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Lebendig gefressen (1980)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 27.11.2015, seitdem 242 Mal gelesen



„Es sind primitive Wesen, deren Hauptnahrung Menschenfleisch ist!“

Nachdem der italienische Genrefilmemacher Umberto Lenzi im Jahre 1972 mit „Mondo Cannibale“ den Grundstein für den berüchtigten Bastard aus Horror- und Abenteuerfilm, den Kannibalenfilm, gelegt hatte, etablierte die italienische Filmindustrie in einer überschaubaren Anzahl an jedoch umso schwerer im Magen liegenden Filmen den wilden Kannibalen als neues Monstrum neben Vampiren, Werwölfen, Außerirdischen und Zombies. Lenzi persönlich griff erst im Jahre 1980, mutmaßlich nach dem Erfolg von Deodatos „Cannibal Holocaust“, erneut auf das Genre zurück, das er um einen Beitrag mit dem klangvollen Titel „Lebendig gefressen“ erweiterte.

„Mögen Sie Rock?“ – „Nein, ich mag Whiskey!“

Ein Asiate verübt Morde an den Niagarafällen und in New York, indem er mittels eines Blasrohrs vergiftete Pfeile auf seine Opfer schießt. In der Großstadt wird er daraufhin selbst zum Opfer, nämlich des Straßenverkehrs. Die Polizei findet Videoaufnahmen sowie die Anschrift der seit Monaten verschwundenen Diana Morris (Paola Senatore, „Nachtschwester müsste man sein“) bei ihm und kontaktiert daraufhin deren Schwester Sheila (Janet Agren, „Ein Zombie hing am Glockenseil“). Diese weiß zu berichten, dass Diana ihre urbanen Zelte abgebrochen und sich der Purifikationssekte um Guru Jonas (Ivan Rassimov, „Mondo Cannibale“) angeschlossen habe. Die Videoaufzeichnung zeigt eigentümliche Rituale der Sekte und durch Jonas-Opfer Alma (Fiamma Maglione, „Flotte Bienen auf heißen Maschinen“) findet man heraus, dass sich diese anscheinend auf Neuguinea niedergelassen hat, woraufhin Sheila auf die Insel fliegt. Dort lernt sie den Vietnam-Deserteur Mark (Robert Kerman, „Cannibal Holocaust“) kennen, der gerade in einer Kneipe beim Armdrücken gegen einen Einheimischen gewinnt, und heuert ihn als Fremdenführer an. Auf der Suche nach der Sekte lernen sie im Dorf Sakir einen weiteren Weißen kennen, der sie jedoch mithilfe einer Kobra töten will. Aus diesem lassen sich aber weitere Informationen herausprügeln, doch auf dem Weg durch den Dschungel wird erst ein Helfer von einem Krokodil zerfetzt, treffen Mark und Sheila auf verstümmelte Leichen und werden schließlich Zeugen, wie drei Eingeborene eine Frau schänden und roh verspeisen. Das Dorf der Sekte liegt inmitten gefährlicher Kannibalenstämme! Als sie es endlich mühsam erreichen, treffen sie auf Diana, doch die scheint nicht mehr sie selbst zu sein: Alle Sektenjünger stehen unter dem Einfluss des despotischen Jonas‘ und seines Rauschgifts – und aufgrund der sie umringenden Kannibalen gibt es kein Entkommen…

„Neugier, dein Name ist Weib!“

Natürlich tut die plietsche Diana aus Angst vor dem irren, an den real existiert habenden Jim Jones von der „Peoples Temple“-Sekte angelehnten Jonas, nur so, als sei sie dort glücklich. Dieser herrscht mit eiserner Hand über seine Schäfchen, versteht so gar keinen Spaß und trachtet Abtrünnigen nach dem Leben – wie den Giftpfeilopfern aus dem Prolog, wie sich herausstellt. Zum Glück des ungleichen Abenteurer-Duos zeigen sich aber auch die Behörden in den USA alarmiert, wie ein kurzer Schwenk zurück in die Zivilisation zeigt. Davon können Sheila und Mark aber noch nichts ahnen und so fällt dieser erst einmal in Ungnade, als er sich weigert, den Drogentrank anzurühren. Er wird verprügelt und gefesselt und kann von Glück sagen, dass ihm der offen mit Massenselbstmord drohende Jonas nicht den Kopf abschlägt wie einem anderen Abtrünnigen. Der nackten Shelia wiederum rammt er einen mit Schlangenblut benetzten Holzdildo in die Vagina. Kerman indes wird befreit und kämpft sich durch die Kannibalen, landet jedoch schließlich wieder bei Jonas und schauspielert, er würde zu Kreuze kriechen. Im Rahmen seines Aufnahmerituals trinkt er vom Trank und die Gemeinde intoniert „Glory Glory Hallelujah“ dazu. Jonas malt die unter Drogeneinfluss stehende Sheila gülden an und peitscht Diana aus, bestraft außerdem einen Alkoholtrinker, indem er ihn aus der Gemeinschaft ausstößt. Die geplante Flucht mit der verwirrten Sheila gestaltet sich schwierig, denn sie glaubt mittlerweile, bleiben zu wollen, doch Mark hat so seine Methoden…

