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Blauen und die Grauen, Die [TV-Mini-Serie] (1982)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 12.02.2018, seitdem 181 Mal gelesen



        "Here, in the dread tribunal of last resort, valor contended against valor. Here brave men struggled and
                                                     died for the right as God gave them to see the right
."

                                                                                 Adlai E. Stevenson I

Der versöhnliche Ansatz von einst, so wie hier zitiert, scheint, wenn man die Fernsehbilder des letzten Jahres aus Charlottesville sieht, inzwischen ebenso Geschichte geworden zu sein wie der Amerikanische Bürgerkrieg selbst. Dereinst und eben noch galt es, sich gegen die Feinde jenseits der Ozeane in einem Burgfrieden zu verbünden, der jeder Seite, Nord wie Süd, die ihr jeweils behagliche Prioritätensetzung in Sachen Landeskunde überließ. Der Norden rühmte sich, die Sklaven befreit zu haben. Auch wenn das ursprünglich gar nicht der Handlungsimpuls vieler Politiker der Union (!) gewesen war. Und der Süden führte für sich die gewitzteren Generäle ins Feld, die für die verfassungsmäßigen Rechte der (vorübergehend) abtrünnigen Staaten ihr Können in Dienst gestellt hatten. Auch wenn über so viel moralische Rebellion beinahe vergessen wurde, dass die für sich selbst so leidenschaftlich geforderte Freiheit (statt nördlichem Industriemagnatentum) natürlich nicht für die versklavten Menschen in der Heimat gelten sollte, sondern allein Privileg einer weißen Elite hätte bleiben sollen. Doch heute, in Zeiten von politisch korrektem Ikonoklasmus einerseits und politisch unkorrekter Präsidentschaft andererseits, brechen die nie ganz zugeschütteten Gräben im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner wieder auf. Das Gemüt der Nation heizt sich auf und überhitzt. Es brennt. Nur löschen will keiner.

Eine unübersehbare Vielzahl an Film- und Serienbeiträgen versuchten seit den allerersten Lichtspielhäusern, sich dem Bürgerkrieg dramaturgisch zu nähern. Das große amerikanische Trauma intellektuell zu verarbeiten. Da ging es seicht zu („Fackeln im Sturm", 1985), historisch anspruchsvoll („Gettysburg", 1993), komisch („Der General", 1926), hasserfüllt („Birth of a Nation", 1915), anachronistisch („Free State of Jones", 2016) oder episch („Vom Winde verweht", 1939). Je nachdem, was da an Zielpublikum und Zeitgeist bedient oder Psychosen kuriert werden sollte, wurde, je nach persönlichem Gusto, Geschichte verdreht, verzerrt und instrumentalisiert. Oder aber gerade gerückt, entstaubt und veranschaulicht. Dass ein Filmbeitrag aber alle (!) potentiell am Thema Interessierten nicht nur unterhält, sondern für sich gewinnt, ist eigentlich so gut wie unmöglich. Mit wenigen Ausnahmen. Eine davon ist „Die Blauen und die Grauen" („The Blue and the Gray", 1982), eine frühe Miniserie, die trotz ihrer herausragenden Qualität und ihrer großen Namen recht unbekannt und bis heute nicht auf Blu-ray erschienen ist.

