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Auf brennendem Eis (1994)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 12.10.2017, seitdem 279 Mal gelesen



Es war einmal. Vor langer, langer Zeit...

Da gab es einen Mann, der liebte exzentrische Outfits. Manchmal ging er umher als Matrose. Manchmal sah er aus wie ein als Trapper verkleideter Indianer. Und manchmal wie Geronimo auf einer Rave-Party. Dieser befremdliche Mann jedenfalls konnte Kampfsport. Und das ziemlich gut. Vor der (und auch ganz ohne) Kamera war er besser als alle von der Konkurrenz. Nur sonst konnte er leider, au√üer ein bisschen Japanisch sprechen, nicht so viel. Doch sagte das dem Mann niemand. Jedenfalls niemand, der danach nicht sehr lange Zeit sehr krank im Krankenhaus liegen wollte. Und zwar auf der Intensivstation. Denn der komisch angezogene Mann war jemand, der anderen gerne wehtat. Er liebte es zum Beispiel, seinen Trainingspartnern die Finger zu brechen, um dann mit Krokodilstr√§nen auf den Wangen zu versprechen, dass der Unfall nur ein Versehen gewesen sei. Nat√ľrlich wussten die anderen, dass solche schlimmen Unf√§lle keine Versehen, sondern dass sie Absicht waren. Und sie hatten Angst. Und das zu Recht.

Nun war es aber eines Tages so, dass der Kampfsportmann meinte, er sei zu mehr berufen, als nur quietschvergn√ľgt anderen die Knochen zu brechen (und Japanisch zu reden). Er wollte auch andere Dinge ausprobieren. Ganz andere Dinge. Zum Beispiel Gitarre spielen. Oder modeln. Oder den Leuten internationale Politik erkl√§ren. Oder schauspielern. Und so kam der Mann auf die f√ľr viele Menschen verwunderliche Idee, nicht nur, wie gewohnt, in die Hauptrolle eines seiner Kampfsportflicks zu schl√ľpfen, sondern einen solchen Film selbst zu inszenieren. Doch niemand traute sich, dem Mann das griechische Wort ‚ÄěHybris" zu erkl√§ren. Oder auch nur die Worte ‚Äěkeine gute Idee" und ‚Äěbitte nicht" in den Mund zu nehmen. Denn jeder wusste, wie furchtbar weh es einem physisch tun w√ľrde, den Mann unbedacht psychisch zu triezen. Zwei Dinge waren es n√§mlich, die der Mann gar nicht mochte: Widerworte. Und zu wenig Essen auf dem Tisch.

So kam es, dass der Mann erstmals √ľberlegte, welchen Filmnamen er sich geben k√∂nnte. Er dachte nach und dachte nach. Ein guter Einfall jagte dabei bestimmt in jenem Sommer des Jahres 1994 den n√§chsten. Doch endlich kam ihm die endg√ľltige Idee. Er nannte sich fortan und eine Filml√§nge lang Forrest Gump, nein Taft. Forrest Taft. Und dieser Forrest Taft w√ľrde selbstverst√§ndlich ein absoluter Supermann sein. Genauso wie der Mann selbst auch im echten Leben. Und los geht die eigentliche Geschichte in der Geschichte: Gleich in der ersten Szene des Films, als sich eine √Ėlquelle aufgrund eines mangelhaften und materialm√ľden Bohrturms entz√ľndet hat, z√ľndet sich der zu Hilfe gerufene Forrest Taft, vom flammenden Geysir unbeeindruckt, am brennenden √Ėl eine Zigarette an (Er ist √ľbrigens f√ľr diese Szene das einzige Mal im Film Raucher) - und l√∂scht dann in der n√§chsten Sekunde quasi im Vorbeigehen das nach allen Seiten hin spritzende Inferno. Taft h√§ngt dazu einfach irgendeinen Haken ein oder dr√ľckt einen Knopf oder sowas. Er ist also bei seiner filmischen Exposition von den Hunderten um die Quelle wuselnden Helmtr√§gern offenbar der einzige, der das kann. Doch ehe man Zeit hat, sich kurz zu wundern, wof√ľr die Leute vor Ort eigentlich bezahlt werden und was sie denn dann √ľberhaupt k√∂nnen, wenn nicht ihren Job, erscheint auch schon der B√∂sewicht am Set. Und der ist niemand geringeres als der eine Filml√§nge lang v√∂llig unterforderte Michael Caine - dessen darstellerische Leistung sich in der Folge in umgekehrter Proportionalit√§t zur inszenatorischen Expertise des Regisseurs verh√§lt.

