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Rache der Kannibalen, Die (1981)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 5 / 10)
eingetragen am 31.07.2010, seitdem 1265 Mal gelesen



"Cannibal Ferox" ist zwar spekulatives, reißerisches Exploitation-Kino auf formal ziemlich mittelmäßigem Niveau, dramaturgisch eine nicht sonderlich originelle Variation des "Rape and Revenge"-Schemas und in seiner Motivwahl eine Zuspitzung der Sadismen des Kannibalenfilms, den Lenzi und Deodato begründet haben - aber dennoch nicht gänzlich uninteressant.
Auf den ersten Blick scheinen einzig die Gewaltexzesse von Interesse zu sein, mit denen Lenzi der Überbietungstaktik im Splatterfilm folgt: funktionierte sein ""Il Paese del sesso selvaggio" (1972) durchaus noch als etwas härterer Abenteuerfilm, so rückte Deodato mit "Ultimo Mondo Cannibale" (1977) bereits das Spektakel der Verstümmelungen, Ermordungen und Ausweidungen verstärkt in den Mittelpunkt: dieser Mittelpunkt war dann auch einer der Hauptgründe, sich diese Filme überhaupt einzuverleiben. Regisseure wie Joe D'Amato und Sergio Martino (und außerhalb Italiens: Jess Franco) sprangen schnell auf, mit "Cannibal Holocaust" (1980) legte Deodato dann einen beachtlichen Höhepunkt des Subgenres vor, in seiner Mischung aus Exploitation (die alles zeigt, das "Entscheidende" aber fast nur verwackelt und unscharf), Gesellschaftskritik (etwas platt, aber umso wütender) und dem Wechsel von Fiktion und Dokumentation (so irritierend, dass gestellte Mordszenen unter Snuff-Verdacht standen, während echtes Dokumentarmaterial von Erschießungen in seiner Echtheit bisweilen unbemerkt blieb) durchaus reizvoll.

Mit "Cannibal Ferox" setzte sich Lenzi offenbar das Ziel, alles vorherige an Grausamkeit zu überbieten, die Kamera wohnt möglichst dicht den Sadismen bei - Kastrationen, Amputationen, geöffnete Schädel und verstümmelte weibliche Brüste (hier diente offenbar "A Man Called Horse" (1970) als Vorbild) werden hier als Schauwerte verkauft.
Doch nicht bloß im Hinblick auf die Zunahme des Gewaltgrades ist "Cannibal Ferox" den vorangegangenen Filmen dieser Sparte verhaftet, auch inhaltlich ließ sich Lenzi beeinflussen - ganz besonders von Deodatos "Cannibal Holocaust".
Denn [Achtung: Spoiler!] mit diesem Werk verankerte Deodato die "Rape and Revenge"-Struktur im Kannibalenfilm und vermengte sie mit der Umkehrung konventioneller s/w-Malerei: entpuppten sich bereits bei Martino und D'Amato einige der zivilisierten Figuren als kriminelles Übel, gerieten sie bei Deodato darüber hinaus auch zum Auslöser allen Übels - der Plot ist schnell zusammengefasst: scheinbar seriöses Filmteam will eine Dokumentation über "unzivilisierte Primitive" drehen, behandelt diese dann derartig unmenschlich, dass ein Racheakt folgt, dem sie alle zum Opfer fallen. Die Sichtung des Materials gibt dann die Rahmenhandlung ab.

