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Klasse von 1984, Die (1982)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 18.01.2013, seitdem 1391 Mal gelesen



„Ich bin die Zukunft!“

Der kanadische Film „Die Klasse von 1984“ ist eine Mischung aus „Juvenile Delinquent“-Milieufilm/Sozialdrama und knallhartem Actionthriller von US-Regisseur Mark L. Lester („Phantom Kommando“, „Der Feuerteufel“) aus dem Jahre 1982. Das Drehbuch stammt aus der Feder Tom Hollands, der sich mit Filmen wie „Fright Night“ und „Die Mörderpuppe“ einen guten Namen als Genre-Regisseur machte.

Lehrer Andy Norris (Perry King, „Trio mit vier Fäusten“) wird an die Abraham-Lincoln-Highschool versetzt, wo er sich mit Chaos, Kriminalität, Gewalt und Drogen sowie überforderten und resignierenden Lehrkräften konfrontiert sieht. Besonders eine brutale, skrupellose Nazi-Punk-Clique um Anführer Stegman (Timothy Van Patten) tut sich als Unruhestifter hervor. Norris versucht, den Problemen mit pädagogischen Mitteln Herr zu werden – doch dagegen haben Stegman & Co. etwas, Norris’ versuche prallen ohne viel Eindruck zu schinden an den Jugendlichen ab. Als die Bande beginnt, offensiv gegen Norris vorzugehen, eskaliert die Situation.

„Der Unterricht ist etwas, was sie nebenbei erledigen müssen. Verstehen Sie?“ – „Nein, Sir…“ – „Das werden Sie – schon bald!“

Sich deutlich an Sozial-/Jugenddrama-Klassikern wie „Die Saat der Gewalt“ orientierend, brennen Lester und Holland ein wahres Feuerwerk an brutaler Exploitation ab und verkehren die Aussage solcher Filme ins Gegenteil. Dabei gibt sich „Die Klasse von 1984“ den Anstrich eines vor der nahen Zukunft warnenden, mahnenden Werks und tatsächlich hat die Realität den Films zumindest in Teilen längst eingeholt. Die damals visionär wirkenden Waffendetektoren am Schuleingang und die totale Kameraüberwachung sind ebenso längst Alltag wie einen Nachrichten erneuter Amokläufe an Schulen in unregelmäßigen Zeitabständen immer weniger zu überraschen vermögen. Die vorgegebene Intention nehme ich dem Film dennoch zu keiner Sekunde ab, zu überzogen, grell, effekthascherisch und an niedere Instinkte appellierend fiel das Ergebnis aus, das sich stark der Elemente von „Rape & Revenge“- und Selbstjustizthrillern bedient.

Zu einem wunderbar passenden Soundtrack des Schockrockers Alice Cooper – „Take a look at my face, I am the future!“ – herrscht das pure Chaos an der Lincoln High, die über und über mit Graffiti vollgeschmiert ist und in der Stegman und seine Gang in Punkoutfits den Unterricht torpedieren, Mitschüler wie Lehrer terrorisieren und ihre Drogengeschäfte abwickeln, ja, sogar Zuhälterei betreiben sie! Diese ganze Konstellation ist dermaßen klischeeüberladen, dass sie schwerlich ernstzunehmen ist. Wahllos hat man alles, was dem gemeinen Zuschauer irgendwie „böse“ erscheinen könnte, miteinander vermischt: Punks, Nazis, Drogen, Prostitution, Gewalt – es ist für jeden etwas dabei. Da läuft der Dicke aus der Clique mit „Clash“-Schriftzug auf der Jacke herum, was ihn nicht vom Hitlergruß abhält. Stegman unterhält eine Art Büro in einem Musikclub, wo ein Konzert der (echten) Punkband „Teenage Head“ mit zünftigem Pogo besucht wird, bevor sich eine Freudenmädchenanwärterin vor ihm entkleiden muss. Du liebe Güte, das alles ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass es kracht – aber auch irrsinnigen Spaß bereitet! Knallbunte Neonreklamen und Klamotten, gefärbte Haare, abgefahrene Punk-Outfits – hier wird der Look der ’80er nicht nur konserviert, sondern regelrecht zelebriert! Trotz aller offensichtlichen gnadenlosen Überzeichnungen dürfte „Die Klasse von 1984“ seinerzeit so manchem Subkulturangehörigen den Ruf gefährdet und unbedarften älteren Semestern, die das evtl. doch alles für bare Münze nahmen, einen gehörigen Schrecken eingejagt haben.