Noch √ľbrigens arbeitet Taft offiziell f√ľr den skrupellosen √Ėlbaron (f√ľr den er auch die Quelle gel√∂scht hat). Der allerdings investiert null in Sicherheitsma√ünahmen (deshalb auch der explodierende Bohrturm) und interessiert sich mit derselben Ernsthaftigkeit f√ľr die Belange der Umwelt, wie ein Schimpanse f√ľr die Superstring-Theorie. N√§mlich gar nicht. Jeder anfallende M√ľll wird von ihm einfach in die Natur entsorgt, weil das billiger ist als recyceln. Man kennt das. Taft, das wei√ü der Zuschauer, ist aber ein Guter (Nur halt nicht die hellste Leuchte im Geb√§ude). Also ist es unwahrscheinlich, dass er dem fiesen Michael Caine weiterhin die Stange halten wird, wenn er denn erst einmal endlich mitbekommen hat, was alle anderen schon l√§ngst wissen, n√§mlich, dass der √Ėlbaron ein Dreckspatz und Schmutzfink ist.

Damit ist die personalisierte Geschichte, um noch einmal kurz zum Herzensanliegen des fachfremden Mannes auf dem Regiestuhl zur√ľckzukommen, auf ihr Gleis gesetzt. Und wohin sie gem√ľtlich tuckert, ist dem geneigten Actionfreund ohnehin schon klar. Der Umwelts√ľnder wird f√ľr seine vielen Missetaten bestraft werden. Und zwar von Taft. Unter Zuhilfenahme gr√∂bster k√∂rperlicher Gewalt. Soweit, so lobenswert. Womit man jedoch als unbedarfter Krachfilmfreund nicht gerechnet h√§tte, ist, dass man unvermittelt beim Aikido-Ass die Schulbank dr√ľcken muss. Aber nicht die der Kampfschule, nein, P√§dagogik und Psychologie stehen (neben Politik) auf dem Stundenplan. In einer der folgenden Szenen beispielsweise betritt Forrest Taft eine Bar. Da muss er zun√§chst etwas gequ√§lt mitansehen, wie ein st√§mmiger Typ einen wehrlosen kleinen Indianer herumschubst. Quasi als Folge seiner vielen Arbeit f√ľr den fiesen √Ėlbaron guckt Taft zwar, moralisch hin und hergerissen, f√ľr den Geschmack des Zuschauers ein wenig zu lange zu, aber es kommt schlie√ülich, was kommen muss und worauf sich schon alle freuen. Als Taft sich endlich von seinem Barhocker hievt und einschreitet, wird dem Rabauken innerhalb weniger Sekunden mit einem Satz fliegender F√§uste das halbe Gesicht weggemei√üelt. Doch die darauf folgende Reaktion des Schwerverletzten ist eine andere, als das ein in Mitteleuropa sozialisierter Mensch wom√∂glich meinen k√∂nnte. Sie ist geradezu verbl√ľffend. Der v√∂llig auseinandergenommene Rassist taumelt nicht etwa traumatisiert im Delirium umher oder schw√∂rt mit blutverklebter Stimme Rache, nein. Der Raufbold ohne Nase ist f√ľr die Gesichtsamputation - zur √úberraschung des aufmerksamen Beobachters - aus tiefstem Herzen dankbar. Durch Tafts ultrabrutalen Gewalteinsatz ist es dem nun gel√§uterten Schl√§ger n√§mlich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass das Herumschubsen wehrloser Indianer b√∂se ist und man sowas einfach nicht macht. Erst recht nicht, wenn sie aussehen wie Yakaris Papa in besoffen. Ohne Zweifel manifestiert sich also an diesem hochinteressanten p√§dagogischen Kausalzusammenhang eine unorthodoxe Methodik, √ľber deren Logik es sich lohnt nachzugr√ľbeln. Aber bitte schnell. Denn viel Zeit zum Luftholen (oder Augenreiben) wird einem nicht verg√∂nnt.