Was Deodato vorgelegt hat, war eine nicht sonderlich tiefschürfende Thematisierung einer Vertauschung von Schein und Sein: selbsternannte Zivilisierte, weiße Saubermänner dokumentieren primitive Wilde, doch dann zeigt sich, dass die Wilden gar nicht so wild sind, wie es die Dokumentation glauben machen sollte - und auch, dass die scheinbar Zivilisierten sich als die eigentlichen primitiven Wilden erweisen.
Lenzi versucht - durchaus darauf bedacht, nicht allzu offensichtlich ein Plagiat darzureichen - dieses Vorgehen möglichst verlustfrei zu übernehmen. Hier geht es um die Studentin Gloria, die beweisen will, dass Kannibalismus nicht existiert und nie existiert hat, indem sie in das Amazonasgebiet reist, in der Hoffnung, selbst dort keine Fälle von Kannibalismus vorzufinden, wo es welche gegeben haben soll. Ihrer etwas wirren Beweisführung machen jedoch zwei Fremde einen Strich durch die Rechnung, welche ihr und ihren Mitstreitern eine Geschichte von unsagbar grausamen Wilden auftischen, welche ihnen nach dem Leben trachten. Doch bald zeigt sich, dass es sich um Kriminelle handelt, von denen einer im Drogenrausch seinen Hang zum Sadismus an den Ureinwohnern ausgelebt hat, welche nun aus Vorsicht und Rachedurst fremde, weiße Eindringlinge blutig hinrichten. Auch Glorias Begleiterin verfällt dem Verbrecher und erweist sich als kaum weniger grausam und kommt wie dieser besonders drastisch ums Leben. Gloria selbst kann am Ende nicht bloß entkommen, sondern auch die Geschichte der zwei Ganoven als Lüge erkennen und sich somit ihrer eigenen Überzeugung im Hinblick auf die Darstellung des "primitiven Wilden" sicher sein. Ihre Darstellung der Geschichte, der Praktiken von Kolonialisten, die Ureinwohnern Grausamkeiten unterstellen um sich eine Legitimation ihrer Mittel zu verschaffen, spiegelt sich in der kleinen Geschichte des Films, der Geschichte zweier Ganoven, die dem fremden Stamm Kannibalismus unterstellen um die Unterstützung der Forscher zu ergattern - hier jedoch folgt (anders als in der Weltgeschichte) die Rache.
All dies wird weit konventioneller erzählt als die Handlung in "Cannibal Holocaust", wirkt dennoch - oder vielleicht auch genau deswegen - dramaturgisch viel ungeschickter und unstimmiger und ersetzt die Rolle der berichterstattenden Medien durch schlichte mündliche Aussagen der Gauner und Glorias Interpretation historischer Reiseberichte, was die Kritik an manipulierenden Darstellungen ziemlich verwässert; dennoch - die Aussage bleibt letztlich gleich.

