihr Bett, das sie dort haben wollen, indem sie die immergleichen dummen SprĂŒche anwenden. SĂ€mtliche Frauen in TINTORERA sind mindestens einmal barbusig zu bestaunen. Zu Sexszenen, die ĂŒber Softpornoniveau hinausgehen, kommt es zwar nie, doch ist Sex dennoch eins der grĂ¶ĂŸten Themen des Films, und so besteht ein Großteil der Szenen aus Miguel, Esteban und ihren jeweiligen Gespielinnen wie sie sich die Zeit mit Nacktbaden und Ă€hnlichen BeschĂ€ftigungen vertreiben. Dabei finde ich es ziemlich erstaunlich, dass Cardona es schafft, seinen Figuren einerseits eine FĂŒlle von Charakterszenen einzurĂ€umen, und es ihm dennoch nicht mal versehentlich gelingt, den Protagonisten irgendeine Tiefe zu verleihen. Miguel und Esteban fĂŒhren lange GesprĂ€che, wenn sie nicht gerade mit jemandem schlafen oder tauchen, doch deren Inhalt ist derart belanglos, dass ihre Figuren nicht ĂŒber bloße Schablonen hinauskommen. Das Ganze wirkt zudem durch die endlosen Wiederholungen außerordentlich ermĂŒdend. Und weshalb unbedingt detailliert gezeigt werden muss wie Miguel, Esteban, Cynthia und Kelly sich kennen lernen, wo sie sich kurz darauf doch wieder aus den Augen verlieren, hat sich mir auch nicht erschlossen.
Dadurch, dass immer wieder dasselbe passiert, die Geschichte sich einfach nicht vom Fleck bewegt und das Tempo des Films auf den untersten RĂ€ngen anzusiedeln ist, wird vor allem die erste Stunde zu einer wahren Geduldsprobe, in der höchstens ein paar hĂŒbsche Landschaftsaufnahmen herausstechen. Und wer aufgrund der Story erwartet, dass TINTORERA, wenn er schon nicht als Horrorfilm funktioniert, wenigstens ein einigermaßen interessantes Liebesdrama oder etwas Ähnliches darstelle, wird ebenso enttĂ€uscht wie derjenige, der darauf hofft, dass die Meeresungeheuer endlich angreifen.
Wobei wir bei dem furchterregenden Tigerhai wĂ€ren. Viermal darf der zuschlagen und dreimal davon in der letzten halben Stunde. Die Angriffe an sich unterscheiden sich nicht besonders von denen in jedem beliebigen italienischen JAWS-Rip-Off. Der Tigerhai und der Mensch, den er angeblich attackiert, befinden sich nie gleichzeitig im Bild, mittels Schnitten wird der Eindruck vermittelt, er wĂŒrde sich gerade ĂŒber die zappelnden Beine eines seiner Opfer hermachen, wobei man Cardona jr. zugute halten muss, dass diese Angriffe zwar nicht ĂŒberragen sind, jedoch immerhin solide inszeniert. Bei Miguels Tod gibt es sogar einen recht blutigen Effekt, der nicht wirklich schlecht geriet.
Verglichen mit Miguel und Esteban ist der Tigerhai allerdings schon beinahe zahm. Weil man offenbar merkte, dass man, selbst wenn man die dĂŒnne Story des Films noch so sehr aufblĂ€ht, die 2-Stunden-Marke nie ĂŒberschreiten wird, fĂŒllte man den Rest mit Unterwasseraufnahmen, die unsre beiden Helden bei der Haifischjagd zeigen. Ich hab es nicht nachgeprĂŒft, doch rein vom GefĂŒhl her spielen fĂŒnfundzwanzig Prozent des Films unter Wasser und konzentrieren sich darauf, Haie beim Sterben zu filmen, die von Harpunen durchbohrt wurden. Irgendwann hab ich aufgehört, die Tiere zu zĂ€hlen, die bei jedem Trip in die Tiefen des Ozeans ihr Leben lassen mĂŒssen. Da Miguel und Esteban jedoch auf alles schießen, was ihnen vor die Harpunen kommt, dĂŒrfen auch unschuldige Rochen und andere Fische Bekanntschaft mit ihrer Munition machen, sodass man sich vom Tiersnuffgehalt beinahe in einem italienischen Kannibalenfilm wĂ€hnt. Und wo wir schon bei italienischen Kannibalenfilmen sind: auch eine Schildkröte wird hier zur Ader gelassen, indem man sie an die Außenwand eines Boots bindet und sie aufschneidet, um ihr Blut ins Meer rinnen zu lassen und damit den Hai anzulocken.
FĂŒr den, dem das noch nicht ausreicht, um den Film zu hassen, hat Cardona jr. noch anderes im GepĂ€ck: einen furchtbar kitschigen Disco-Song beispielsweise, der in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden eingespielt wird, um besonders emotionale Szenen zu untermalen, oder eine Szene, in der Cynthia und Kelly von zwei Mexikanern vergewaltigt werden und das alles als großen Spaß betrachten, es mit kessen SprĂŒchen auf den Lippen ĂŒber sich ergehen lassen. Die Schauspieler reißen nichts heraus, selbst wenn einige bekanntere Namen darunter sind, und von der Inszenierung her ist das alles höchstens durchschnittlich. Den Gipfel der LĂ€cherlichkeit erreicht der Film indes, wenn er wĂ€hrend seiner ersten neunzig Minuten den Zuschauer immer mal wieder an den Tigerhai erinnern möchte, weil der ihn bei all den Partys, MĂ€dchen und Sexabenteuern vergessen haben könnte. Wahllos werden dann Aufnahmen des umher schwimmenden Tigerhais, unterlegt mit bedrohlicher Musik, hineingeschnitten, nur um Miguels und Estebans lĂŒsterne Abenteuer danach weiterzufĂŒhren.
Drei Punkte bekommt TINTORERA nur aus zwei GrĂŒnden von mir: zum einen habe ich schon wesentlich schlechtere Filme als ihn gesehen, auch wenn man das kaum glauben mag, zum andern steht er, finde ich, ziemlich einzigartig in der Filmgeschichte da als ein Werk, das eine Geschichte, die in wenigen SĂ€tzen zusammengefasst werden kann, zu einem Opus aufblĂ€st. 


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "Ännchen von Tharau" lesen? Oder ein anderes Review zu "Tintorera! Meeresungeheuer greifen an (1977)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Ännchen von Tharau

Zurück


Copyright © 1999-2017 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

411 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv
Server SSL Certificate


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Clueless - Was sonst? (1995)
Club Mad (2004)
Cloverfield (2008)
City by the Sea (2002)
Freitag der 13. Teil V - Ein neuer Anfang (1985)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich