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Church, The (1989)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 23.11.2009, seitdem 1010 Mal gelesen



Rückblick ins Jahr 1989 - die italienische Filmindustrie, die dem Zuschauer knapp 30 wilde Jahre mit den absonderlichsten Filmideen (und Filmklaus) beschert hat, geht am Stock. War noch am Anfang des Jahrzehnts in Sachen graphischer Horror und bizarre Gewaltbilder alles in Butter, ist der Output nun zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.
Und es gibt nur noch eine Handvoll Nachlassverwalter, die das Erbe der Bavas und Argentos antreten und auch das nur unter größten Schwierigkeiten.
Neben Mario Bavas Sohn Lamberto war einer der wenigen Kreativen (oder bemüht Kreativen) unter den Spätgeborenen Michele Soavi, der mit "Aquarius - Theater des Todes" dem Slasher noch einmal zu einem unheimlichen Höhepunkt verhalf, nicht besonders originell bezüglich des Inhalts, aber der visuellen Umsetzung.
Sein zweiter Film "La Chiesa" - "The Church", war dann auch der Versuch, das klassische Dämonenkino des Dario Argento (der inzwischen zu typischen Giallos zurückgekehrt war) in eine neue Form zu transponieren.
"The Church" ist wahrlich kein wirklich meisterhafter Film geworden, aber er verfügt über einige starke Bilder und unbestreitbar über viele Ideen, die aber wohl von einer Heerschar von Drehbuchautoren und einem unerfahrenen Regisseur praktisch bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurden.

Erzählerisch bleibt der Film ein Flickenteppich: im 12.Jahrhundert räuchern Kreuzritter ein Teufelsanbeternest aus errichten über dem Massengrab eine Kirche. 800 Jahre später findet Restauratoren und ein Archivar nicht nur das über der Stelle errichtete Steinkreuz in den Tiefen der gothischen Kathedrale, sondern auch Pergamente, die ihnen neugierbedingt den Weg weisen, das Grab wieder zu öffnen. Schon bald kommt es zu Visionen, Fällen von dämonischer Besessenheit und endlich sorgt ein Sicherheitsmechanismus dafür, daß die Höllenbrut samt einer Reihe von Opfern/Kirchenbesuchern in der Kathedrale fest sitzt.

"La Chiesa" wurde häufig als möglicher dritter Teil von Lamberto Bavas Dämonen-Filmen betrachtet, lehnt sich aber eher an Argentos Filme über die drei Mütter an, was offensichtlich ist, wenn man bedenkt, daß der Meister den Film produziert und mitgeschrieben hat.
Soavi, noch lange nicht sattelfest in Sachen Kreativität, findet dann dank der überragenden Location (Budapest) wunderbare Bilder, von apokalyptischen Höllenvisionen über brutale Splatterszenen bis zu subjektiven Kamerafahrten durch das gewaltige Bauwerk. Er nutzt die Düsterkeit und das staubige Alter der Steinmetzarbeiten und Gewölbe hervorrragend aus und setzt komplett auf eine morbide Atmosphäre, die den Film stark prägt.

Was ihm nicht gelingt, ist, den Film zu einem großen Ganzen zu machen. Es gibt keine Identifikationsfiguren, keinen Dreh- und Angelpunkt in der Besetzung und praktisch erst auf den letzten Metern kann man einen Priester als einen solchen mühsam ausmachen, bis dahin springt der Film zwischen mehreren Figuren hin und her, die aber dank baldiger dämonischer Besessenheit immer wieder längere Zeit aus der Handlung verschwinden. Der Archivar, die Restauratorin, der Domherr, das Küsterehepaar, die frühreife Tochter (dargestellt von Asia Argento im Teenageralter), sie alle treten auf und fallen bald unter den Bann des Bösen.

Wie sehr alles um die Tricks herum zusammengestückelt wurde, beweist übrigens die fast unbekannte Tatsache, daß sämtliche Versatzstücke auf lateinischer Basis (das zerrissene Pergament mit der Spiegelschrift, die wendbare Steininschrift) nicht etwa erfunden wurden, sondern samt und sonders aus der Geisterkurzgeschichte "Der Schatz des Abtes Thomas" von Montague Rhode James abgeschrieben wurden (und das wortwörtlich) und sich auch einige Bilder (das armbewehrte Bünde aus der von unten beleuchteten Grube in Kreuzform) auf diese Story zurückführen lassen.
Manches wirkt wie zusätzlich hinzugefügt, ohne das es länger irgendeinen Sinn ergibt und manches hat anscheinend so gut wie gar keine Funktion, außer mysteriös zu wirken.

Noch schlimmer wird es aber in Sachen Schauspielführung und Dialogen: die Kirchenbesucher sind zum Teil nur satirische Abziehbilder oder Parodien, sei es nun die Schulklasse, die Modefotografen oder das ältere Ehepaar und ihre Fäden werden ständig aufgenommen und wieder fallengelassen. Eine konkrete Unruhe oder Panik ob der Greueltaten läßt sich nicht feststellen, stattdessen blendet man mal hier und mal dahin und manches ist vollkommen unverständlich, etwa nach dem Mord per abgebrochenen Gitter scheint jeder sich zu verhalten, als sei alles normal.
Starke Bilder können nicht verbergen, daß es an richtigem Spannungsaufbau oder logischem Zusammenhang arg mangelt und manches, wie das Pärchen, daß so weit in die Katakomben absteigt, um dann in der U-Bahn zu landen, wirken nur wie absonderliche Spontanideen. Dennoch sind Kamera und Licht bisweilen in absoluter Höchstform (wogegen übrigens ein abgrundtief miese deutsche Billigsynchro anarbeitet) und sorgen bisweilen in Verbindung mit den Kreaturen, Masken und Tricks für Erstaunen.

Ein Teil der Szenen (auch der Außenaufnahmen) wurde übrigens unübersehbar in Hamburg abgedreht (die Nähe des Hafens paßt allerdings gar nicht zu den Bildern aus der Vergangenheit und auch nicht recht zur U-Bahn) und Barbara Cupisti gönnt sich in einer Szenen witzigerweise ein deutsches "lustiges Taschenbuch".

Ergo kann man "The Church" durchaus als kreative (Kirchen)Ruine bezeichnen, einen unfertigen, aber bisweilen ungeheuer einfallsreichen Film, der zudem einen besseren und effektiveren Soundtrack gebraucht hätte, der wirklich nichts zur Atmosphäre beiträgt und manchmal sogar noch unangenehmer ganz fehlt.
Man kann den Film aber ob seiner Bilder auch mögen und als Abgesang auf die Bizarrerie des italienischen Horrorfilms genießen, Genie und Schrott liegen hier ganz nah beisammen, weswegen ich auch gern beiden Kritikerseiten Recht geben möchte. Ein besseres und strukturierteres Drehbuch hätte aus diesem Experimentalflickwerk durchaus ein düsteres und blutiges Meisterwerk machen können. (7/10)


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