Und das ist der Punkt, der Lenzis Exploitation-Reißer nicht unbedingt besser macht, aber durchaus interessant. Dieses Zurückgreifen auf Deodatos Konzept von zwei unterschiedlichen Gesellschaftssystemen, von denen eines als grausam und barbarisch, eines als zivilisiert dargestellt wird, bis sich in beiden Fällen das Gegenteil herausstellt, lässt auf eine gewisse Popularität dieser Annahme schließen.
Im Fall von "Cannibal Holocaust" führte Deodato höchstpersönlich seinen Film auf die Situation in Italien zurück: für ihn war der Film seine Reaktion auf die Ausschlachtung der Terroranschläge der Brigate Rosse in den Medien. Doch haben es Deodato und seine Drehbuchautoren bewusst oder unbewusst nicht bei dem einfachen Thema des Ausschlachtens belassen, sondern das Thema des Täuschens, Manipulierens und der Verunsicherung ins Spiel gebracht.
Hier handelt es sich im Prinzip um eine einfach gestrickte Version der "Strategie der Spannungen", welche in Italien von den späten 60er Jahren bis in die frühen 80er Jahre angewandt worden war und darin bestand, dass rechte Gruppierungen Terroranschläge ausübten, welche durch das Eingreifen von Geheimdiensten offiziell als Linker Terrorismus gehandelt worden sind um die KP Italien in Verruf zu bringen. Die Gruppierungen waren vor allem die Ordine Nuovo, die Avanguardia Nazionale (von Stefano Delle Chiaie gegründet, der lange Zeit der Ordine Nuovo angehörte, maßgeblich an der "Strategie der Spannungen" beteiligt war und später unter Pinochet tätig war), und Junio Borgheses Fronte Nazionale (Borghese und Delle Chiaie waren zusammen auch am Borghese-Putsch beteiligt) und auch die Rosa dei venti, eine Organisation in- und ausländischer Geheimdienstler und der Armee, die infolge der Aufdeckung der Verwicklung des Geheimdienstchefs Vito Miceli in etliche Anschläge entdeckt worden war. (Der Staatsanwalt wurde jedoch versetzt, das Verfahren wurde eingestellt.)
Auch wenn erst ab Mitte der 80er Jahre infolge der Untersuchungen Felice Cassons der größte Teil der Verwicklungen aufgedeckt worden ist, erregten bereits in den 70er Jahren Enthüllungen wie im Falle Miceli Aufsehen. Unter anderem bemühten sich auch Prominente um Aufdeckung, wie etwa Pasolini, der mit "Der Roman von den Massakern" (1974) auf vertuschte und geheimgehaltene Hintergrundfiguren der Terroranschläge hinwies.
Da gerade auch der Brigate Rosse rechte Terrorakte untergeschoben worden waren, welche um 1980 (erneut unter Beteiligung Delle Chiaies) kurzweilig wieder zunahmen, während sich zugleich die tatsächlichen Terrorakte der Brigate Rosse in ihrer Methodik den rechten Anschlägen anglichen, ist es nicht verwunderlich, dass ein von der Berichterstattung über den Terror der Brigate Rosse beeinflusster Film wie "Cannibal Holocaust" auch die Unsicherheit und Möglichkeit der Manipulation anspricht. Nicht verwunderlich ist sicherlich auch, dass Lenzi mit "Cannibal Ferox" die Aktualität dieses Themengebietes erkannt und Deodatos Konzept übernommen hat, dass er das Moment des Vortäuschens und Vertuschens als Schlüsselelement des Films für plagiierenswürdig hielt.
Das Fehlen einer organisierten Manipulation und Verfälschung in Lenzis Film, welche bei Deodato durch die Figuren der Dokumentarfilmer und den Sender noch gegeben war, soll durch Glorias Schilderung einer "Strategie der Spannungen" vor dem Hintergrund historischer Reiseberichte ein wenig ausgeglichen werden: hier schimmert auch bei Lenzi der Bezug auf aktuelle Situationen durch.
Dass Lenzi anders als Deodato die Ureinwohner auch zur tödlichen Bedrohung für Sympathieträger werden lässt, steht seiner Intention dabei etwas im Wege. Man könnte zwar zunächst meinen, dass er dem platten und reaktionären Moralismus Deodatos umgeht, welcher aus der "Rape and Revenge"-Struktur entsteht, nach welcher die eigentlichen Täter von den Opfern gerichtet werden - tatsächlich unterläuft er jedoch mit seiner Bestrafung Unschuldiger durch die einstigen Opfer bloß die eigene Aussage, insofern damit bestätigt scheint, dass an den Lügen der zivilisierten Kriminellen doch etwas dran ist: denn wer so grausam sein kann ohne zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden, der ist tatsächlich höchst gefährlich; daran ändert auch Glorias andauernde Verteidigung des Stammes nichts.
Die einzige Möglichkeit der etwas reaktionären Moral des Vorbildes "Cannibal Holocaust" zu entkommen, wäre es gewesen, auf die Bestrafung der Täter komplett zu verzichten. Letztlich macht also die spekulative Anbiederung an der Schaulust des angezielten Publikums der vorgeschobenen Aussage einen Strich durch die Rechnung.

"Cannibal Ferox" ist also ein Film, der vor dem zeitgenössischen Hintergrund betrachtet sicherlich noch interessant ist, zugleich aber wie nahezu jeder Exploitationfilm seine Aussage hinter die Inszenierung eines gewalttätigen Spektakels stellt. Insofern liegt die eigentliche, unfreiwillige Qualität des Films darin, ein bestimmtes Thema aufgegriffen zu haben, während die inhaltliche und formale Umsetzung kaum überzeugen kann. Krude Splatterszenen, reale Gewalt an Tieren, unglaubwürdig umgesetzte tragische Momente, ein nicht unbedingt umwerfender Spannungsbogen, der zwischen Urwald und Großstadtdschungel hin und her springt, mäßig überzeugende Darsteller (darunter Giovanni Lombardo Radice, der mit Psychopathenrollen zuvor schon in "Apocalypse domani" (1980), "Paura nella città dei morti viventi" (1980) und "La casa sperduta nel parco" (1980) Erfahrungen sammeln konnte) und hübsche Kulissen werden uninspiriert abgefilmt und zusammenmontiert. Außer einer hier und da ganz gelungenen Kontrastmontage ist Lenzis Inszenierungskunst kaum beachtlich - Mattei und D'Amato haben zu dieser Zeit aber schon wesentlich schlampiger inszenierte Streifen vorgelegt.

Kurz: nicht uninteressant, aber unterdurchschnittlich. 4,5/10.


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