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Lebendig gefressen (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 23.11.2009, seitdem 766 Mal gelesen



Die grosse Welle und die exzessive, explizite Ausschlachtung.

Umberto Lenzi filmte in seiner vielschaffenden Karriere allerlei Filme und begann seine Laufbahn in einer Bl√ľtezeit des Filmes als Sandalenfilme, Monumentalfilme und Historienfilme der allerletzte Schrei waren. Lenzi war schon immer ein Regisseur, der den Zahn der Zeit erkannte, ohne dabei existierende Trends plumpt zu kopieren, sondern einfach auf der Welle des Hype gekonnt mitzuschwimmen. Sein heutiges Erstlingswerk von 1958 Mia Italida stin Ellada, ein ungew√∂hnlicher Start mit einer Liebeskom√∂die f√ľr einen bis heute ber√ľchtigten Exploitationsfilmer, gilt heute als nahezu verschollen. Die Folgejahre in den 60ern waren gepr√§gt von namhaften und genreklassischen Werken wie¬† Robin Hood in der Stadt des Todes (1962), besetzt mit einem Weltstar Pierre Brice (Winnetou - Verfilmungen), Piratenfilme wie Meute der Verdammten (1964), Gladiatorenfilme wie¬† Der Letzte der Gladiatoren / Kaiser der Gladiatoren (1964), unz√§hligen Western wie¬†Colt f√ľr hundert S√§rge¬†(1968), Wallaceverfilmungen wie Das R√§tsel des silbernen Halbmonds (1971)¬†mit denen er, meist mittelm√§√üig budgetiert, wesentliche Erfolge feiern konnte, ohne dabei jedoch wirkliche Meilensteine des Genres zu setzen.

Einen eigenen Stein brachte er jedoch 1972 mit dem weltweit ersten Kannibalenfilm Mondo Cannibale (Me Me Lai) ins Rollen, in der Thematik so unverw√ľstlich neu und schockierend war, dass ihm dieser Stempel des Kannibalenfilmers bis heute unverw√§hrt blieb. Mondo Cannibale, ein einstigst schockierendes Werk, aufgrund diverser Tierschlachtungsszenen und expliziter Kannibalenthematik, fixierte sich aber damals eher auf die Entwicklung eines Mannes, aus der Zivilisation kommend, der in die F√§nge eines primitiven Eingeborenenstammes ger√§t und dort aufgrund Andersartigkeit gefoltert wird. Mondo Cannibale beschrieb dieses ungleiche Aufprallen zweier v√∂llig unterschiedlicher Kulturen, wobei in der Unm√∂glichkeit der beiden Kulturen, der Unverst√§ndnis sich eine Beziehung zwischen Eingeborenensch√∂nheit und Grossstadtmann entfachte, wobei Kannibalismus und Kannibalen, wohlgemerkt der Stamm wo der Mann landet, sind keine Kannibalen, sich eher in den Hintergrund dr√§ngte, und Mondo Cannibale der Alternativtitel Man from deep River, wesentlich passender, zum Liebesdrama mit Urlaubsromantik wurde.

Trotz des Erfolges und des Etablierens in der Filmlandschaft wurden Lenzis Folgejahre von mittelm√§√üigen Polizeifilmen Schlitzohr und der Bulle und Gialli wie Spasmo (1974) geziert, bevor er nach einem Ausrutscher ins Zombiegenre Gro√üangriff der Zombies (1980), durch die Erfolge von Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch (Ruggero Deodato / 1977) & Cannibal Holocaust / Nackt und zerfleischt (Ruggero Deodato / 1980) wieder Fuss im aufkommenden und publik gewordenen Kannibalenfilm fassen wollte. Doch die Situation war diesmal eine Andere. Lenzi brachte dieses Mal keinen Stein ins rollen, sondern musste auf einen immer gr√∂sserwerdenden Stein aufspringen, den er damals ganz klein und neu ins Rollen brachte. Nackt und zerfleischt revolutionierte das Genre, den Horrorfilm an sich und war schockierend, eindringlich, vielschichtig, b√∂se und d√ľster. Ein grosser Kuchen, von dem ein einstiger Begr√ľnder etwas abhaben wollte. Doch Lenzi verpasst mit seinem Lebendig gefressen, so der Versuch Lenzi's Nackt und zerfleischt zu √ľbertrumpfen, die Chance die gleiche eindringliche, nahezu schon intelligente Ausrichtung zu bilden, denn Lebendig gefressen fasst dort an, wo Nackt und zerfleischt aufgrund seiner B√∂sartigkeit und Inszenierung doppeldeutig, auch widerspr√ľchlich, aber immer kritisch wurde.

