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John Waters' Cecil B. (2000)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 03.05.2005, seitdem 531 Mal gelesen



Gute Hollywoodsatiren sind rar gesät. Deswegen ist man als kritischer Cineast immer dankbar, wenn einem mal wieder ein Exemplar über den Weg läuft. “Cecil B.” von John Waters ist wieder eines, und zwar im Gegensatz etwa zu “Schnappt Shorty” aus der Anarcho-Ecke.

Durch die recht offensichtliche Planlosigkeit des Films stellt sich dieser ganz deutlich auf die Gegenseite der Hollywood-Fraktion, ohne dabei jedoch auf Selbstironie zu verzichten; oder auch auf den Umstand, dass Filme jenseits des Mainstreams normalerweise auch eine Reaktion auf diesen und dadurch von ihm abhängig sind. Das verdeutlicht alleine die Tatsache schon, dass Regisseur Cecil B. Demented (Stephen Dorff) eine Diva des großen Kinos (Melanie Griffith) zum Kernstück seines neuen Werkes auserkoren hat. Zwar muss er sie dazu kidnappen und mit der Waffe zwingen, ihren Text aufzusagen, doch die Wirkung erreicht diese unkonventionelle Rollenbesetzung nur durch die glorreiche Vergangenheit der gekidnappten Honey Whitlock. Um sich also von etwas lösen zu können, muss es auch etwas geben, von dem man sich lösen kann. Und das ist der Mainstream.

Wenn dieser dargestellt wird, hat John Waters Film seine stärksten Momente. Immer noch überraschend aktuell wird bevorzugt die Remake-, Sequel- und Director’s Cut-Wut der Hollywood-Produzenten aufs Korn genommen. Diese wird hier natürlich enorm übertrieben, indem man etwa dem zweifellosen Meisterwerk “Forrest Gump” eine Fortsetzung spendiert mit dem unsäglichen Titel “Forrest Gump 2 - Gump Again”. Natürlich ohne Tom Hanks. Und “Patch Adams” bekommt eine vom Regisseur abgesegnete erweiterte Fassung - endlich, wird der Cineast sagen. Ach ja, und filmische Meisterwerke aus Übersee werden gleich mal neu verfilmt... “man kann dem amerikanischen Publikum doch keine Untertitel vorsetzen.”
Was wirklich schockiert, ist der Umstand, dass diese kranken Hirngespinste von John Waters gar nicht mal so abwegig sind. Wer würde heutzutage schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass es niemals ein Sequel zu “Forrest Gump” oder einen DC zu “Patch Adams” geben wird? Das ist ein Punkt, über den es sich nachzudenken lohnt. Remakes, Sequels oder sonstige Expansionen erfolgreicher Franchises mögen in Einzelfällen auch künstlerisch zu rechtfertigen sein, aber hier wird deutlich, dass der primäre Antrieb die wirtschaftliche Komponente ist.
Melanie Griffiths Charakter Honey Whitlock verdeutlicht darüber hinaus zu Beginn die Verlogenheit des Hollywood-Systems. Sie ist wie eine Münze, der auf der einen Seite der Satz “Ich liebe euch alle” aufgedruckt wurde und auf der anderen Seite “Ihr kotzt mich an”. Welche Seite dem Publikum zugewandt und welche hinter den Kulissen offenbart wird, muss wohl nicht extra betont werden.

Insgesamt kommt jene direkte Kritik an Hollywood jedoch leider viel zu kurz, beschäftigt sich Waters doch fast durchgehend mit der Crew um Cecil B. Demented und den Dreharbeiten zu seinem neuen Film, der mit echten Menschen an echten Schauplätzen gedreht wird. Und leider kann dieser Teil nur selten überzeugen, wenn auch der gute Wille, innovativ zu sein, stets erkennbar bleibt.
Die durchwachsene Qualität dieses Hauptteils liegt vor allem an den Charakteren. Melanie Griffith macht ihre Sache an sich nicht schlecht, doch fehlt es ihr - und das ist eine Meta-Ebene für die intendierte Wirkung der Figur Honey Whitlock - an der geeigneten Schauspielbiographie. Man stelle sich stattdessen folgendes Szenario vor: Julia Roberts, von mir persönlich nicht allzu sehr geschätzt, dennoch der weibliche Weltstar schlechthin, befände sich ganz deutlich auf dem absteigenden Ast. Sie würde also immer mehr Rollen annehmen von zunehmend minderer Qualität und zu immer niedrigeren Gagen. Und dann würde sie mit der gleichen Konsequenz wie Melanie Griffith die Honey Whitlock spielen. Das hätte aufgrund ihrer glanzvollen Vergangenheit einen vollkommen neuen Effekt. Griffith jedoch war nie der Weltstar, den sie zu Beginn des Films spielt. Eine mögliche Selbstironisierung bleibt deswegen auf der Strecke und die Wirkung ihrer Rolle eher verhalten. Obgleich Griffith schauspielerisch ihr Bestes tut, wäre eine erfolgreichere Schauspielerin hier wohl besser gewesen; ja, vielleicht hätte man die Figur im Drehbuch sogar als alternden Star auslegen sollen, der sich bereits in den späten 50ern befindet.
Die Filmcrew ist sichtlich darum bemüht, alternativ und unberechenbar zu erscheinen, wodurch sie paradoxerweise hochgradig vorhersehbar bleibt. Eine interessante Idee ist es, dass jedes Crewmitglied den Namen eines Regisseurs eintätowiert hat, der in irgendeiner Weise - seien es Sex, Drogen oder Gewalt - die Extreme des Filmemachens ausgereizt haben, darunter Sam Peckinpah und Rainer Werner Fassbinder. Ansonsten jedoch sind die Charaktere nur wenig reizvoll. Sehr viel wird mit sexuellen Ausrichtungen experimentiert - einer bedauert sogar seine Heterosexualität, weil er so nicht die Liebe seines schwulen Kollegen erwidern kann - ansonsten auch mit Glaubensrichtungen (Satanismus) und kulturellen Gruppierungen bis hin zu musikalischen Stilrichtungen und Kleidung. Das ist alles andere als originell. Deswegen bleiben die Crewmitglieder sowohl als reale Personen als auch als satirische Überspitzungen, die sie ja eigentlich sein sollen, uninteressant. Und wer dann auch noch eine Identifikationsperson sucht, ist völlig auf verlorenem Posten, denn so etwas gibt es nicht einmal ansatzweise. Lediglich Stephen Dorff (“Blade”, “SFW”) und Michael Shannon (“Bad Boys II”, “8 Mile”) vermögen es, ihre Figuren zumindest ansatzweise interessant erscheinen zu lassen.

