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John Waters' Cecil B. (2000)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 24.06.2008, seitdem 1709 Mal gelesen



Dieser späte Waters ist neben "Pecker" der enttäuschendste Film aus dem Spätwerk des Altmeisters schlechten Geschmacks. Zum einen meidet Waters wie schon seit Jahren die unverblümte Darstellung des Ekelhaften und Perversen, zum anderen funktionieren hier aber auch seine ideologischen Ansätze nahezu nirgends. Der Titel verweist auf Cecil B. DeMille und dieser Film ist auch Waters erster Meta-Film, der den Filmbetrieb selbst zum Thema hat... Auch der Vorspann, der vor Werbeflächen abläuft die Machwerke wie "Scream 4", "Postman 2", "Vertigo - The Remake" und "Lake Placid 2" anpreisen oder verkünden dass in 8 Kinos 4 mal Star Wars und 4 mal Star Trek läuft, macht noch vor Beginn des eigentlichen Films überdeutlich worum es im Kern gehen wird.
Eine Selbstinszenierung im Stile der amerikanischen Nacht Truffauts oder des achteinhalbten Films Fellinis wäre sicherlich bei einem Ausnahmeregisseur wie Waters denkwürdig und überaus unterhaltsam geworden, Waters jedoch versucht sich an einer Kritik am netten, leicht verdaulichen Hollywoodstreifen und übersieht dass er selbst mittlerweile kaum noch etwas anderes macht (sein nächster Film "A Dirty Shame" scheint immerhin eine mögliche Wende anzudeuten, auch wenn selbst diese vermeintliche Rückkehr zu den Wurzeln ideologisch wie inszenatorisch vom Frühwerk unterschieden ist).

Melanie Griffith ist Honey Whitlock - eine arrogante, zickige, hysterische, verzogene und dabei immer heuchlerisch liebevolle Diva, die ihren neuen Film "Some Kind of Happiness" anpreist: eine "romantische Screwballkomödie (...), lebensbejahend, aber realistisch..." (00:09,55). Parallel zu jenen Szenen in denen sich der vermeintlich charmante Star des Filmbetriebs immer wieder als garstiges Scheusal entblößt (auch ein bizarrer Wohltätigkeitsverein kriegt sein Fett ab, als die Rednerin der Baltimore Herzstiftung sich für anlässlich der Premiere des Whitlock-Vehikels gespendete 75.000 $ bedankt und ihrem Vorführobjekt - ein kleiner Bengel im Rollstuhl mit Beatmungsgerät - nach einem Tritt unauffällig den Sauerstoff abdreht) führt Waters Szenen vor, in denen ein selbsternannter Undergroundfilmguru (Stephen Dorff) mit seinen Verbündeten die Premiere in ein Schlachtfeld verwandelt und Honey Whitlock kidnappt.
Whitlock soll Cecil B. DeMented - so der Name des Film-Terroristen und fanatischen Cineasten, dessen Unterarm von einem Otto Preminger Tattoo geschmückt wird - als Darstellerin für ihn und seine "Cinemaniacs" tätig werden. Die "Cinemaniacs" sind: Cherish, eine Pornodarstellerin mit Andy Warhol Tattoo und einem aufreizenden "Sinema" Shirt (das alberne Wortspiel erinnert vage an ähnliche Verballhornung wie "Cinemarx" eines Godard, den Waters sehr verehrt), Lyle, ein dorgensüchtiger Hippie mit Herschell Gordon Lewis Tattoo, Pam, ein Punkgirl mit Sam Peckinpah Tattoo, Chardonnay, eine Farbige mit Spike Lee Tattoo, Luis, ein farbiger Exzentriker mit David Lynch Tattoo (wie Robert Mitchum auf jedem Fingerrücken einen Buchstaben - Lynch ist zudem insofern noch ein Weggefährte Waters, da er nicht bloß wie dieser aus der Midnight Movie Schiene stammte, sondern sein Eraserhead nicht zuletzt dank höchster Lobpreisungen von John Waters damals zusätzliche Popularität erreichte ehe er zum Kultfilm avancierte (dazu: Rodley (Hg.): Lynch über Lynch, S. 110.)), Fidget, ein wirrer Teenager mit William Castle Tattoo, Raven (unheimlich erotisch: Maggie Gyllenhaal), eine sexy Satanistin mit Kenneth Anger Tattoo und leicht sadistischen Zügen, Rodney, ein Softy mit Almodovar Tattoo, Petie, ein Junkie mit Fassbinder Tattoo und Dinah, ein bizarres Zwitterwesen mit Sam Fuller Tattoo.
Es folgt die erste Inszenierte Szene für Dementeds "Meisterwerk": Whitlock steht erbost vor einem Programmkino das einen Pasolini-Abend gibt und beschwert sich über mangelnde zuschauer die alle im Multiplex "Familie Feuerstein 2" schauen. Cecil B. ist entzückt und verkündet nu weitere Schritte - in realer Umgebung drehen, mit "echten Menschen und natürlich mit echtem Terror" (00:27,17). Die Crew fährt zum nächsten Tatort und filmt, wie man unter Whitlocks Leitung eine "Patch Adams - Director's Cut" Vorführung stürmt und die vor Rührung heulenden Zuschauer mit Rauchbomben und Anklagen terrorisiert - nebenbei verschreckt man noch einen debilen, weiblichen Tarantino-Fan.
Etwas differenzierter geht Waters dann nach einer guten halben Stunde bei einer Messe der Cinemaniacs vor: Man betet Andy Warhol an und verteufelt den Profit aufs härtestete. Die Vorstellung von reiner Kunst - für die man sogar körperliche Enthaltsamkeit einsetzt - wird hier nämlich nicht als Ideal, sondern als wirres Produkt cineastischer Fanatiker vorgeführt.
Als nächstes sprengt man ein Treffen des Filmverbands Marylands vor laufender Kamera, nachdem man sich dort über die zum Medienereignis gewordenen Cinemaniacs ausgelassen hat. Es kommt dabei zu einer Auseinandersetzung mit einem Mainstream-Publikum, das man mit Hilfe von Actionfilmfans niederknüppelt. Bei einer Sabotage von "Forrest Gump 2" - es gibt erste Tote in der Gruppe - kann man sich nur dank des Einsatzes von Pornofans gegen erboste Gewerkschaftler zur Wehr setzen.
Honey hat sich inzwischen in die Gruppe eingelebt und wirkt voller Begeisterung an einem Gruppensex-Happening im Autokino teil... Mit dieser Szene endet nicht nur Cecils Film sondern auch sein Leben - er rollt im aufkommenden Getümmel in einem brennenden Rollstuhl von einem Dach, was ein Autokinopäärchen mit "Das kommt von sowas..." (01:18,30) kommentiert. Die meisten Mitglieder der Cinemaniacs sind nach einem wenig spektakulären Polizeieinsatz tot und Whitlock wandert "bekehrt" ins Gefängnis.

