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John Waters' Cecil B. (2000)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 4 / 10)
eingetragen am 27.04.2008, seitdem 462 Mal gelesen



Soll ich mich hier als „Indie-Loving-Filmmaker“ beschreiben? Vielleicht... vielleicht versteht man dann meine Enttäuschung.

Denn ein weiteres von John Waters‘ Spätwerken hinterläßt mich voller Verwirrung. Einerseits scheint Waters das „Guerilla-Filmemachen“ zu feiern („Technik ist nichts weiter als verfehlter Stil“) und den Dadaismus in der Kunst („Zerstört alle Filme!“). Viele Aussagen zielen auf die Rettung des Kinos, auch in meinen - amüsierten - Augen: Das Umstürzen von Kinotischen (wie Jesus im Tempel), die Attacke auf Videospielverfilmungen , auf Remakes ausländischer Klassiker, auf Sundance, die Zitate wie „Für schlechte Filme muß Rache geübt werden!“, „Familienfreundlich ist nur ein obszöner Ausdruck für Zensur!“ oder „Brennt die Multiplexe nieder!“

Waters selbst hat früher solche Independent-Outlaw-Underground-Autoren-Filme gedreht und damit quasi gegen den Mainstream gekämpft, wie sein Held „Cecil B. Demented“; tatsächlich sind auch in „Cecil...“ viele seiner Motive/Steckenpferde vertreten: seine geliebte Bienenkorbfrisur; Kotze im Kino; das Ablecken des Logos „Panaflex“; Patti Hearst als Darstellerin und das Stockholm-Syndrom sind seiner Liebe zu bizarren Kriminalfällen gewidmet - aber hier kommt mein „Aber“: Es scheint dennoch, als verarsche Waters jetzt seine eigene Jugend und Herkunft. Als sage er: „Was waren wir damals für junge, naive Deppen.“

Denn sein „terroristisches Underground“-Filmteam tritt als die totalen Deppen auf („Hier wird nicht improvisiert“). Sie benehmen sich so unangenehm, als würden sie in Waters‘ Frühwerk „Pink Flamingos“ um den „Preis für die ekelhaftesten Leute der Welt“ konkurrieren; doch im Unterschied zu damals propagieren sie in „Cecil...“ jetzt eine „Botschaft“ - zu Zeiten von „Pink Flamingos“ wäre für Waters das explizite Propagieren einer Botschaft wahrscheinliche cineastische Sünde gewesen. Doch jetzt ist er sich dazu nicht zu schade. (Und er hat ja recht mit seiner Botschaft! Aber wer wollte sich mit DIESEN Leuten verbünden?)

Ausdrücklich propagiert Waters etwas, was Waters am Herzen zu liegen scheint - aber dann doch wieder nicht, oder nur in der Vergangenheit: Denn die, die in „Cecil...“ propagieren, sind die totalen Deppen, Slapstickfiguren, Komödientrottel.

Falls Waters also tatsächlich eine Lanze für den Independent-Outlaw-Underground-Autoren-Film brechen will (will er das überhaupt?), so scheitert der Versuch - denn außer, daß er formal ignoriert, was „Cecil...“ so verbal proklamiert, so fehlt ihm die Liebe zu seinen Figuren - die z.B. „Ed Wood“ oder „Bowfingers große Nummer“ ausmacht - ebenfalls Mainstream-Produktionen, die aber nicht versuchen, etwas anderes zu sein. Sie lieben mit Mainstream-Mitteln den Underground, wo Waters ihn mit Mainstream-Mitteln verarscht. Nicht imitiert, nicht beschreibt, sondern niedermacht.

Natürlich verweigert er sich damit dem "guten Geschmack" (und der war schon immer der Tod des Kinos) - doch zugleich will er eine "Botschaft" verbreiten (und Botschaft kommt von "boshaft").

In diesem Widerspruch also steht der Film: irgendwie weiß Waters, daß nur solche Wirrköpfe Kunst & Kino retten können. Andererseits scheint Waters schon lange selbst Teil des niveaulosen Mainstrem (wie man schon in „Serial Mom“ oder „Cry Baby“ sah) und benutzt jetzt seinen „Cecil B. Demented“, um die ganze Wirrnis dieser naiven „Jugendlichen“ zu zeigen - es scheint mir, als sage er selbst: „Meine damaligen Ideen waren mangelnder Reife geschuldet“ - selbst wenn sie ihm heute noch „irgendwie“ richtig scheinen, so zeigt der Film seine eigene Unfähigkeit, oder seinen Unwillen, sie heute noch ernst zu nehmen. Er blickt auf sich selbst mit den Augen des saturierten Erwachsenen, der die Einsichten seiner Jugend zitiert, ohne sie noch ernst nehmen oder glauben zu können.

