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Immortal (2004)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 05.08.2006, seitdem 1382 Mal gelesen



Effekt-Visionär George Lucas hatte 1999 mit „Star Wars: Episode I - The Phantom Menace” dem Kinofilm endgültig eine neue Perspektive eröffnet. Greenscreen hieß das Zauberwort, bei dem man die menschlichen Darsteller vor einem gründen Hintergrund agieren ließ und sie später in digitale Welten integrierte.
Obwohl sich diese Filme immer noch nicht aufgrund ihrer nüchternen, leblosen Sterilität bis heute durchsetzen konnten, gibt es ein paar sehr interessante Vertreter zu denen auch „Immortel (ad vitam)“ zählt.
Comic-Guru Enki Bilal stellt sich mit dieser 22 Millionen Euro teuren französischen Produktion nach einer eigenen Vorlage den Effektspektakeln Hollywoods entgegen und schneidet dabei überraschend gut ab.

Dabei ist seine Science-Fiction-Phantasie im Jahr 2095 ein zweischneidiges Schwert, das auf der einen Seite eine ungeheuer faszinierend gestaltetes Szenario aufweist, auf der anderen Seite den Zuschauer mit seiner uninteressanten, abgehobenen Geschichte nur wenig für sich einnimmt. Schade, um das visuelle Erlebnis.

Denn die Geschichte um den überirdischen Horus, dem in sieben Tagen die Unsterblichkeit genommen wird, weswegen er aus der über New York schwebenden Pyramide in die Metropole eintaucht und noch einen Nachkommen mit einer ungewöhnlichen Frau namens Jill (Miss Frankreich Linda Hardy) zeugen will, für die Vereinigung aber einen männlichen, reinen Körper braucht, den er in Alcide Nikopol (Thomas Kretschmann, „U-571“, „Blade II“), einem zufällig aus dem Kälteschlaf entkommenen Staatsfeind und unbequemen Revolutionär, findet, gestaltet sich wenig mitreißend.

Da offensichtlich „Blade Runner“, und infolge dessen natürlich auch der Film Noir, oder die zu einem deutlich kleineren Anteil auch die poppige Besson-Variante „The Fifth Element“ Einfluss auf Bilals Vision haben, hätte man diese farblich monochrom gestaltete Dystopie ruhigen Gewissens auch mit einer bodenständigeren Geschichte versehen können. Denn so werden während dieser gut 90 Minuten viele Elemente leider nur zaghaft angefasst und wieder fallen gelassen, weil Horus’ Wunsch nach Nachkommen eigentlich ständig im Fokus steht. Dabei hält der Film mit dem sinistren Senator, illegalen Versuchen an Aliens in der Vergangenheit durch den mächtigen Bio-Konzern Eugenics, der die Bevölkerung mit Organen und Schönheitsoperationen versorgt, und dem schnüffelnden Ermittler Froebe nebenher noch eine interessante, klassische Storyline mit Potential parat, die allerdings nur halbherzig angeknüpft wird. Dass dabei völlig vergessen wird den Nichtkennern der Comics auch mal Backgroundwissen dieser Welt mit auf den Weg zu geben, ist dabei sehr schade.

Zufrieden sein darf man dagegen in vollem Umfang an optischen Umsetzung des zukünftigen New Yorks, indem bis auf die drei Hauptdarsteller alles dem Rechenknecht entstammt, aber trotzdem sehr stimmig geriet. Die Vergleiche zu einem auf Zelluloid gebannten Computerspiel sind freilich nicht von der Hand zu weisen, was in diesem Fall aber nichts Schlechtes sein muss, wenn man sich mit künstlich kreierten Figuren und sehr kreativen, ungewöhnlichen Bildern anfreunden kann, in denen sich Menschen, künstliche Gegenstücke, Aliens und Mutanten tummeln.
Bilal verarbeitet Gegenwart und Zukunft gleichermaßen, hat ein Faible für viele kleine Details (der „Diener“ in der Badezimmerwand), einen eigenen Stil seine Welt abgegriffen aussehen zu lassen und kann phasenweise sogar mit halsbrecherischen Actioneinlagen punkten, die beweisen, dass auch in Europa erstklassige CGI-Arbeit geleistet werden kann.

Nun nützt aber die schönste Verpackung nichts, wenn der Inhalt nicht stimmt. Dabei kann der überzeugende Einstieg sogar noch Boden gut machen, was er vor allem Thomas Kretschmann zu verdanken hat, der als Wirt mit seinem Parasiten frei nach Goethes Faust einige köstliche Dialoge führt und seine neuen Kräfte auch gleich erst mal ausprobiert. Doch bis Horus ihn findet und mehrere „verseuchte“ Körper ausprobiert, die jedes Mal in einem blutigen Gulasch enden, weil sie künstliche Implantate besitzen, kann man sogar noch auf einen spannenden Science-Fiction-Krimi hoffen.

Doch mit Jill, die erst gefangen genommen wird, sich dann als Versuchsperson durchschlägt und trotz einer geheimnisvollen Kontaktperson viele Fragen in Bezug auf die Fähigkeiten ihres Körpers und ihre Identität hat, beginnt der Film leider zusehends zu verflachen.
Nikopols Kontaktaufnahme, der durch Horus erzwungene Geschlechtsverkehr und die von Senator Allgood auf Nikopol losgeschickten, reichlich abstrakten Monsterwesen langweilen zunehmend. Vor allem der sträflich vernachlässigten Vergangenheit Nikopols hat es der Film zu verdanken, dass speziell der letzte Part einen unerklärten, wirren Eindruck hinterlässt.

Leider wird es bis zum völlig fragwürdigen Ende innerhalb der verbotenen Zone New Yorks ständig abstruser. Die Löcher in der Handlung klaffen immer größer (der Auftritt von Jills Besuch in ihrer Wohnung), der dezente Humor tritt immer weiter in den Hintergrund und die Subplots abseits dieser Ménage à trois werden immer weiter zurückgefahren beziehungsweise abrupt und unschlüssig beendet. In Unkenntnis der beiden Comic-Bände, auf denen der Film fußt, kann ich nicht sagen wie viel Komplexität sich dahinter eigentlich verbirgt, aber das Drehbuch ist in dieser Hinsicht ziemlich katastrophal.

Und das hat auch direkten Einfluss auf die Darsteller, von denen man eigentlich nur Linda Hardy und Thomas Kretschmann näher zu betrachten braucht. Beide fügen sich überraschend gut in die CGI-Welt ein und schauspielern auch solide, können sich in Anbetracht der unausgegorenen Erzählung kaum in ihre Filmcharaktere hineindenken, was es doch für den Zuschauer schwer macht, hier großartig Sympathien zu verteilen.


Fazit:
Ästhetischer, phantastischer Science-Fiction-Trip, dem man nur etwas abgewinnen kann, wenn man sich von der visuellen Kraft einvernehmen lässt. Die Comic-Leser dürften hier klar im Vorteil sein, denn Hintergrundwissen wird kaum vermittelt, einige Plotholes sind deutlich auszumachen und die Liebesgeschichte als Kern ist leider fulminant fad. Das Potential gibt sich nur zu erkennen und die künstliche Welt gefällt mir wirklich gut, während die Handlung mich kaum berührte. Eigentlich schade drum.


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