Doch bleibt es nicht bei revolution√§ren didaktischen Konzepten jenseits ausgelatschter humanistischer Pfade. Da kommt noch viel Profunderes. Aber nicht nur, dass als Spitzbuben der aus ‚ÄěScrubs" und ‚ÄěPlatoon" bekannte John C. McGinley sowie Arnolds einstiger Trainingspartner Sven-Ole Thorsen (‚ÄěRed Heat", 1988) in Forrest Taft bald ihren (Lehr-)Meister (und Totengr√§ber) finden. Oder dass der ehemalige Gunnery Sergeant R. Lee Ermey (‚ÄěFull Metal Jacket", 1985) an der Seite eines noch blutjungen Billy Bob Thornton als S√∂ldner vorbeischaut, um von Taft teilnahmslos durch den Fleischwolf gedreht zu werden. Nein. Es war dem f√ľr das alles verantwortlichen Regie-Novizen sehr wichtig, eine echte Botschaft mit seinem Projekt zu versenden. Denn unser Planet bietet sogar noch mehr an Gutem und Lebenswertem als nur ultrabrutalen Kampfsport. Wenn auch nicht viel mehr. Jedenfalls wird der gemeine √Ėl-Fritze sozusagen stellvertretend f√ľr so viele andere (echte) gemeine √Ėl-Fritzen von Taft aus Alaska subtrahiert. Dabei wird sp√§testens ab dem Mittelteil des Films klar, dass Taft nicht nur mit den F√§usten (die er sowieso dauernd schwingt), sondern auch mit der Seele (!) zu den Anst√§ndigen √ľbergewechselt ist. Die geht n√§mlich, nachdem ihm ein paar Eingeborene Drogen verabreicht haben, eine Runde auf Reisen. Als Adler, Wolf, B√§r, Tintenfisch, als wei√ü der Geier was ist Taft dann f√ľr ein paar Minuten im Film-Traum unterwegs und tankt unterdessen die geballte Kraft von Mutti Natur. Die junge Inuit, die dabei st√§ndig um ihn herumwuselt, schiebt sich der Mann/Taft ausnahmsweise √ľbrigens einmal nicht nach wenigen Minuten auf den Scho√ü, um an ihr rumzumachen, sondern er bleibt √ľberraschend artig. Das wird bei den Billig-Geschichten des n√§chsten Jahrtausends noch ganz anders werden. Aber Zukunft beiseite, Forrest Taft kehrt gest√§rkt und bereit f√ľr neue Gro√ütaten auf die Bildfl√§che zur√ľck, um in letzter Sekunde einen Deal zu verhindern, der dem fiesen √Ėlprinz die Rechte am Indianerland sichern w√ľrde. Und zwar bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Obwohl Taft gen√ľgend Beweise f√ľr die schimpflichen Manipulationen von Michael Caine vorliegen hat und ihn das Indianerm√§dchen obendrein auf die M√∂glichkeit eines Gangs zu den Beh√∂rden aufmerksam macht, zieht es der Kampfsportmann lieber vor, zur Raffinerie des Halunken zu gehen, und da alles in die Luft zu sprengen. Dass dabei (neben den Schurken) vor allem unschuldige Arbeiter umkommen k√∂nnten, kommt Taft ebenso wenig in den Sinn, wie die M√∂glichkeit, dass durch eine solche Explosion wom√∂glich mehr Umwelt zerbr√∂selt wird, als der √Ėlbaron in Jahrzehnten verschmutzen k√∂nnte. Viele Federn werden hier aber eben nicht gelesen und Detailarbeit ist ohnehin etwas z√§h. Also weg damit. Zum Dank, dass Taft die gr√∂√üte Havarie in den Annalen des Landes ausgel√∂st hat, bekommt er Redezeit vor einem Eskimokongress. Und w√§hrend ihm da alle and√§chtig zuh√∂ren, reitet Taft zum Abschluss des Films die wahrscheinlich ungenierteste Fremdsch√§m-Attacke der Filmgeschichte. Hinz und Kunz werden da beschimpft und Ekelhaftestes mutig bebildert. Da planschen auf einer gro√üen Leinwand hinter dem Rednerpult ein paar Minuten lang V√∂gel unappetitlich im √Ėl und da ersticken die Ozeane in Bergen von M√ľll und toten Fischlein. Die Zuh√∂rer sind von so viel neuer Information v√∂llig √ľberw√§ltigt und danken in gl√§ubiger Verehrung dem hemds√§rmeligen Mann, der seine filmische Mission nun mit einem v√∂llig dissonanten Schlussakkord zum Abschluss gebracht sieht.