Der Plot von Lebendig gefressen ist durchg√§ngig linear, H√∂hepunkte sind hier keine auszumachen, wobei die Szenerie dort beginnt, wo man sie nicht erwartet. In der Antarktis wird eine Gruppe Fotografen von einem asiatischwirkenden Mann get√∂tet, wobei sich die Kulisse schnell in die Gro√üstadtmetropole von New York verlagert. Gleicher Mann, gleiche T√∂tungsart. Die Opfer tot, der T√§ter ebenfalls und so findet man ein Video bei ihm, auf dem sich ein Ritual von einer Sekte befindet. Shyla, eine Reporterin erkennt auf dem Video ihre verschollene Schwester und macht sich mit Hilfe eines Mannes namens Mark auf die Suche in den Dschungel. Die Spur f√ľhrt die junge Frau Syhla (Janet Agren / Ein Zombie hing am Glockenseil), in ein kleines Dorf, wobei sie dort schon von Unverst√§ndnis konfrontiert werden.

Lenzi kehrt hiermit zur√ľck zu seinen Wurzeln, konzentiert sich n√§mlich, wie in seinem Mondo Cannibale auf eine¬†Sekte von fanatischen Gl√§ubigern, hier keine Primitiven, sondern ein Volk voller vereinter Menschen, aus der Zivilisation der Grossst√§dte und den Slums Neuguniea geflohen, unter F√ľhrung eines diktatorischen Sektenf√ľhrers (Ivan Rassimov / Mondo Cannibale / Mondo Cannibale 2 - Der Vogelmensch),¬†um¬†unter Einklang der Gemeinschaft zur√ľck zur Natur und weg vom verlogenen Wirtschaftsleben zu finden, ohne dabei anf√§nglich die Interesse auf zu erwartende Kannibalen zu lenken. Das mag ja an sich nicht unbedingt schlecht klingen, ist in Anbetracht der kritischen Herangehensweise und der Thematik dieser R√ľckbesinnung, nicht Reprimitivierens, sogar recht originell und Baustein f√ľr wirkliche Deodato Konsequenz, aber Lenzi verpackt diesen Mantel aus der falschen Sekte eines diktatorischen F√ľhrers mit verlogenen und falschen Absichten einfach zu gewollt, wobei dort, vorallem in den ersten 60 Minuten, diverse¬†L√§ngen aufkommen.¬†

Auch wenn Ivan Rassimov als machtgieriger Sektenf√ľhrer generell nicht schlecht spielt und auch¬†die verf√ľhrerisch sch√∂ne Me Me Lai (Mondo Cannibale / Mondo Cannibale 2)¬†wieder mit an Bord ist, weiss die Choose generell nicht zu gefallen, wobei die unbefangene, direkte, wenig treffsichere, schon gar nicht kritische Inszenierung, das Einleuchten √§hnlich expliziter Szenen wie in Nackt und zerfleischt, zu Unbehagen f√ľhren. Vollkommen zusammenhanglos, wirklich zum reinen Selbstzweck, noch mehr als in Nackt und zerfleischt werden hier Tiere get√∂tet, gefoltert und ohne jedes Bedenken so zelebriert, dass es weder zur Intention des Filmes oder dem Inhalt passt. Waren die Tiere in Nackt und zerfleischt leidliche Opfer dieser sogenannten Sensationsgeilheit der filmenden Kameram√§nner, oder einfach notwendiges Konsumgut hungernder Menschen, sinds hier Opfer f√ľr Spiele, Feste oder nichts. Noch zusammenhangloser und komischer wirds hierbei aber noch, wenn in diesem selbstzweckhaftem, bisweilen aber sch√∂n abgefilmten Sleaze, Frauen ohne jeden Grund vergewaltigt werden. Shyla, die mitunter, eher zwanghaft in die Sekte eingef√ľhrt wurde, wird hier aufgrund eines Versto√ües mit einem, mit Schlangenblut getr√§nkten Dildo (???) penetriert, warum auch immer, w√§hrend Me Me Lai, aufgrund einer Stammessitte, f√ľr Fortpflanzungszwecke nach ein ander von 4-5 Mann vergewaltigt wird.

