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Unendliche Geschichte, Die (1984)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 25.12.2011, seitdem 505 Mal gelesen



Achtung: Stark persönlich geprägte Filmkritik!

1984, drei Jahre nach seinem Meisterwerk „Das Boot“, erschien Wolfgang Petersens von Bernd Eichinger produzierter Fantasy-Film „Die unendliche Geschichte“ nach dem beliebten Roman Michael Endes. Es handelt sich um eine deutsch-amerikanische Koproduktion, die eindeutig auf einen breiten internationalen Markt ausgerichtet wurde und den Übergang Petersens zum Hollywood-Mainstream-Regisseur markiert.

Mein Verhältnis zur „unendlichen Geschichte“ ist ein etwas Besonderes. So war es mir zu Kindheitstagen nicht vergönnt, diesen Film einmal zu sehen, obwohl mich bereits der kurze Ausschnitt der Flugdrachenszene, die, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, im Vorspann der Tele-5-Sendung „Cinema“ zu sehen war, faszinierte und neugierig machte. Irgendwie ergab es sich aber nie und mit dem Älterwerden verlor ich sämtliches Interesse an Fantasy-Themen und widmete mich lieber dem beinharten Horror. So kam es, dass ich mir nicht einmal eine vermutlich von meinen Eltern angefertigte TV-Aufzeichnung ansah. Jene VHS-Kassette fiel mir aber vor einiger Zeit in die Hände und nachdem ich mir im Alter von 30 Jahren auf Drängen meiner damaligen Freundin tatsächlich zwei (andere) Bücher Endes durchlas, wuchs mein Interesse. Also flugs die VHS-Aufnahme digitalisiert und… monatelang die Vorfreude genießen, ähem. Nachdem ich aber kürzlich „Das Boot“ sah, gab es kein Halten mehr und ich tauchte endlich in die Welt Phantásiens ein.

Und als mit der Thematik weitestgehend Unbeflecktem, der das Buch nicht kennt, wurde ich zunächst Zeuge eines typisch US-amerikanischen Auftakts, der diese schöne 1980er-Großstadt-Atmosphäre bietet, wie ich sie in vielen Filmen jener Dekade sicherlich etwas nostalgisch verklärt schätze. Der von seinen Mitschülern drangsalierte Bastian Bux (!) flüchtet sich in ein Buchantiquariat, wo der zunächst unfreundliche und abweisende Inhaber ihm von der „unendlichen Geschichte“ erzählt, nachdem Bastian ihn mit seiner Belesenheit beeindrucken konnte. Dabei handelt es sich um ein geheimnisvolles, nicht ganz ungefährliches Buch, das Bastian in einem unbeachteten Moment stibitzt und statt in die Schulstunde zu gehen sich auf den Schuldachboden zurückzieht, um ungestört darin lesen zu können. Er liest, dass das Land Phantásien vom Nichts bedroht wird, die Kindliche Kaiserin unter einer seltsamen Krankheit leidet und der junge Krieger Atréju versucht, beide zu retten. Bis er erkennt, dass Realität und Fiktion miteinander zu verschmelzen scheinen und er selbst zum Teil der „unendlichen Geschichte“ wird…

Der überwiegende Teil des Films zeigt dabei die Vorgänge in Phantásien, einer Fantasy-Welt in beeindruckenden Kulissen, besiedelt mit außergewöhnlichen Kreaturen, die in guter, alter Handarbeit erschaffen wurden, so dass sie auf eine Weise plastisch wirken, wie es keine Computertechnik zu bewirken vermag. Liebevoll modellierte Gestalten, die sich insbesondere in ein kindliches Gedächtnis einbrennen dürften und faszinieren. Und mittendrin Atréju, äußerlich ein kleiner Junge, aber ausgestattet mit dem Herz eines tapferen Kriegers, der dem Geheimnis um das alles verschlingende Nichts auf den Grund geht und ein Abenteuer nach dem anderen zu bestehen hat. Zwischendurch wird immer wieder Bastian gezeigt, wie er immer weiter in den Sog des Buches gerät, mitfiebert, mitleidet, sich von der Geschichte ergriffen zeigt und nicht mehr loslassen kann. Dabei schlägt die allein schon durch die wundervolle Optik fesselnde Mär immer wieder unerwartete Haken in ihrem Ablauf und bezieht Bastian immer stärker mit ein, bis er begreift, dass der Ausgang der „unendlichen Geschichte“ von seinem Mitwirken abhängig ist, dass es sich bei Phantásien um nichts Geringeres als die menschliche Phantasie handelt.

