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Auf brennendem Eis (1994)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 12.10.2017, seitdem 163 Mal gelesen



Es war einmal. Vor langer, langer Zeit...

Da gab es einen Mann, der liebte exzentrische Outfits. Manchmal ging er umher als Matrose. Manchmal sah er aus wie ein als Trapper verkleideter Indianer. Und manchmal wie Geronimo auf einer Rave-Party. Dieser befremdliche Mann jedenfalls konnte Kampfsport. Und das ziemlich gut. Vor der (und auch ganz ohne) Kamera war er besser als alle von der Konkurrenz. Nur sonst konnte er leider, außer ein bisschen Japanisch sprechen, nicht so viel. Doch sagte das dem Mann niemand. Jedenfalls niemand, der danach nicht sehr lange Zeit sehr krank im Krankenhaus liegen wollte. Und zwar auf der Intensivstation. Denn der komisch angezogene Mann war jemand, der anderen gerne wehtat. Er liebte es zum Beispiel, seinen Trainingspartnern die Finger zu brechen, um dann mit Krokodilstränen auf den Wangen zu versprechen, dass der Unfall nur ein Versehen gewesen sei. Natürlich wussten die anderen, dass solche schlimmen Unfälle keine Versehen, sondern dass sie Absicht waren. Und sie hatten Angst. Und das zu Recht.

Nun war es aber eines Tages so, dass der Kampfsportmann meinte, er sei zu mehr berufen, als nur quietschvergnügt anderen die Knochen zu brechen (und Japanisch zu reden). Er wollte auch andere Dinge ausprobieren. Ganz andere Dinge. Zum Beispiel Gitarre spielen. Oder modeln. Oder den Leuten internationale Politik erklären. Oder schauspielern. Und so kam der Mann auf die für viele Menschen verwunderliche Idee, nicht nur, wie gewohnt, in die Hauptrolle eines seiner Kampfsportflicks zu schlüpfen, sondern einen solchen Film selbst zu inszenieren. Doch niemand traute sich, dem Mann das griechische Wort „Hybris" zu erklären. Oder auch nur die Worte „keine gute Idee" und „bitte nicht" in den Mund zu nehmen. Denn jeder wusste, wie furchtbar weh es einem physisch tun würde, den Mann unbedacht psychisch zu triezen. Zwei Dinge waren es nämlich, die der Mann gar nicht mochte: Widerworte. Und zu wenig Essen auf dem Tisch.

So kam es, dass der Mann erstmals überlegte, welchen Filmnamen er sich geben könnte. Er dachte nach und dachte nach. Ein guter Einfall jagte dabei bestimmt in jenem Sommer des Jahres 1994 den nächsten. Doch endlich kam ihm die endgültige Idee. Er nannte sich fortan und eine Filmlänge lang Forrest Gump, nein Taft. Forrest Taft. Und dieser Forrest Taft würde selbstverständlich ein absoluter Supermann sein. Genauso wie der Mann selbst auch im echten Leben. Und los geht die eigentliche Geschichte in der Geschichte: Gleich in der ersten Szene des Films, als sich eine Ölquelle aufgrund eines mangelhaften und materialmüden Bohrturms entzündet hat, zündet sich der zu Hilfe gerufene Forrest Taft, vom flammenden Geysir unbeeindruckt, am brennenden Öl eine Zigarette an (Er ist übrigens für diese Szene das einzige Mal im Film Raucher) - und löscht dann in der nächsten Sekunde quasi im Vorbeigehen das nach allen Seiten hin spritzende Inferno. Taft hängt dazu einfach irgendeinen Haken ein oder drückt einen Knopf oder sowas. Er ist also bei seiner filmischen Exposition von den Hunderten um die Quelle wuselnden Helmträgern offenbar der einzige, der das kann. Doch ehe man Zeit hat, sich kurz zu wundern, wofür die Leute vor Ort eigentlich bezahlt werden und was sie denn dann überhaupt können, wenn nicht ihren Job, erscheint auch schon der Bösewicht am Set. Und der ist niemand geringeres als der eine Filmlänge lang völlig unterforderte Michael Caine - dessen darstellerische Leistung sich in der Folge in umgekehrter Proportionalität zur inszenatorischen Expertise des Regisseurs verhält.

Noch übrigens arbeitet Taft offiziell für den skrupellosen Ölbaron (für den er auch die Quelle gelöscht hat). Der allerdings investiert null in Sicherheitsmaßnahmen (deshalb auch der explodierende Bohrturm) und interessiert sich mit derselben Ernsthaftigkeit für die Belange der Umwelt, wie ein Schimpanse für die Superstring-Theorie. Nämlich gar nicht. Jeder anfallende Müll wird von ihm einfach in die Natur entsorgt, weil das billiger ist als recyceln. Man kennt das. Taft, das weiß der Zuschauer, ist aber ein Guter (Nur halt nicht die hellste Leuchte im Gebäude). Also ist es unwahrscheinlich, dass er dem fiesen Michael Caine weiterhin die Stange halten wird, wenn er denn erst einmal endlich mitbekommen hat, was alle anderen schon längst wissen, nämlich, dass der Ölbaron ein Dreckspatz und Schmutzfink ist.