Die Geschichte, die der Mann erz√§hlen wollte, ist nun vorbei. Und es klingt beinahe so, als sei sie gar nicht unterhaltsam gewesen. Aber das t√§uscht. Denn die erbarmungslose Gewalt, die jedes Mal dann eruptiert, wenn jemand Taft bl√∂dkommt, ist allein f√ľr sich schon eine Offenbarung. Jedenfalls wenn man das uninspirierte Gekicke der damaligen Mitbewerber um den Actionthron vor Augen hat. Steven Seagal, so hei√üt der Mann n√§mlich, scherte sich nicht um Kompromisse oder Kompetenzen. Nicht um sensible Befindlichkeiten oder sozialintelligente Diplomatie. Und selbst wenn ihm daf√ľr 1995 die Goldene Himbeere √ľberreicht wurde, Seagal konnte und wollte auch gar nicht aus seiner Haut. Doch so konfus seine st√ľmperhafte √Ėkobotschaft, sein demonstrativer Vegetarismus, seine manische Selbstverliebtheit und seine inh√§rente Gewaltt√§tigkeit in grotesker Synthese auch wirken m√∂gen - es ist gerade diese unm√∂gliche Kombination von Faktoren, die einen Mann ausmachten, der sein Gl√ľck als Hans Dampf in allen Gassen suchte, und doch zu Recht auf das reduziert wurde, was er am besten konnte. N√§mlich auf seine makellose, schauerhaft brutale und konkurrenzlose Kampfsportkunst. Und die ist tats√§chlich etwas, dessen man sich nicht sch√§men muss. Nur ein wenig Humor braucht es offenbar, das so zu sehen. Denn Gewalt, das wissen alle Angstmeier, ist niemals eine L√∂sung:


¬†¬†¬†¬†¬†¬† ‚ÄěMischung aus Actionthriller und √Ėko-Western mit grandiosen Naturaufnahmen. Heldenverehrung
               und Rechtfertigung von Gewalt werden scheinheilig mit ökologischen Motiven bemäntelt".

                                                                           
                                                                                                  Lexikon des internationalen Films


Dieses Urteil ist √ľbrigens so verkehrt nicht. Das ist alles wahr, was da steht. Bis auf das Wort ‚Äěscheinheilig". Denn Steven Seagals √Ėko-Durchsage war ernst gemeint. So dilettantisch sie auch ins Werk gesetzt wurde. Ganz im Gegensatz √ľbrigens zur ‚ÄěHeiligkeit" der katholischen Kirche (die sich f√ľr das Lexikon des internationalen Films verantwortlich zeichnet). Die ist zwar traditionell etwas professioneller inszeniert, daf√ľr aber in der Geschichte meist weniger ernsthaft betrieben worden. Steven Seagal jedenfalls sollte danach nie wieder einen Film selber drehen. Und vielleicht war das angesichts der tollen Streifen, die in den Jahren darauf noch folgen sollten, auch nicht die schlechteste Entscheidung. Doch ein intensiverer, wesensechterer, flammenderer Steven Seagal-Film l√§sst sich schwerlich finden. Und allein deshalb verdient ‚ÄěAuf brennendem Eis" (‚ÄěOn Deadly Ground") mindestens ein zugedr√ľcktes Auge. Na gut, und eine Himbeere.


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