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Étoile (1989)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 08.03.2011, seitdem 1419 Mal gelesen



Wie solange an mir vorbeigehen konnte, dass tatsächlich ein aufwändig produzierter italienischer Film existiert, der durch und durch eine Hommage an Dario Argento ist, ohne dabei aus dessen eigenem Umfeld - Lamberto Bava, Luigi Cozzi, Michele Soavi - zu stammen, ist mir schleierhaft. Mindestens ebenso schleierhaft wie die Tatsache, dass Peter Del Montes ÉTOILE unter denen, die ihn gesehen haben, kaum Wertschätzung zu genießen scheint und so extrem obskur ist. Die englische (Original-)Fassung des mit Jennifer Connelly, Gary McCreely und Charles Durning überwiegend amerikanisch besetzten Films ist angeblich bis heute nur in Japan (!) auf Laserdisc erschienen. Tragisch. Auch nach Deutschland hat der Film es nicht geschafft - dabei stammt sogar der bisweilen sehr Morricone- und Hermanneske Score kurioserweise von Jürgen Knieper (DER HIMMEL ÜBER BERLIN).

Vielleicht hat den Film einfach niemand verstanden.
In einem sehr andächtigen, mitunter an die Thriller Polanskis erinnernden Takt entfaltet Del Monte sein geheimnisvolles PHANTOM DES BALLETS und lässt keine Zweifel an seiner Verehrung für PROFONDO ROSSO, TENEBRAE, vor allem aber natürlich SUSPIRIA und OPERA. Jennifer Connelly, nur zwei Jahre nach PHENOMENA, ist Del Montes Jessica Harper und er lässt sie elfengleich, oft im Tutu - mit staunender Empfänglichkeit für die elegische Erotik verfallender Jugendstil-Häuser durch die dunklen Winkel von Budapest schweben. Budapest übrigens, als Stadt, die effektvollste Kulisse des späten italienischen Horrorfilms - eindrucksvolle Kulisse auch für zwei andere, späte Höhepunkte: SPIDER LABYRINTH und DIE WASCHMASCHINE.
Das verfallene Theater, in dem alle "Spuren" - ÉTOILE traut sich nämlich tatsächlich, ein übersinnlicher Film zu sein - zusammenlaufen und in dem der mit einem gealterten Laurent Terzieff trefflich besetzte mephistotelische Maestro seinen Sitz hat, könnte direkt aus PROFONDO ROSSO stammen und wenn am Ende Gary McCleery, der etwas gnomartige jugendliche Protagonist, durch einen dunklen Gang um eine Kurve in einem infernalisch glühenden Raum mit SUSPIRIA-Bögen das "Monster" (ein weiterer Clou, gestaltet von Argentos Effektmann Sergio Stivaletti) vorfindet, sind alle Zweifel beseitigt, auch wenn das eigentlich schon Jennifer Connellys traumwandlerische "zweite" Ankunft auf dem Flughafen in Budapest zementieren sollte. Vielleicht ist manches an dem Film auf Argentos Stammautor Franco Ferrini zurückzuführen, der am Drehbuch mitgeschrieben hat. Oder auf Argento-Cutterin Anna Napoli. Doch selbst wenn dem so sein sollte: Argento hat für diesen einen Film in Peter Del Monte seinen Brian De Palma gefunden.. und das ist beeindruckend, weil es auf einer Ebene geschieht, die weit, weit entfernt ist von dem, was man heute gerne abfällig "Fanboy-Filmerei" nennt.

Da Del Monte im übrigen durchaus auch nach amerikanischen Genre-Mustern, also Hitchcock (...) schielt - etwas, das Argento entgegen landläufiger Behauptungen nur sehr selten getan hat - gibt ÉTOILE eine Vorstellung davon, wie ein narrativer, nach üblichen Maßstäben kohärenter und psychologisch konstruierter Dario Argento-Film aussehen könnte. Was enorm faszinierend ist und tatsächlich hervorragend funktioniert. Es ist schade, dass ÉTOILE so selten ist. Wäre er weiter verbreitet hätte er sicherlich schon längst eine größere Anhängerschaft gefunden. Alleine schon die gespenstische Aufführung von SCHWANENSEE in einem menschenleeren Theater als Showdown, die den ansonsten an konkret effektvollen Momenten im positiven Sinne armen Film krönt, brennt sich ins Gedächtnis ein. Und den vielleicht schönsten Nachgeschmack hinterlässt ÉTOILE dadurch, dass er immer wieder in entscheidenen Momenten seinen eigenen Weg geht und seine zahllosen, dezent eingeflochtenen Referenzen mit großer Selbstverständlichkeit einflicht, ohne irgendeinen penetranten postmodernistschen oder narzisstischen Hauch. Dieser Film gäbe ein hervorragendes Mittelstück in einem Triple-Feature mit Argentos OPERA und PHANTOM DER OPER ab. Manch einer wird das Tempo des Films vielleicht als arg meditativ (= langweilig) empfinden, mich hat er allerdings mit seiner somnambulen Aura völlig in seinen Bann geschlagen und als perfektes Crossover zwischen Italohorror und "Cinéma du look" überrascht. Eine echte Entdeckung. Und als Balletthorrorfilm selbstverständlich Darren Aronofskys elendiger Hochglanz-Exploitation BLACK SWAN jederzeit vorzuziehen.


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