„Die Blauen und die Grauen" wählt, was die gebotene Objektivität der erzählten Geschichte angeht, einen praktischen Ansatz. Die Serie bricht nämlich für ihre Rahmenhandlung die große Katastrophe im Land auf den Mikrokosmos einer zerrissenen Familie herunter. Beweggründe, Charakterprofile, Ziele und politische Mechanismen jener Zeit werden von mehreren Seiten beleuchtet, und zwar eben ohne zu diffamieren oder nachdrücklich Partei zu ergreifen. Es wird also nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gewedelt, wie das besonders im Massenkino unserer Tage nicht mehr wegzudenken ist, und die natürlich auch bei „Die Blauen und die Grauen" notwendigerweise angestoßene politische Diskussion verkommt nie zu moralinsaurer Bevormundung. Ein Amerikaner aus den südlichen Staaten der USA findet hier ebenso Motive und Impulse erläutert, die einst seine Vorfahren antrieben, wie ein an der Geschichte seines Landes interessierter Zuschauer, der den Norden der Staaten seine Heimat nennt. Überhaupt wird hier in einer zentralen Szene von einer der Hauptfiguren die Frage in den Raum gestellt: Was ist Heimat? Der Boden? Oder die Menschen? Und lohnt es sich dafür zu kämpfen? Lohnt es sich, wenn man mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei stirbt - und noch dazu auf den Cousin oder Bruder schießen muss? Und sie werden sich gegenseitig töten. Die über die Grenzen hinweg miteinander verwandten Amerikaner. Zu Hundertausenden.


            „War ist cruelty. There is no use trying to reform ist. The crueler it is, the sooner it will be over."

                                                                             William T. Sherman


Was sich wie eine prophetische Vorhersage der Zukunft der US-amerikanischen Kriegsführung gegen deutsche, japanische, nordkoreanische und nordvietnamesische Städte und deren Bewohner anhört, war schon für die Menschen in den Südstaaten ab dem Jahr 1864 bittere Realität. Denn es war der dem bekannten Panzer den Namen gebende General der Union, der auf die Idee kam, sozusagen halb als militärisches Mittel und halb als Strafmaßnahme die Großstädte des Gegners einzuebnen. Den Feind zu planieren (Derselbe Mann übrigens, der sich ein paar Jahre nach dem Krieg dafür aussprechen sollte, die Indianer doch einfach alle umzubringen, statt Geld für (Schutz-)Truppen auszugeben). Der US-amerikanische Bürgerkrieg gilt nicht ohne Grund als erster moderner Krieg der Geschichte. Er wurde total geführt und mittels wirtschaftlicher Ressourcen (des Nordens) entschieden. Also so, wie fast alle weiteren Kriege der USA entschieden werden würden. Bezeichnenderweise findet das - nüchtern und sachlich erzählt - ebenso Eingang in die von „Die Blauen und die Grauen" erzählte (möglichst authentische) Geschichte wie das dadurch angerichtete Leid der Betroffenen. Wenn auch die hier bebilderte Belagerung von Vicksburg politisch und strategisch nicht ganz mit der Zerstörung Atlantas oder Charlestons vergleichbar ist (denn immerhin war die Stadt am Mississippi Frontstadt und damit legitimes militärisches Ziel), so ist das traurige Los der Einwohner dasselbe. Und es wird ein- und ausdrücklich in dieser Miniserie dargestellt. So wie hier kategorisch nichts verheimlicht oder unausgesprochen bleibt. Auch wenn es (den Amerikanern) weh tut.


                                       „It is well that war is so terrible, or we would grow too fond of it."

