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Kissed (1996)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 12.08.2017, seitdem 24 Mal gelesen



"I've always been fascinated by death. The feel of it. The smell of it. And the stillness."

Schon von Kindheit an fühlt sich Sandra Larson (in jungen Jahren: Natasha Morley; danach: die aus dem The Wicker Man-Remake bekannte Molly Parker) vom Tod angezogen. Sie wächst mehr oder weniger alleine auf, gezwungenermaßen, da sich das Verständnis der Mitschülerinnen für ihre ungewöhnliche Neigung (sie kuschelt zum Beispiel gerne mit toten Streifenhörnchen oder Vögeln) stark in Grenzen hält. Selbst ihre Freundschaft zur schüchternen Carol (Jessie Winter Mudie), die aufgrund einer Sehbehinderung ebenfalls eine Außenseiterin ist, zerbricht daran, just an dem Tag, als bei Sandra erstmals die Monatsblutung einsetzt. Ihre Berufswahl ist dann auch keine große Überraschung, sondern logische Konsequenz. Sie wird Gehilfin von Mr. Wallis (Jay Brazeau, Insomnia), dem Inhaber des Bestattungsunternehmens Wallis Funeral Home. Ihre Begabung für die heikle Arbeit mit Leichen ist mehr als offensichtlich, und so eignet sie sich schließlich auch noch die Kunst der Einbalsamierung an. Dann lernt Sandra den Medizinstudenten Matt (Peter Outerbridge, Saw VI) kennen, mit dem sie eine Beziehung beginnt und dem sie ihre absonderliche Veranlagung anvertraut. Mit fatalen Konsequenzen.

Der wohl zärtlichste, gefühlvollste, poetischste und schönste Film zum Thema Nekrophilie kommt aus Kanada: Lynne Stopkewichs Kissed. Stopkewich, die zusammen mit Angus Fraser das Drehbuch schrieb (basierend auf der Erzählung We So Seldom Look on Love (1992) von Barbara Gowdy) und die auch die Koproduktion übernahm, gelang ein bemerkenswert einfühlsamer Independent-Film zu einer Thematik, die üblicherweise Abscheu, Ekel und Unverständnis hervorruft. Stopkewich nähert sich dem Stoff auf Augenhöhe und ohne zu werten; zu keiner Zeit wird die getriebene Protagonistin von oben herab behandelt oder für ihr Verhalten gar verurteilt. Genau so wenig lädt die Behandlung der kontroversen Materie zur Nachahmung ein. Weder beutet die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zweiunddreißigjährige Kanadierin (Suspicious River, Lilith on Top, October Kiss) die Thematik aus, noch hat man das Gefühl, Sandra würde die Toten benutzen bzw. sie für ihre Bedürfnisse mißbrauchen. Die Art, wie Sandra mit den Leichen kommuniziert, wie sie sie betrachtet und sie berührt, das ist gleichermaßen respekt- wie liebevoll. "I feel everything from the body. I see it. It's like looking into the sun without going blind", bekennt sie an einer Stelle.

Matt: "Why do you want to be an embalmer?"
Sandra: "Because of the bodies."
Matt: "What do you mean?"
Sandra: "I make love to them."


Als Matt in Sandras Leben tritt, ändern sich die bis dato geordneten Dinge. Nicht, weil der junge, fesche Student von Sandras Neigung abgestoßen wäre, im Gegenteil. Er ist fasziniert von ihrem Verlangen, will alles darüber erfahren, bittet sie sogar, zuschauen zu dürfen. Sandra lehnt entrüstet ab und zieht sich von ihm zurück. Doch das Feuer in Matt ist längst entfacht und hat sich zu einem Flächenbrand entwickelt. Wie ein Junkie giert er danach, es selbst einmal zu versuchen. Er verfällt zusehends, vegetiert nur noch vor sich hin, mit einem ganz bestimmten Ziel vor Augen. Doch Sandra läßt sich nicht erweichen. Sie spürt, daß sich seine Obsession von ihren Bedürfnissen grundlegend unterscheidet. Und so gleitet die Geschichte ihrem unvermeidlichen Ende entgegen. Stopkewich verzichtet gänzlich auf spekulative Goreszenen. Der Akt des Einbalsamierens wird detailliert beschrieben aber nicht gezeigt. Anstatt die ungustiösen Details einzufangen, beobachtet die Kamera Sandra, als sie dem Vorgang erstmals beiwohnt, fängt die Emotionen ein, die sich auf ihrem Gesicht spiegeln. Auch der Liebesakt wird nur kurz angedeutet. Wer auf exploitative Elemente hofft, ist bei Kissed - trotz zweier kurzer Full-Frontal-Nacktszenen - definitiv im falschen Film.

Interessant ist außerdem, daß es Sandra in erster Linie nicht um die Befriedigung ihrer speziellen Gelüste geht. Vielmehr ist sie der festen Überzeugung, daß sie mit ihrer Hingabe den Toten etwas Gutes tut, daß sie ihnen beim Übergang in die nächste Welt behilflich ist. Dadurch bekommt Kissed eine spirituelle Note, welche durch die Art der Inszenierung der entsprechenden Momente verstärkt wird. Sandras verklärter Gesichtsausdruck (der sexuelle Höhepunkt der Frau ist ja auch als "la petite mort", also "der kleine Tod", bekannt), die grelle Szenenausleuchtung (als ob der Raum von überirdischem Licht geflutet werden würde), die sanften, fast schon sakralen Klänge auf der Tonspur (Engelsmusik?); für Sandra ist der Liebesakt auf alle Fälle eine wahrhaft himmlische Erfahrung. Leider reißt Stopkewich diesen Aspekt nur kurz an und läßt viele Fragen unbeantwortet. Stattdessen konzentriert sie sich auf das (Gefühls-)Leben ihrer Hauptfigur, kongenial zum Leben erweckt von Molly Parker. Parkers eindringliche Performance ist eine Offenbarung, zu gleichen Teilen fragil, entschlossen, verletzlich, selbstbewußt, sensibel, leidenschaftlich und stark, sodaß man als Zuschauer gar nicht anders kann, als sich zu dieser ungewöhnlichen Frau hingezogen zu fühlen. Und das im Wissen, daß sie warme Körper ziemlich kalt lassen.


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