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Lebendig gefressen (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 1 / 10)
eingetragen am 27.03.2012, seitdem 675 Mal gelesen



Eigentlich war mit „Nackt und zerfleischt“ bereits alles zum Thema Kannibalenfilm gesagt. Es gibt letztlich zu wenig her, als daß es sich dauerhaft im Genre etablieren konnte: Der Schauplatz ist begrenzt auf das Amazonasgebiet, die Geschichten mit den unbedarften Weißen, die in einen Kannibalenstamm stolpern, wiederholten sich frühzeitig, und nicht zuletzt waren übermenschliche Serienkiller und Zombies einfach durchsetzungsstärker und faszinierender. Das hinderte Umberto Lenzi, mit „Mondo Cannibale“ der Schöpfer der Kannibalenwelle, nicht daran, noch einmal nachzulegen. Der Erfolg seines Kollegenkonkurrenten Deodato hatte ihn offenbar angetrieben.

„Lebendig gefressen“ ist von vorn bis hinten eine erbärmliche, zum Himmel stinkende Katastrophe, und als wäre das nicht genug, manövriert Lenzi sich mit diesem Film in ein zutiefst bedenkliches Licht. Die Geschichte der Frau, die sich mit einem Macho in den Amazonas begibt, um Schwesterherz zu suchen, und dabei auf einen Sektenführer trifft, der sich alle Einheimischen untertan gemacht hat, ist nur Mittel zum Zweck, um eine Parade abartiger Todesarten vorzuführen. Das betrifft leider auch erneut die Tiere: Wenn die Handlung keine Kannibalenszene hergibt, müssen halt diejenigen dran glauben, die sich nicht wehren können. Also werden Schlangen zermanscht, Krokodile zerstochen oder Affen in minutenlangem Todeskampf von einer Schlange zerdrückt. All das geschieht innerhalb von fünf (!) Minuten. Weitere Einzelheiten weiß ich nicht, weil ich vorgespult habe, sobald sich eine nächste Tiersnuffszene andeutete, und das waren noch viele mehr. Die Skrupellosigkeit ist einfach nur pervers und es macht so unendlich wütend zu sehen, wie Lenzi sich Unterhaltung vorstellt. Auch Deodato war kein Kind von Traurigkeit, doch füllte er wenigstens nicht seine Filminhalte mit Tiertötungen auf, wenn er grad nicht weiter wußte. Bei Lenzi ist ein krankhaft rücksichtsloser Umgang mit der Tierwelt zu konstatieren (auch wenn er sich offenbar zahlreich früherer Filme bedient und keine neuerlichen Tötungen vorgenommen haben soll), der allein es mir schon unmöglich macht, mehr als die Tiefstnote zu geben, selbst wenn der Rest besser wäre. Ist er aber nicht.

Die Eingeborenen werden als seelenlose, böse, dumme Primitivlinge dargestellt, die blind ihrem Führer folgen. Simpelste Schwarz-Weiß-Schemata, damit der Durchschnittszuschauer nicht überfordert wird. Nicht viel besser kommt die Frauenwelt weg: Die wird nicht nur (teilweise mehrfach) vergewaltigt und würde allein nichts auf die Reihe kriegen, auch die Heldin wird zwischendrin mal von ihrem Begleiter geschlagen, als sie keine Ruhe gibt; dazu massig Brüste, auf daß jede weibliche Mitwirkende nur den Film verlassen möge, wenn sie auch wirklich gezeigt habe, was sie unter ihrer Kleidung trägt. Die in Verstümmelungen, Ausweidungen und Kannibalismus badenden Billigheimereffekte ermüden bereits nach wenigen Minuten, weil man zu keinem Akteur eine Beziehung aufbauen kann, nur der Tiersnuff erzeugt überhaupt irgendeine Form von emotionaler Regung. Plötzliche Liebesbekundungen zwischen den beiden Hauptfiguren kommen aus heiterem Himmel, schafft es doch der Film nicht, uns das begreiflich zu machen, worum er sich auch gar nicht bemüht. Er will nur zeigen, zeigen, zeigen und in bester deutscher Amateurfilmer-Manier mit den Morden möglichst kreativ sein, Hauptsache das Blut spritzt. Die Musik ist eine Frechheit für jeden sich halbwegs anstrengenden Filmkomponisten. Bei den Szenenübergängen kommt 70er-Jahre-Disco-Mucke zum Einsatz, die vielleicht in einen italienischen „Saturday Night Fever“-Abklatsch gehört, aber nicht in einen brutalen Gore-Streifen. Und was Mel Ferrer in der Nebenhandlung zu suchen hat, weiß wohl auch nur er selbst.

Immerhin kann sich Lenzi ans Revers heften, den wahrscheinlich härtesten Subgenrefilm hingelegt zu haben (nicht mal unbedingt nur wegen des Blutgehalts, sondern aufgrund seines allgemein rüden Tons, bei dem Vergewaltigungen an der Tagesordnung sind), und so wie ich mir ihn vorstelle, wird er sich noch darüber freuen. Insgesamt ist „Lebendig gefressen“ nun allerdings wirklich wertloser Scheiß ohne jeden Sinn für grundlegende Aspekte, die ein Film braucht, um zu funktionieren. Durch seine ausufernde Gewalt gegen Tiere disqualifiziert er sich eh. 1/10.


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