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Duell (1971)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 13.02.2018, seitdem 45 Mal gelesen



Der Werdegang von Steven Spielbergs „Duell“ ist schon legendär: Ursprünglich ein Fernsehfilm, von Richard Matheson nach eigener Vorlage verfasst, der so gut ankam, dass er später noch um ein paar nachgedrehte Szenen verlängert ins Kino gebracht wurde und damit Spielberg Wege zur Großleinwand öffnete.
Obwohl der große Lauf des Backwoodgenres erst in den Folgejahren mit „Deliverance“, „The Hills Have Eyes“ und TCM kommen sollte, so taucht in „Duell“ schon eines jener Motive auf, die genau dieses Genre auszeichnen: Begibt der Amerikaner sich vom trauten Heim in der Vorstadt in die Wildnis, und sei es nur die Wildnis der Landstraße, dann kann ihm dort Übles widerfahren. Genau das bebildert die Creditsequenz, die eigentlich nur untermalt wie Handelsvertreter David Mann (Dennis Weaver) von Zuhause aus losfährt, mit jedem zurückgelegten Kilometer sich erst von den Wohngebieten, danach von den Geschäftsstraßen entfernt und schließlich auf dem Highway durchs ländliche Amerika landet.
Um in Teufels Küche zu landen, muss David aber noch nicht einmal viel falsch machen: Er hupt einen LKW bei einem Überholmanöver an. Doch der macht von da an Jagd auf ihn und lässt sich nicht abschütteln…

Obwohl „Duell“ auf der weiten Landstraße spielt, hat er etwas Reduziertes, Kammerspielartiges – bis auf ein paar Szenen bleibt David immer in seinem Auto und ist eigentlich auch die einzige Figur von Bedeutung. Eine Herausforderung, die Dennis Weaver hervorragend meistert. Er spielt den Kleinbürger, der sich am Steuer seines Wagen groß fühlt und auch sonst kein Mensch mit besonders viel Rückgrat ist, als unheroischen Helden; einen, der wider Willen in einen Überlebenskampf gezogen wird, dabei über sich selbst hinauswachsen muss und eher durch die Situation als durch sein Wesen zum Träger von Empathie, wenn auch nicht unbedingt Sympathie wird. Man hält David vielleicht nicht für einen tollen Typen, aber die Verfolgung durch den LKW-Fahrer bis hin zum Mordversuch hat er nicht verdient.
Wobei man den Fahrer nie sieht, meist nur dessen Arm im offenen Fenster des LKW. Aber genau das ist der Clou an dem Antagonisten: Fast erscheint es so als verfolge kein Mensch den Handelsvertreter, sondern eine dämonische Maschine, ganz ohne menschliches Zutun – schließlich erscheint schon der Terror durch den Truckfahrer nahezu grundlos. Durch diese Abstraktion ist es letztendlich auch nicht so wichtig, ob es nun realistisch ist, dass der massive LKW Davids Auto immer wieder einholt. Wobei der Film sich immer bemüht Gründe dafür zu finden, warum der LKW aufholt: Abschüssige Straßen, auf denen sein Gewicht ihm mehr Beschleunigung verschafft, technische Defekte an Davids Auto und dergleichen. Doch letztendlich sind sie egal, ebenso egal wie die Frage nach der Motivation, warum der LKW-Fahrer so viel Zeit und Kraft drauf verschwenden sollte David zu jagen – das Böse ist eine Art abstrakte Kraft, wichtig ist nur, dass sie da ist und nur durch Davids Zutun aus der Welt zu schaffen.

Und so verfolgt man gebannt das Martyrium eines Mannes, der fast stets in seinem Auto eingeschlossen ist, was Spielberg auch filmisch durch eine Inszenierung, die genau auf den Punkt ist: Subjektive Einstellungen, etwa beim Blick in den Spiegel, wechseln sich mit Nahaufnahmen ab, die Davids Anspannung verdeutlichen, während Totalen und andere Einstellungen aus größerer Entfernung die Geschwindigkeit und die Entfernung der beiden Fahrzeuge voneinander verdeutlichen. Auf den Punkt montiert holt Spielberg ein Höchstmaß an Spannung aus dieser einfachen Situation heraus, lässt sie nach und nach eskalieren, bis zum Showdown, der auch keine Sekunde zu spät kommt, sind die Möglichkeiten doch begrenzt, was man aus dieser reduzierten Prämisse machen kann – aber so kommt „Duell“ entschlackt von allem Ballast daher, keine 90 Minuten lang, aber hoch konzentriert und fokussiert.
Durch diesen Fokus bleibt zum einen David der Jedermann im Mittelpunkt des Interesses, zum anderen erscheint er stets isoliert, obwohl es andere Leute und andere Fahrzeuge gibt. Doch beim Zwischenstopp in einem Diner, der einzigen längeren Szene außerhalb von seinem Auto, kann David nichts ausrichten: Der LKW steht vor der Tür, der Fahrer ist wahrscheinlich im Diner, aber es könnte jeder der ähnlich aussehenden Besucher sein. Und David kann sich kaum artikulieren, keine Hilfe holen, sondern doch nur wieder fliehen – wahlweise ein Zeichen für das Zweifeln an seinem Verstand oder eben die übernatürliche Qualität des Verfolgertrucks, den man mit solch vermeintlich einfachen Lösungen nicht entrinnen kann.

So spielt Spielberg bereits in diesem Frühwerk geschickt mit den Ängsten des Zuschauers, vor allem der Angst aus banalen bis nicht nichtexistenten Gründen in den Fokus von etwas Unaufhaltsamem, etwas Bösem zu geraten, dem man nicht mit den Werkzeugen der Zivilisation beikommt. Das ist simpel, reduziert und abstrakt, aber gerade in dieser einfachen Formel unheimlich effektiv. Man kann Parallelen zwischen dem LKW und dem titelgebenden Raubfisch aus Spielbergs folgendem Megahit „Der weiße Hai“ ziehen, wo der Regisseur seine inszenatorische Kunst noch weiter verfeinerte.


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