                                                                                      Robert E. Lee


Im Angesicht Tausender von Schrapnell- und Musketenfeuer in Fetzen gerissener Unionssoldaten, die da schauerhaft in ihrem Blut und ihren Gedärmen lagen vor den Marye's Heights (hinter dem kleinen Örtchen Fredericksburg), schenkte der derzeit bildergestürzte General der Konföderierten den Annalen seines Landes dieses Zitat. Und er wusste, was er sagte. Die Inkompetenz der militärischen Führer des Nordens, die ihnen eigene sture Ideenlosigkeit, mit der sie ihre Truppen in der ersten Hälfte des Krieges ins Feuer eines moralisch hoch gerüsteten Gegners schickten - auch sie ist Teil der hier erzählten Geschichte. Dabei wird, der Natur einer Mini-Serie gemäß, natürlich nur eine Auswahl an visualisierten Schlachten getroffen. Die großen Gemetzel von Gettysburg, Fredericksburg oder Antietam werden etwa nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Im Gedächtnis bleiben allerdings die ins Mark gehenden alptraumhaften Bilder der Kampfhandlungen im Dickicht der Wilderness. Eine Passage im Film übrigens, die die Qualität der Produktion insgesamt auf den Punkt bringt. Dichtes Gestrüpp, brennendes Unterholz, beißender Pulverdampf, aufgelöste Linien, verbindungslose Truppenteile, wahlloser Artilleriebeschuss und lebendig vom Feuer verschlungene Verwundete. Die sich einst im Jahre 1864 in den Wäldern südlich des Rappahannock auftuende Hölle wird hier, trotz naturgemäßen Kleinformats, filmpreisverdächtig eingefangen. Krieg ist, fern der Politik, auf menschlicher Ebene, immer grässlicher Wahnsinn. Doch an dieser Stelle im Film (und der echten Geschichte) galoppiert er.

Man lernt die beiden Familien der (in Virginia lebenden) Geysers und der Hales (aus Pennsylvania), ihrer Verwandten, bald gut kennen. Und fühlt mit ihnen. Als Menschen und als Opfer ihrer Zeit. Da gibt es keine Feinde und geschichtsvergessene Besserwisserei. Spätestens dann nicht mehr, als ein Cousin im schwarzen Qualm der glimmenden Wilderness auf den anderen Vetter schießt. Ohne das auch nur zu ahnen. Und der junge Kerl dann, tödlich verwundet und zurückgelassen, hilfloses Opfer der herankriechenden Flammen wird.

Eine ganze Reihe von Stars weihen diese wertvolle Historienproduktion. Während außer Lloyd Bridges (der Vater übrigens von Jeff Bridges) für die Mitglieder der beiden Familien eher unbekannte Gesichter gecastet wurden, sticht vor allem Gregory Pecks Darstellung Abraham Lincolns heraus. Für den einstigen Hollywood-Beau, der 1982 bereits zehn Jahre älter war als der ehemalige Präsident, war es eine Herzensangelegenheit und keine Frage des Salärs, sein politisches Vorbild zu geben. Mit angeklebter Nase und großen Ohren. Ferner ist Robert Vaughn zu sehen, der (kurz vor seinem Auftritt beim A-Team) als versnobter Senator überzeugt. Und da ist der in historisch angehauchten Produktionen der beginnenden 1980er offenbar gewohnheitsrechtlich besetzte Stacey Keach, der hier einen patenten Unionsoffizier mimt. Doch sind es nicht die Stars, die für „The Blue and the Gray" rekrutiert wurden (oder sich wie im Falle Gregory Pecks dafür anboten), sondern die weniger bekannten Gesichter, die der Geschichte Authentizität verleihen. Apropos wesensecht. Die Gefechte und Kampfhandlungen, und das ist durchaus ein kleiner Wermutstropfen, sind trotz hervorragender Stuntmen und getreuer Ausstattung kleidimensioniert. Es sind nicht Abertausende, die da die Waffen aufeinander richten, sondern nur Hunderte. In manchen Szenen nur ein paar Dutzend. Zwar wird dieses Manko durch geschickte Kameraführung versucht zu kaschieren, aber einen „Waterloo" (1970) darf man sich hier (leider) nicht erwarten. Dafür allerdings sechs sachkundig und sachlich aufbereitete Geschichtsstunden. Dramaturgisch spannend und durchdacht entwickelt, ist „Die Blauen und die Grauen" beklemmendes historisches Porträt. Vom 1859 für seine Tat gehängten Sklavenbefreier John Brown bis zur Kapitulation Lees in Appomattox Courthouse im April des Jahres 1865 - ein umfassendes filmdidaktisches Lehrstück anspruchsvoller Unterhaltung! Man wünschte sich zu Entertainment verarbeitetes Interesse an der Vergangenheit öfter so. So akkurat. So zeitlos.


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