Zwiesp√§ltige Szenen, die Wut entfachen, aber wom√∂glich den eigentlichen Horrors, dieses, wirklich nachvollziehbar beschlagnahmten Werks ausmachen, schliesslich ist es auch hier der Widerspruch, die Sekte will weg von Selbstzerst√∂rung einer kranken Kapitalgesellschaft unter unmenschlichen Bedingungen, Mitglieder werden aber unmenschlichsten Bedingungen, mit Rauschgift gef√ľgig gemacht und unter Nichtbeachtung von sittenstrengen Regeln gefoltert und gequ√§lt. Ein Gef√§ngnis, welchem sie nicht entkommen k√∂nnen, denn neben diesem eigentlichem Erz√§hlstrang der Sekte existieren hier eben, in diesem Dschungel, rund um das Sektendorf, noch Kannibalenst√§mme, die Fl√ľchtlinge alt aussehen lassen. Ein taktischer Schachzug des F√ľhrers, denn lebend wird den Kannibalen wohl keiner entkommen.

Die erste Kannibalenbegegnung ist dann auch schliesslich schon von hartgesottener Art, wobei mir die Fressszene doch arg bekannt aus Mondo Cannibale vorkam. Nicht nur, dass Lenzi selbst aus eigenem √§lterem Material klaut, ist der weitere negative Punkt, dass selbst die Kannibalen recht uneindringlich, nahezu schon aufgesetzt gespielt wirken. Heftige Goreeffekte, Selbstzweck¬†der Szenen und Thematik hin und her, aber im Vergleich zu Deodatos Meisterwerk ist das wirklich ein billiges Trauerspiel voll inszenatorischer Oberschw√§chen, wobei Ekelsplatter hier stellenweise ohnehin klein geschrieben wird. Lenzi's St√§rke liegt in der Kamera, denn die Kulisse des Dschungels, mitsamt seinen Tieren und wundersch√∂n malerischen Weiten, f√§ngt er gut ein, um dabei nat√ľrlich minutenweise die Vielfalt des Tierreiches zu zeigen. Vor laufender Kamera wird dann eine Affeverschlingende Schlange gezeigt, wobei der Affe noch traurig mit den Wimpern zuckt. Da zuckt auch der Zuschauer zusammen, aber so ist die Realit√§t.

Trotzdem mag dort irgendwie keine Atmosphäre aufkommen, zu selbstzweckhaft die Snuffszenen, zu frauenfeindlich die Ausrichtung der Sekte, zu peinlich die Kannibalen, die Effekte zu billig, die Schauspieler ohnehin schmalgezeichnete Unsymphaten, sofern wir mal von Me Me Lai und Janet Agren absehen.

Ein Happy - End bleibt dabei nicht aus, wird die Flucht auf brenzlichste Weise, dass mag auch der spannungsreichste Punkt des Filmes sein, mit einer Verfolgungsjagd der Kannibalen inszeniert, bevor sich die beiden Protagonisten in ein rettenden Heli hieven können. Nicht aber, um zuvor noch mit reichlich Kunstblut und Ekeleffekten Me Me Lai's Brustkorb aufzuschneiden, ihre Gedärme zu essen und die Schwester von Shyla zu vergewaltigen und ihr Ohr zu verspeisen. Ist ja klar, oder?

Fazit:
Frauenfeindlicher, absolut selbstzweckhafter, selten treffsicher kritischer Kannibalenstreifen mit erheblich vielen L√§ngen und seichter Atmosph√§re. Daf√ľr aber wahnsinnig viel Tiersnuff ohne Sinn, l√§cherliche Kannibalen, ein uninteressanter Sektenplot und Szenen, die w√ľtend machen. Von einem Nackt und zerfleischt weit entfernt, am Ende bleibt ein solider Pflichtfilm, nicht nur wegen fehlender Konkurrenz, sondern auch der ekelerregenden Tatsache, dass selbstzweckhaftere Filme ebenso Mangelware sind. Ein Ekel an Film, der als Abenteuer recht solide ist, aber dennoch extrem abstossend ist. Zurecht verboten, auch wenn die Gewalteffekte in ihrer Darbietung sehr billig sind. Lenzi kanns eigentlich besser & intelligenter.

63%


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