Er scheint mir die tragische Figur eines Filmemachers, der seiner Jugend zugleich nachtrauert und überdrüssig ist, zugleich aber nicht darüber hinaus kommt, keine „erwachsenen“ Filme machen kann. (Ist das auch mein eigenes Problem?!?)

Was ihm zu bleiben scheint, ist nur noch das hilflose Herumprobieren mit den materiellen Vorteilen, mit denen ihm die Korrumpierung durch den Mainstream schmackhaft gemacht wurde: Aufwendige Beleuchtung, aufwendige „schöne“ Ausstattung (die aufdringlich-deutlich „zusammengestückelt“ wirken soll), große Hallen, weich gefederte Kamerabewegungen, das Alles-Zuklatschen-mit-einlullendem-Kaufhausmusik-Soundtrack, ständig wechselnde Kostüme (wie in einem Julia-Roberts-Vehikel) (statt Cecil seine anfängliche Zwangsjacke zu lassen), fuchtelnde Statistenhorden, lange Limousinen, und zahllose Assistenten für Melanie Griffith: Je eine/r für Kostüm, Maske, Fahrten, Stunts und Assistenz (also drehte er wohl ein Melanie-Griffith-Vehikel) (na gut, früher waren es "Divine"-Vehikel). All das scheint mir wie Verrat an seinem Frühwerk. Und an dem, was seine Filmfiguren propagieren.

Entsprechend verrät er auch die im Film mehrmals als „Idole“ genannten Regisseure: Otto Preminger, Sam Fuller, H.G. Lewis, David Lynch, Sam Peckinpah, R.W. Faßbinder. Pedro Almodovar, Kenneth Anger, Spike Lee, William Castle, Andy Warhol - nebenbei gesagt, im Jahre 2000 in der Regel längst verwesende „Klassiker“ ohne Kontakt zum aktuellen Independent-Underground, sondern tot oder alt.

Vielleicht ein Hinweis auf Waters‘ Gestrigkeit. Fast scheint mir, als könnte Waters im Film auch sich selbst (den „jungen Waters“) als Vorbild nennen.

Denn all diese Idole werden zwar von Waters‘ Drehbuch gelobt, zugleich bleiben sie aber unerreichbar für den hilflosen „alten“ Waters. Am deutlichsten in dem, wofür sie sein Drehbuch bewundert: Gewalt und Sex. Waters mangelt es an Gewalt sogar in den Gewaltszenen und an Sex in der finalen Massenorgie. Alles ist geradezu familienfreundlich inszeniert (eben von Waters - nicht von Cecil) (z.B. Sex ohne Ausziehen) - und das, obwohl Waters seine Helden schreien läßt: „Familienfreundlich ist nur ein obszöner Ausdruck für Zensur“.

Schließlich zeugt sogar seine eigene „Objekte-Ableck“-Szene gegen ihn: Das aggressive Ablecken ganzer staubiger Polstermöbel in „Pink Flamingos“ ist in „Cecil...“ zum zaghaften Anstubsen einer sauberen Kamera mit der Zungenspitze geworden - früher zeigte er, wovon in „Cecil...“ nur noch geredet wird.

Vielleicht ist es von daher ein passendes Ende, daß in „Cecil...“ die Figuren zwar triumphieren, aber sterben, während „Ed Wood“ und „Bowfinger...“ am Ende voller Triumph weiterleben. Waters erkennt sein eigenes Scheitern und praktiziert es an seinem Alter Ego Cecil. Traurig.

Hätte er sich nicht besser auch selbst verbrennen sollen, wie er es Cecil zugedacht hat? Denn so blieb es Cecil erspart, sein Altern und Scheitern zu erleben.

PS: Auch Waters' Freunde und Mitspieler Divine, Cookie Mueller, Edith Massey und David Lochary sind längst gestorben - AIDS, Überdosis...

Wer mehr vom "jungen" Waters wissen möchte, dem sei seine Autobiographie "Shock Value" empfohlen. Those were the days...


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