Damit ist die personalisierte Geschichte, um noch einmal kurz zum Herzensanliegen des fachfremden Mannes auf dem Regiestuhl zurückzukommen, auf ihr Gleis gesetzt. Und wohin sie gemütlich tuckert, ist dem geneigten Actionfreund ohnehin schon klar. Der Umweltsünder wird für seine vielen Missetaten bestraft werden. Und zwar von Taft. Unter Zuhilfenahme gröbster körperlicher Gewalt. Soweit, so lobenswert. Womit man jedoch als unbedarfter Krachfilmfreund nicht gerechnet hätte, ist, dass man unvermittelt beim Aikido-Ass die Schulbank drücken muss. Aber nicht die der Kampfschule, nein, Pädagogik und Psychologie stehen (neben Politik) auf dem Stundenplan. In einer der folgenden Szenen beispielsweise betritt Forrest Taft eine Bar. Da muss er zunächst etwas gequält mitansehen, wie ein stämmiger Typ einen wehrlosen kleinen Indianer herumschubst. Quasi als Folge seiner vielen Arbeit für den fiesen Ölbaron guckt Taft zwar, moralisch hin und hergerissen, für den Geschmack des Zuschauers ein wenig zu lange zu, aber es kommt schließlich, was kommen muss und worauf sich schon alle freuen. Als Taft sich endlich von seinem Barhocker hievt und einschreitet, wird dem Rabauken innerhalb weniger Sekunden mit einem Satz fliegender Fäuste das halbe Gesicht weggemeißelt. Doch die darauf folgende Reaktion des Schwerverletzten ist eine andere, als das ein in Mitteleuropa sozialisierter Mensch womöglich meinen könnte. Sie ist geradezu verblüffend. Der völlig auseinandergenommene Rassist taumelt nicht etwa traumatisiert im Delirium umher oder schwört mit blutverklebter Stimme Rache, nein. Der Raufbold ohne Nase ist für die Gesichtsamputation - zur Überraschung des aufmerksamen Beobachters - aus tiefstem Herzen dankbar. Durch Tafts ultrabrutalen Gewalteinsatz ist es dem nun geläuterten Schläger nämlich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass das Herumschubsen wehrloser Indianer böse ist und man sowas einfach nicht macht. Erst recht nicht, wenn sie aussehen wie Yakaris Papa in besoffen. Ohne Zweifel manifestiert sich also an diesem hochinteressanten pädagogischen Kausalzusammenhang eine unorthodoxe Methodik, über deren Logik es sich lohnt nachzugrübeln. Aber bitte schnell. Denn viel Zeit zum Luftholen (oder Augenreiben) wird einem nicht vergönnt.

Doch bleibt es nicht bei revolutionären didaktischen Konzepten jenseits ausgelatschter humanistischer Pfade. Da kommt noch viel Profunderes. Aber nicht nur, dass als Spitzbuben der aus „Scrubs" und „Platoon" bekannte John C. McGinley sowie Arnolds einstiger Trainingspartner Sven-Ole Thorsen („Red Heat", 1988) in Forrest Taft bald ihren (Lehr-)Meister (und Totengräber) finden. Oder dass der ehemalige Gunnery Sergeant R. Lee Ermey („Full Metal Jacket", 1985) an der Seite eines noch blutjungen Billy Bob Thornton als Söldner vorbeischaut, um von Taft teilnahmslos durch den Fleischwolf gedreht zu werden. Nein. Es war dem für das alles verantwortlichen Regie-Novizen sehr wichtig, eine echte Botschaft mit seinem Projekt zu versenden. Denn unser Planet bietet sogar noch mehr an Gutem und Lebenswertem als nur ultrabrutalen Kampfsport. Wenn auch nicht viel mehr. Jedenfalls wird der gemeine Öl-Fritze sozusagen stellvertretend für so viele andere (echte) gemeine Öl-Fritzen von Taft aus Alaska subtrahiert. Dabei wird spätestens ab dem Mittelteil des Films klar, dass Taft nicht nur mit den Fäusten (die er sowieso dauernd schwingt), sondern auch mit der Seele (!) zu den Anständigen übergewechselt ist. Die geht nämlich, nachdem ihm ein paar Eingeborene Drogen verabreicht haben, eine Runde auf Reisen. Als Adler, Wolf, Bär, Tintenfisch, als weiß der Geier was ist Taft dann für ein paar Minuten im Film-Traum unterwegs und tankt unterdessen die geballte Kraft von Mutti Natur. Die junge Inuit, die dabei ständig um ihn herumwuselt, schiebt sich der Mann/Taft ausnahmsweise übrigens einmal nicht nach wenigen Minuten auf den Schoß, um an ihr rumzumachen, sondern er bleibt überraschend artig. Das wird bei den Billig-Geschichten des nächsten Jahrtausends noch ganz anders werden. Aber Zukunft beiseite, Forrest Taft kehrt gestärkt und bereit für neue Großtaten auf die Bildfläche zurück, um in letzter Sekunde einen Deal zu verhindern, der dem fiesen Ölprinz die Rechte am Indianerland sichern würde. Und zwar bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Obwohl Taft genügend Beweise für die schimpflichen Manipulationen von Michael Caine vorliegen hat und ihn das Indianermädchen obendrein auf die Möglichkeit eines Gangs zu den Behörden aufmerksam macht, zieht es der Kampfsportmann lieber vor, zur Raffinerie des Halunken zu gehen, und da alles in die Luft zu sprengen. Dass dabei (neben den Schurken) vor allem unschuldige Arbeiter umkommen könnten, kommt Taft ebenso wenig in den Sinn, wie die Möglichkeit, dass durch eine solche Explosion womöglich mehr Umwelt zerbröselt wird, als der Ölbaron in Jahrzehnten verschmutzen könnte. Viele Federn werden hier aber eben nicht gelesen und Detailarbeit ist ohnehin etwas zäh. Also weg damit. Zum Dank, dass Taft die größte Havarie in den Annalen des Landes ausgelöst hat, bekommt er Redezeit vor einem Eskimokongress. Und während ihm da alle andächtig zuhören, reitet Taft zum Abschluss des Films die wahrscheinlich ungenierteste Fremdschäm-Attacke der Filmgeschichte. Hinz und Kunz werden da beschimpft und Ekelhaftestes mutig bebildert. Da planschen auf einer großen Leinwand hinter dem Rednerpult ein paar Minuten lang Vögel unappetitlich im Öl und da ersticken die Ozeane in Bergen von Müll und toten Fischlein. Die Zuhörer sind von so viel neuer Information völlig überwältigt und danken in gläubiger Verehrung dem hemdsärmeligen Mann, der seine filmische Mission nun mit einem völlig dissonanten Schlussakkord zum Abschluss gebracht sieht.