Von strukturellem Aufbau kann nicht die Rede sein, und das einzige Ziel ist die Fertigstellung des Films. Der Weg dorthin ist geprägt von einem unmotivierten Wechsel zwischen den Dialogen im Unterschlupf und den folgenden Actionsequenzen im Rahmen der spontanen Dreharbeiten. Mittendrin erlebt die einstmals zickige Diva Honey Whitlock eine Metamorphose hin zum vollwertigen Mitglied der Cecil B.-Posse, die natürlich wie fast alles an diesem Film beabsichtigterweise fern jeglicher realer Verhaltensweisen liegt.
Das Finale im Autokino kann inszenatorisch leicht hinausstechen, verwirrt aber ebenfalls mit seltsam stakkatohaft frequentierten Verhaltensfolgen der Filmemacher, deren Anführer Cecil B. Inzwischen zum Volkshelden geworden ist. Positiv herauszuheben ist die freudestrahlende Reaktion der besorgten Eltern von einem der Cecil-Crew-Mitglieder, als dieses mit einer Kugel im Knie zwar zerdeppert, aber eben noch lebend auf die Autohaube knallt. Die sorgenfreie Freude im Gesicht der Eltern erinnert an die Wirkung des Videos zu Soundgardens “Black Hole Sun”: eine übermalte Wirklichkeit, die keine Grauzonen kennt und sich nur zwischen den beiden Sphären himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt bewegt. Hier kommt wiederum eine spärliche Genialität zum Vorschein, die darauf hinzielt, dass Hollywood nichts ist als eine gelackte Oberfläche, unter der sich meist nur Scheiße befindet.

Jedoch hat man über weite Strecken das Gefühl, John Waters übernimmt sich mit seinem stilistischen Overkill und will zu viel auf einmal einbauen. Das Endprodukt ist wirr und kaum benutzerfreundlich. Als Stärke erweist sich aber wiederum, dass die zahlreichen Schwächen, die man finden kann, stets negiert und gar positiv ausgelegt werden können. Die Anarchie, die Ungeordnetheit, das fehlende Feingespür für Bildfolgen, die klischeebeladenen Charaktere, der dem geschehen oft entgegenstoßende Underground-Score, all diese Mängel vertragen sich mit der Aussage des Films, die ja eben darauf hinaus will, eine Alternative zu den Hollywood-Regeln zu sein, auf denen die oben genannten Kritikpunkte basieren. Im Prinzip entzieht sich John Waters Film daher jeglicher Kritik.

Wie schon der Name des Regisseurs sagt, ist “Cecil B. Demented” ein durchgeknalltes und total irrsinniges Stück Satire auf das uns bekannte Filmbusiness. Die durch Hollywood normierten Regularitäten, denen zufolge man einen guten Film macht, ignoriert Regisseur Waters völlig und hält sich stattdessen voll und ganz an seine Eigendynamik, die sich letztendlich zu einem wirren Film zusammensetzt, der Independent-Aspekte und Hochglanzoptik miteinander vereint. Der Umstand, dass teilweise Konventionelles geschaffen wird, wo man Unkonventionelles schaffen wollte, trübt allerdings die unter dem Strich recht frische Inszenierung gewaltig, was sich vor allem in den unmotivierten Charakteren bemerkbar macht. Alles in allem ein durchwachsenes Vergnügen, das sicherlich auch ein wenig vom Betrachterstandpunkt abhängig ist.

5/10


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