In Dialogen indes schimmert Kritik am vermeintlich zu laschen Jugendstrafrecht durch, womit der Film einem „konservativen“ Publikum nach dem Mund geredet haben dürfte. Das empfand ich tatsächlich als etwas überraschend, da der Film ansonsten fast nie den Eindruck auf mich machte, jene Zielgruppe bedienen zu wollen. Stattdessen scheint mir „Die Klasse von 1984“ auf ein junges, ungestümes Publikum zugeschnitten worden zu sein, das sich an Action, Gewalt und der Thematik an sich ergötzt und sich zunächst vielleicht in gewisser Weise mit den Rowdys identifiziert. Wie auch immer dem sei, Lester ist guter Regisseur genug, um ein Händchen für Dramaturgie zu haben und einen spannenden Film zu inszenieren, der die Spirale der Gewalt anzieht und den anfänglich so idealistischen und besonnenen Norris zu Selbstjustiz greifen, weil man nie etwas beweisen kann, und schließlich durchdrehen lässt, nachdem er sämtliche anderen Mittel ausgeschöpft hat. Im Kollegium schenkt man ihm wenig Glauben, die Polizei ist machtlos und selbst Mama Stegman hält ihren Filius für ein Genie, das kein Wässerchen trüben kann. Der Schulstress hat längst auf sein Privatleben übergegriffen und gefährdet schließlich ganz konkret seine Frau. Jeder Zuschauer wird sein Verhalten nachvollziehen können und wurde längst von Lester zu Lynchjustizgelüsten geleitet, die er fortan befriedigt sehen darf. Nachdem zuvor bereits ein Lehrerkollege Norris’ aus Verzweiflung dem Alkohol verfallen ist, mit gezogener Schusswaffe unterrichtet hat und anschließend Amok gefahren ist, geht spätestens im Finale jeder Blick für Verhältnismäßigkeiten verloren und regiert der blanke Terror – inkl. einer ultrabrutalen, Richtung Splatter tendierenden Kreissägenszene.

„Die Klasse von 1984“ konstruiert eine Geschichte, die vorgibt, die Grenzen von Pädagogik aufzuzeigen – im Gegensatz zu oben erwähnten Vorbildern, die die Möglichkeiten selbiger aufzeigen –, was ihm jedoch in erster Linie durch fast in die Charakteristika des Horrorbereichs hineinreichende Übertreibung und die schablonenhafte Eindimensionalität seiner Antagonisten erreicht. Letztere wird interessanterweise kurzzeitig nur scheinbar aufgebrochen, als man Stegmans ungeahntes Talent, perfekt Klavier spielen zu können, zeigt. Doch während der Zuschauer erwartet, dass Norris hier ansetzen und Stegmans Gewalttätigkeit und Soziopathie in kreative und/oder konstruktive Bahnen kanalisieren kann, geht die Handlung zu keinem Moment mehr darauf ein, lässt die Szene wie einen die propädagogischen Vorbilder karikierenden „roten Hering“ erscheinen. Als ernstzunehmende Situationsbeschreibung völlig unbrauchbar, als Exploitation-Kracher jedoch eine kultverdächtige Wucht ist somit der comichafte Film, dessen bestens aufgelegte, professionelle Schauspieler (unter denen sich auch ein blutjunger Michael J. Fox („Zurück in die Zukunft“) in einer seiner ersten Rollen befindet) entschieden zum Gelingen beitragen – bis hin zum bösen, makabren Schluss.


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