Dessen Rolle hat Lenzi, der auch das Drehbuch verfasste, nämlich als Hardcore-Macho angelegt, immer einen kernigen Spruch auf den Lippen, der der verängstigten Sheila auch einfach mal eine knallt, woraufhin sie ihm sexuell verfällt. Dieses ans Neandertal erinnernde Geschlechterbild zieht Lenzi allen Ernstes konsequent durch; so bekommt Sheila direkt noch eine gezimmert und wird kurzerhand gefesselt und mitgenommen, als es an die Flucht geht. Weitere, nun ja, „Frauenbilder“ fängt Lenzi mit der Kamera ein, wenn er auf (ich nenne es mal) naturalistisches Schauspiel, sprich: möglichst viel nackte Haut setzt. Bei der ersten Begegnung mit Diana ist diese oben ohne, ebenso die in einer Nebenrolle immer wieder durchs Bild huschende, Kannibalenfilm-erprobte Exotin Me Me Lai. Sexualität steht hier zumeist in Zusammenhang mit nackter, gern ritualisierter Gewalt: Eine verwitwete Sektenangehörige muss sich in einem öffentlichen Ritual von einem nach dem anderen besteigen lassen, während hunderte Augenpaare auf sie gerichtet sind. Und während ihrer Flucht wird Diana erwischt, entkleidet und vergewaltigt. Welchen tieferen Sinn Sheilas Penetration mit dem Schlangenblutdildo und manch anderer abwegiger Einfall erfüllt, weiß wohl nur Lenzi allein.

Einzelne Zwischensequenzen, in erster Linie aber das Finale sind bestimmt von Kannibalen-Action, die am Ende tatsächlich dem Filmtitel gerecht werden, indem sie ihre Opfer bei lebendigem Leibe verstümmeln und verspeisen. Dies geht einher mit deftigen Ausweidungsszenen, geschminkte Statisten wühlen in Gedärmen. Im Gegensatz zu anderen Filmen des Genres sind die Kannibalen hier tatsächlich nur stumpfe Monster, die zur reinen Schockwirkung und zur Steigerung des Gewaltgrads ins Unermessliche dienen. Ähnlich verfährt Lenzi leider mit der furchtbaren Unsitte realen Tiersnuffs: Nicht nur, dass die zahlreich eingestreuten Tieraufnahmen in Großaufnahme eine Schlange beim Verzehren eines kleinen Affen sowie einen Kampf Mungo vs. Schlange zeigen, Lenzi lässt auch Menschen Krokodile grausam schlachten, ohne wirklichen Bezug zum Film über die Steigerung der Drastik hinaus. Ansonsten zoomt er gern auf Gesichter und platziert immer mal wieder irgendwelche Maskentänze zu Dschungelrhythmen, die für Exotik sorgen sollen. Außerdem wiederverwertet er Szenen aus seinem eigenen Œuvre sowie aus Sergio Martinos „Die weiße Göttin der Kannibalen“ (Kastrations-/Mamba-Szene).

Das liest sich nicht nur so, als würde sich „Lebendig gefressen“ trotz all seiner Schauwerte gehörig in die Länge ziehen, dem ist leider auch so. Dafür zieht er bei der überaus konstruierten Vermengung des Kannibalenschockers mit der Thematik der „Peoples Temple“-Tragödie sämtliche Register und lässt Jonas‘ Anhänger angesichts des eingreifenden Militärs den avisierten kollektiven Selbstmord wie einst in Guyana mittels eines Gifttranks begehen, was die Kamera in der Komplettfassung des Films ebenfalls ausgiebig festhält und den Film um ein weiteres Entsetzen bereichert. Zurück in der Zivilisation heißt es dann im Epilog, man solle Stillschweigen über die Kannibalen bewahren, das Thema soll also unter den Teppich gekehrt werden. Kein Wunder, dass man so wenig über den Kannibalismus auf Neuguinea weiß und danke an Herrn Lenzi für die Aufklärung! Doch Spaß beiseite: Janet Agren ist zwar sehr ansehnlich, reißt schauspielerisch aber keine Bäume aus, Robert Kermans Rolle ist viel zu unsympathisch angelegt worden, um Identifikationspotential zu bieten, dafür glänzt „Mondo Cannibale“-Veteran Ivan Rassimov als schmieriger, jedoch arg eindimensionaler Sektenheini. Die größte schauspielerische Freude bereitet im Prinzip die Freizügigkeit der Darstellerinnen. Was sich nach dem mit groovendem Disco-Funk unterlegten Vorspann und Sheilas abendlichem Weg durch schicke urbane Leuchtreklamen da auf den Zuschauer ergießt, ist durch und durch spekulativ und bar jeden Subtexts, funktioniert auf seine effekthascherische und ekelerregende Weise als harter bis trashiger Exploitation-Film aber durchaus, ist verglichen mit Ruggero Deodatos vorausgegangenem Meistwerk „Cannibal Holocaust“ jedoch ein deutlicher Rückschritt und dürfte dazu beigetragen haben, dass man sich an Kannibalenfilmen dann irgendwann auch im wahrsten Sinne des Wortes sattgesehen hatte.


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