Und nicht nur die liebevoll und voller Sorgfalt gestalteten Kulissen, Masken, Geschöpfe und Trickeffekte wie der bereits eingangs erwähnte Flugdrachenritt sind es, die die Verfilmung zu einem Hochgenuss machen. Es sind die humorvollen Charakterisierungen der skurrilen und schrulligen Figuren, es sind die fabelhaften Jungdarsteller Barret Oliver als Bastian, aber insbesondere Noah Hathaway als Atréju und die ebenso niedliche wie bezaubernde Tami Stronach als Kindliche Kaiserin, es ist die sinnesschmeichelnde Kameraführung Jost Vacanos („Supermarkt“, „Das Boot“) und es ist das flotte Erzähltempo, das glücklicherweise nicht versucht, ein langatmiges Fantasy-Epos zu suggerieren. Dennoch verliert die Handlung nicht an Niveau und behält ihre aufregende Prämisse eines wirklich alles entscheidenden Kampfes bei.

So paradox es klingen mag, aber „Die unendliche Geschichte“ ist ein Plädoyer für die Buchkunst – in Filmform. Aus der ablehnenden Haltung des Buchhändlers wird bereits deutlich, dass man eine zunehmende Interessenlosigkeit der Jugend am gedruckten Wort fürchtet und – unzulässig pauschal – andere Medien wie beispielsweise Videos dafür mitverantwortlich macht. „Die unendliche Geschichte“ zeigt eindrucksvoll, wie viel Begeisterung ein gutes Buch hervorrufen und wie viel es einem geben kann. Ganz allgemein wird dazu aufgerufen, sich kindliche Begeisterungsfähigkeit für das Phantastische zu bewahren, an seinen Träumen festzuhalten und auf die Kraft der Imagination zu setzen, um nicht an der harten Realität zu verzweifeln oder durch reinen Konsum abzustumpfen. Eine Aussage von hoher Bedeutung für Jung und Alt – um eine junge Generation auf den richtigen Weg zu verhelfen und die Älteren an ihn zu erinnern. Deshalb ist der Film keinesfalls als reiner Kinderfilm zu betrachten, im Gegenteil: Manch konsequente Härte könnte ein allzu junges Publikum verstören und verschrecken. So wird hier tatsächlich gestorben und es fließt Blut, manch Kreatur ist sicherlich zu gruselig für den ruhigen Kinderschlaf.

Für die musikalische Untermalung zeichnet wie bereits bei „Das Boot“ Klaus Doldinger verantwortlich. Selbst als eingefleischter US-Mainstream-Kritiker muss ich aber konstatieren, dass diese nicht mit der in der US-Version wunderschönen Melodie, „Neverending Story“ gesungen von Limahl, mithalten kann. Ja, dieses Lied habe ich bei Sichtung der deutschen Fassung schmerzlich vermisst. Während des Flugdrachenritts, jener wichtigen Szene, wirkt Doldingers modernistische, klinische Musik gar störend.

Ansonsten ist „Die unendliche Geschichte“ aus meiner aufgrund meiner Unkenntnis der Romanvorlage vorsichtig formulierten Sicht der nahezu perfekte Spagat zwischen einer Geschichte von in ihrer Bedeutung epischen Ausmaßes und unterhaltsamer Kurzweiligkeit, zwischen Anspruch und Mainstream, zwischen Konsumkritik und Big Budget, zwischen Anregung der Phantasie des Zuschauers und effektreichem, großem Kino gelungen, dem ich besonders zugute halte, dass der von mir gefürchtete Fantasy-Kitsch-Overkill stets umgangen wird. Weniger begeistert zeigte sich – wie so häufig bei Literaturverfilmungen – der Autor des Romans. Anscheinend war sie ihm zu „unEND(E)lich“ (entschuldigt...), möglicherweise zugunsten des Kinomediums zu stark verfremdet oder abstrahiert. Vielleicht ist der Buchhändler aber auch einfach ein Alter Ego Michael Endes, dem es grundsätzlich nicht ganz behagt, wenn Kinder lieber vor der Mattscheibe sitzen, als Bücher zu wälzen.

Genug der Spekulation; Tatsache ist, dass ich die überfällige Sichtung dieses Films in allerhöchstem Maße genossen habe und ich es bereue, ihn nicht bereits als Kind gesehen zu haben. Danke, Michi, Wolle und Bernd für diesen inspirierenden modernen Klassiker.


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