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Brick (2005)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 01.02.2007, seitdem 1293 Mal gelesen



Sind Rückgriffe auf bewährte Muster und Genres ein Zeichen von Ideenlosigkeit? Denkt man jedenfalls an die Flut von Horrorfilmen und einfallslosen Remakes der letzten Jahre, so ist man versucht, wütend ein paar verkannte Drehbücher aus Europa über den großen Teich zu werfen, auf das sie ein paar dicke Beulen auf den Häuptern diverser Hollywoodproduzenten hinterlassen. Dass der Umgang mit der eigenen (amerikanischen) Filmgeschichte auch anders funktioniert zeigen Filme wie L.A. Confidential und Down with Love, aber auch King Kong und Superman Returns. Die vier Filme bieten vier mehr oder weniger unterschiedliche Herangehensweisen an die "Aufarbeitung" der filmischen Vergangenheit.

Die ersten beiden in Form der Genrewiederbelebung, die beiden letzteren durch die Neuinterpretation vorhandener Werke. Während King Kong ein liebevolles, detailgetreues, aber eigenständiges Remake ist, schafft Bryan Singers Superman Returns den Spagat zwischen Hommage und Fortsetzung. Während sich Down with Love als intelligente Genrespielerei präsentiert, die v.a. den Kennern der Materie gefallen wird, funktioniert L.A. Confidential als Film auch so. Das Setting in den 50er Jahren entspricht den Konventionen des Film Noir, es gibt korrupte Cops, eine Femme fatale und einen passenden Soundtrack. Die Komplexität der Figuren machte L.A. Confidential jedoch zu einem Meisterwerk, das auch ohne Vorkenntnisse funktioniert und die selbstironische Nostalgie weit von sich weist.

Man könnte Brick in bestimmter Hinsicht als Indie-Mischung aus L.A. Confidential und Down with Love bezeichnen, auch wenn dies auf den ersten Blick abwegig erscheint. Im Gegensatz zu ersterem ist das Setting in Brick Noir-untypisch. Wo in der schwarzen Serie die Großstadt mit all ihren düsteren Gassen, den Gegensätzen von reich und arm, Schein und Sein und der ständig lauernden Gefahr, der überall hervorbrechenden Sündhaftigkeit als Sinnbild für die verlorene Unschuld galt, spielt Brick an einer modernen kalifornischen high school, Einfamilienhäuser bilden den suburbanen Hintergrund. Was Brick also sowohl von L.A. Confidential, aber auch The Black Dahlia oder Chinatown abhebt, ist die Umsetzung einer klassischen Noir-Story innerhalb eines modernen Backgrounds. Wo in L.A. Confidential genregemäß noch toughe Polizisten am Werk sind, gibt es in Brick höchstens zwei Erwachsene, die aber in die Nebenrollen verbannt werden. Hier spielen Teenager die Hauptrolle, der mächtige Unterweltboss z.B. ist gerade einmal in seinen 20ern.

Die Story aber ist genretypisch kompliziert und hält einige Twists bereit. Einzelgänger Brendan (Joseph Gordon-Levitt) versucht den Mord an seiner Ex-Freundin aufzuklären. Mit Hilfe seines Kumpels Brain (Matt O'Leary) gerät er immer tiefer in die Abgründe der "high school-Gesellschaft", die von Erniedrigung und Gewalt gekennzeichnet ist.

Der Clou: alle Charaktere verhalten sich wie Noir-Figuren, wie zynische Erwachsene. Gordon-Levitt scheint daher auch die Teenagerversion einer Mischung aus Philip Marlowe und Jack Gittes zu sein. In diesem Punkt besteht nun die Ähnlichkeit mit Down with Love: die bewusste Künstlichkeit. Das Verhalten- oder besser- die Dialoge der Figuren sind detailgetreu an die Sprache in den Streifen der 40er und frühen 50er angelehnt. Down with Love ist ebenfalls eine Genrehommage, die durch ihre Übertreibung und Ironie von vornherein darauf hinweist.

In Brick gibt es auch selbstironische Hinweise auf die eigene Natur, etwa wenn plötzlich die Mutter des psychopathischen Unterweltbosses Pin (Lukas Haas) auftaucht und den sich grimmig gegenübersitzenden Gästen Saft anbietet ("Country Style!"). Diese Art des Kommentars nimmt jedoch nie überhand, nie wird der Film oder seine Story ins Lächerliche gezogen. Hier ähnelt er eher L.A. Confidential, denn er nimmt sich selbst und seine Charaktere ernst. Dank der Schauspieler, die trotz ihrer Jugend die geistig erwachsenen Figuren glaubwürdig darzustellen in der Lage sind, verkommen die Noir-Stereotypen nie zur Parodie.

So bildet die high school letztendlich einen logischen Hintergrund mit all ihren Cliquen und Hierarchien. Der atmosphärische Score widersetzt sich glücklicherweise dem Trend, einen melancholischen Song nach dem anderen abzuspulen und passt hervorragend zum Gesamtkonzept des Films. In seiner Künstlichkeit mag Brick gewöhnungsbedürftig sein, doch wenn man sich auf die intelligenten und nicht selten witzigen Dialoge, sowie den Genremix einlässt, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass man einen der innovativsten und nicht zuletzt besten Indiefilme der letzten Jahre zu sehen bekommt.
Was bleibt noch zu sagen?
"I'll see you at the Parent-Teacher conference!"


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