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Sacramento (1962)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 12.12.2017, seitdem 183 Mal gelesen



Das Ende des Wilden Westens und das Ende des klassischen Westerners war für Sam Peckinpah bereits ein Thema bevor der Spätwestern so richtig durchstartete, bereits an frühen Regiearbeiten wie „Sacramento“ alias „Ride the High Country“ zu sehen.
Dass Cowboys und Wilder Westen in der Krise stecken, zeigt bereits die Eröffnungsszene: Der gealterte Ex-Marshall und frühere Revolverheld Steve Judd (Joel McCrea) reitet für einen unglamourösen Job als Transportbeschützer in die Stadt, in der gerade ein paar Cowboys zu Pferd einen Rennen gegen den Jungspund Heck Longtree (Ron Starr) verlieren, der ausgerechnet ein Kamel reitet. Gil Westrum (Randolph Scott), Steves früherer und Hecks jetziger Partner, verdient sein Geld als kostümierter Geschichtenerzähler, der seine Erlebnisse phantasiereich ausschmückt und dabei eine Legende vom Wilden Westen weiterstrickt, den es so nie gab.
Als Steve den Auftrag annimmt und Gil und Heck als Helfer anheuert, desillusioniert „Sacramento“ nur noch weiter in Bezug auf das Bild von Kameradschaft unter Westernern: Gil und Heck planen einen Raub des Goldes, welches das Trio von einem nahen Bergwerk wieder in die Stadt transportieren und dabei vor Indianern und Räubern schützen soll. Gil hofft Steve mit ins Boot holen zu können, doch es bleibt die Frage, ob bei diesem nicht noch ein Ehrenkodex besteht, der zwar das Ansehen des Westernhelden retten könnte, gleichzeitig die Männer ab zu Gegnern machen.

Auf dem Weg kommt das Trio bei dem Farmer Joshua Knudsen (R.G. Armstrong) unter, dessen Tochter Elsa (Marietta Hartley) einem Bergmann versprochen ist. Im Gegenzug für die Unterkunft bieten die Cowboys an Elsa auf dem Weg mitzunehmen, was die Reise aber noch verkompliziert…
Auf dieser Reise werden fleißig weiter die Mythen auseinandergenommen: Knudsen Senior ist ein religiöser, bigotter Fanatiker, der als Herr im Haus die Tochter unterdrückt und für den Gastfreundschaft etwas Lästiges, aber von der Bibel Gefordertes zu sein scheint. Tochter Elsa möchte eigentlich nur weg, gerät aber vom Regen in die Traufe: Der Ehemann in spe ist alles andere als ein Göttergatte und die improvisierte Hochzeitsfeier im Puff wirkt wie eine bizarre Parodie auf eine Liebesheirat, mit Prostituierten als Brautjungfern, besoffenen Gästen als Hochzeitsgesellschaft und einem noch besoffeneren Geistlichen. Dass zwischen Elsa und Heck im Vorfeld die Funken geflogen sind, vereinfacht die Sache nicht: Die mögliche Liebesbeziehung, die eigentlich ein perfekter Ausdruck von Freiheit und amerikanischem Individualismus wäre, steht im Gegensatz zu den tatsächlichen Verhältnissen der Frontier-Gesellschaft, die weitaus rigider und weniger frei ist als gern behauptet.
So führen dann auch diese Verstrickungen sowie der geplante Goldraub unter Partnern zu weiteren Eskalation im weiteren Filmverlauf; vom achso gefährlichen Terrain mit seinen überall lauernden Räubern ist dann nichts mehr zu merken. Und so wird die Eskalation langsam vorangetrieben, eher auf persönlicher Ebene als in großen Handlungen: Die Frage lautet wie viel der einzelne bereit ist zu ertragen und da erweisen sich die Helden als Stoiker, die erst spät im Film genug von allem haben. Man ahnt freilich, wo die Reise für den einen oder anderen hingehen wird, denn so sehr Peckinpah das Image des Western auch demontiert, er folgt gewissen Genreregeln, etwa jener, dass die Ehre unter Männern schlussendlich doch mehr Wert ist als alles Geld der Welt.

Mit weniger Budget und Freiheiten als bei späteren Filmen ausgestattet ist „Sacramento“ dann schlussendlich auch kleiner und intimer: Erst gegen Ende fallen im sauber inszenierten, aber noch nicht so stark wie etwa „The Wild Bunch“ stilisierten Showdown die Schüsse, gestorben wird zwar auch hier auf wenig schöne Weise, aber noch ohne die blutigen Zeitlupeneinschüsse, die zu einem späteren Markenzeichen Peckinpahs werden sollten. Stattdessen ist „Sacramento“ ein Westerndrama mit wenigen Hauptfiguren, die mit dem Schicksal hadern, ihm aber so sehr ergeben sind, dass es lange dauert, bis sie endgültig genug haben.
Passend zum Sujet ist auch die Besetzung des Films: Mit Joel McCrea und Randolph Scott sind zwei alternde Filmcowboys in den Hauptrollen zu sehen, die ihre Gesichter und ihre Filmographien als zusätzlichen Bonus einbringen und die Figuren von Steve und Gil noch glaubwürdiger machen. Ron Starr und Marietta Hartley stehen dahinter zurück und schlagen sich wacker, während R.G. Armstrong in seiner Nebenrolle groß auftrumpft: Sein Prediger mit Herrscherkomplex ist ein waschechtes Ekel, das man gerne hasst, auch wenn es nur wenige Minuten auf der Leinwand zu sehen ist.

„Sacramento“ erscheint wie eine Vorübung für größeres, aber eine gelungene: Eine kleine Geschichte mit wenig äußerer Handlung und noch ohne Peckinpahs besondere Stilisierung, ein bisschen langsam, aber bereits unerbittlich in seiner Demontage von den Heldengeschichten im Wilden Westen. Gerade in den Hauptrollen stark gespielt und kenntnisreich in seinen Abrechnung mit Westernmythen – da verzeiht man auch kleinere Längen. 6,5 Punkte.


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