Die Geschichte, die der Mann erzählen wollte, ist nun vorbei. Und es klingt beinahe so, als sei sie gar nicht unterhaltsam gewesen. Aber das täuscht. Denn die erbarmungslose Gewalt, die jedes Mal dann eruptiert, wenn jemand Taft blödkommt, ist allein für sich schon eine Offenbarung. Jedenfalls wenn man das uninspirierte Gekicke der damaligen Mitbewerber um den Actionthron vor Augen hat. Steven Seagal, so heißt der Mann nämlich, scherte sich nicht um Kompromisse oder Kompetenzen. Nicht um sensible Befindlichkeiten oder sozialintelligente Diplomatie. Und selbst wenn ihm dafür 1995 die Goldene Himbeere überreicht wurde, Seagal konnte und wollte auch gar nicht aus seiner Haut. Doch so konfus seine stümperhafte Ökobotschaft, sein demonstrativer Vegetarismus, seine manische Selbstverliebtheit und seine inhärente Gewalttätigkeit in grotesker Synthese auch wirken mögen - es ist gerade diese unmögliche Kombination von Faktoren, die einen Mann ausmachten, der sein Glück als Hans Dampf in allen Gassen suchte, und doch zu Recht auf das reduziert wurde, was er am besten konnte. Nämlich auf seine makellose, schauerhaft brutale und konkurrenzlose Kampfsportkunst. Und die ist tatsächlich etwas, dessen man sich nicht schämen muss. Nur ein wenig Humor braucht es offenbar, das so zu sehen. Denn Gewalt, das wissen alle Angstmeier, ist niemals eine Lösung:


       „Mischung aus Actionthriller und Öko-Western mit grandiosen Naturaufnahmen. Heldenverehrung
               und Rechtfertigung von Gewalt werden scheinheilig mit ökologischen Motiven bemäntelt".

                                                                           
                                                                                                  Lexikon des internationalen Films


Dieses Urteil ist übrigens so verkehrt nicht. Das ist alles wahr, was da steht. Bis auf das Wort „scheinheilig". Denn Steven Seagals Öko-Durchsage war ernst gemeint. So dilettantisch sie auch ins Werk gesetzt wurde. Ganz im Gegensatz übrigens zur „Heiligkeit" der katholischen Kirche (die sich für das Lexikon des internationalen Films verantwortlich zeichnet). Die ist zwar traditionell etwas professioneller inszeniert, dafür aber in der Geschichte meist weniger ernsthaft betrieben worden. Steven Seagal jedenfalls sollte danach nie wieder einen Film selber drehen. Und vielleicht war das angesichts der tollen Streifen, die in den Jahren darauf noch folgen sollten, auch nicht die schlechteste Entscheidung. Doch ein intensiverer, wesensechterer, flammenderer Steven Seagal-Film lässt sich schwerlich finden. Und allein deshalb verdient „Auf brennendem Eis" („On Deadly Ground") mindestens ein zugedrücktes Auge. Na gut, und eine Himbeere.


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