Insgesamt leidet der Film vor allem an müden Gags und geradezu peinlich verklemmten Darstellungen an sich tabubrechender Inhalte... Waters achtet schon darauf, den Zensurvorgaben zu entsprechen. Er hat sich auch sosehr an Studiobosse angebiedert, dass seine Stammcrew hier nur noch in allerkleinsten Gnadenrollen auftaucht. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Botschaft. Die Botschaft ist zwar dialektischer Natur (man könnte auch boshaft sagen: sie ist wirr) da nicht nur der Mainstream attackiert wird, sondern auch die Warhol und Anger vergötternden Anti-Profit-Anhänger - in deren Mitte unerklärlicherweise auch William Castle, Samuel Fuller, Sam Peckinpah Fans sitzen und auch der H. G. Lewis Fan passt nicht in das Bild das Cecil B. (dessen Ahnherr DeMille auch dem Mainstream zuzurechnen ist, auch wenn er ständig mit den Produzenten kämpfte, die bisweilen direkt in seine Filme eingriffen) von seiner Gruppe entwirft - zuweilen zur gehässigen Karikatur geraten, dennoch steht die Kritik am Mainstreamfilm im Vordergrund und eben diesem nähert sich Waters hiermit wieder ein Stückchen mehr an - und erreicht dabei nichtmal die Qualität eines furchtbar schnulzigen, aber immerhin halbwegs solide inszenierten Tränendrückers wie "Patch Adams". Neben müden Gags und Unglaubwürdigkeit ist hierbei auch noch die vergeigte Dramaturgie schuld... Waters gelingt es es sowie schonmal nicht, einen irgendwie für die Charaktere einzunehmen (Gyllenhaals Schauspielkunst und ihr nettes Lächeln sind dabei die Ausnahme), aber auch der Spannungsbogen krankt an erheblichen Defiziten und verläuft sich in einer aneinandergereihten Nummernrevue (wie es seit "Pink Flamingos" im diesem Maße lange nicht mehr der Fall war) in der Höhe- und Glanzpunkte auch noch eine Seltenheit darstellen (das war bei "Pink Flamingos" immerhin auch noch anders).

Man könnte zwar darauf verweisen, dass Waters aus dem Independent Bereich in ein Hollywood System gedrängt ist um es von innen heraus zu sabotieren (auch Fellini ließ sich manchmal von Fernsehsendern finanzieren um dann etwa in "Ginger e Fred" oder "Intervista" Fernsehsender boshaft zu überzeichnen), aber es scheint eher, dass er einem fast 20 Jahre zuvor gefassten Entschluss gefolgt ist: "Ich wollte immer meine Ideale verraten und mich verkaufen. Das Problem ist nur, dass niemand mich kaufen wollte." (Waters: Crackpot, 1983.)
Im Endeffekt ist "Cecil B. DeMented" ein überaus unausgegorener Film und zwar in jeder Hinsicht. Was ihn noch ein wenig rausreißt sind die nur für überaus wachsame und im Undergroundkino bewanderte Zuschauer eingestreuten Filmplakate die sich hier und da mal erhaschen lassen.
Eine schwache 5/10 für ein lahmes Routineprojekt, dass das eigentliche Problem - heutzutage hat der Mainstreambereich die meisten Elemente des Undergroundkinos übernommen - durchaus erkennt und direkt anspricht, und trotzdem noch einen hoffnungslosen Kampf führt, der ebenso sympathisch wie lächerlich geraten ist.


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