Übersicht über das Genre Stummfilm

Stummfilm: Film ohne zusätzlich zum Bild aufgezeichnete Tonspur, der die Filmgeschichte von ihren Anfängen bis Ende der 20er Jahre dominierte. Der Stummfilm wurde in den seltensten Fällen stumm aufgeführt: kommentierende Erzähler und vor (Weiterlesen) allem Musiker begleiteten die Aufführungen in der Regel. Eine der populären Ausnahmen stellt dagegen Dreyers "La Passion de Jeanne d'Arc" (1928) dar, der im Sinne Dreyers vollkommen stumm aufgeführt worden ist. Abgelöst wurde der Stummfilm zwischen Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre vom Tonfilm: dass während dieser Zeit ebenfalls der Begriff des Sprechfilms – in Analogie zum talkie oder all talkie im engl. Sprachraum – gebräuchlich war,[1] weist indirekt auf den tönenden Charakter von Stummfilmaufführungen hin. Charakteristisch für den Stummfilm – im Gegensatz zu den frühen Tonfilmen – ist der Umstand, dass die s/w-Aufnahmen oftmals viragiert oder – gerade im Fall von Kurzfilmen – sogar handcoloriert präsentiert worden sind. Mindestens 4/5 aller Stummfilme gelten als verschollen.

Die Art und Weise der Präsentation von Stummfilmen schwankte erheblich: teilweise begleitete ein komplettes Orchester – nach extra für den Film zusammengestellten Partituren (teilweise eigener Kompositionen) – die Aufführungen, was gerade bei groß produzierten und als gesellschaftliches Ereignis beworbenen Produktionen der Fall war ("Birth of a Nation" (1915)), teilweise kamen Kinoorgeln zum Einsatz, teilweise improvisierten einzelne Pianisten unterschiedlichsten Talents im Kinosaal nach Lust & Laune;[2] zugleich wurden aber auch Grammophone oder Phonographen zur musikalischen Begleitung eingesetzt. Gerade in der frühen Filmgeschichte war die Musikbegleitung nicht allein ästhetisch motiviert, sondern auch durch das Vorhaben, "die Geräusche der Projektionsapparatur zu übertönen"[3]. Erzähler waren vor allem in der Frühzeit des Kinos üblich, als die starke Verknappung von Handlungen in Kurzfilmen bei gleichzeitig noch nicht voll entfalteten Erzählkonventionen (und einem Fehlen noch nicht vollständig etablierter Zwischentitel bzw. Texttafeln) erläuternde Kommentare geradezu notwendig erscheinen ließ, da "die Filme selbst lange nur Ketten einzelner Schlüsselsituationen präsentierten, meist in Form visueller Tableaus, die mit statischer Kamera frontal aufgenommen waren."[4] Heutzutage liegen Stummfilme auf DVD/BR meist mit neu eingespielten Originalkompositionen & neuen Kompositionen vor; im Falle früher Kurzfilme existieren vielfach auch eingesprochene Kommentarspuren, die nicht mit den gängigen Audiokommentaren zu verwechseln sind.
Bereits früh kam es zu Optimierungsversuchen des Bestrebens, dem Film eine akustische Begleitung zukommen zu lassen: O. Meßter widmet sich 1903 seinen Biophon-Versuchen und H. Vogt beschäftigte sich seit 1905 mit den Möglichkeiten einer Tonfilm-Technik. Der erste Lichtton-Film – spätestens ab Beginn der 30er die gängigste Tonfilm-Technik – erlebt seine Uraufführung bereits 1921 in Schweden und geht auf den Erfinder S. Berglund zurück. H. Vogt bringt es mit seiner Lichton-Technik ab Dezember 1922 zu frühen Tonfilmvorführungen ("Der Brandstifter" (1922)), von denen "Das Leben auf dem Dorfe" (1923) heute als einzig – wenngleich fragmentarisch – erhaltener gilt. Das kostspielige Verfahren und das Problem der Synchronisation zwecks internationaler Verbreitung schieben einer Etablierung dieser Technik jedoch den Riegel vor. Erst der Erfolg von Nadelton-Filmvorführungen durch Warner Bros. im Jahr 1926 und ganz besonders ihr erster Nadelton-Spielfilm "The Jazz Singer" (1927) führt das allmähliche Ende des Stummfilms in den kommenden drei bis acht Jahren herbei. Fortan setzt sich aber vor allem das auf Vogt zurückgehende Lichttonverfahren unter W. Fox durch.
Das Aufkommen des Tonfilms wird während der Umbruchphase von Filmkritik & Filmschaffenden teilweise skeptisch bis widerwillig verfolgt & kommentiert; Chaplin, der sich nur zögerlich dem Tonfilm zuwendet und noch in "Modern Times" (1936) mit Elementen der Stummfilmästhetik arbeitet, lehnte den Tonfilm lange entschieden ab und prophezeite noch 1931: "Ich geben den talkies noch sechs Monate. Höchstens ein Jahr. Dann sind sie erledigt."[5] Radikaler als Chaplin, der in "Modern Times" den Stummfilm mit den Mitteln des Tonfilms feiert, legt J. S. Watson mit dem Tonfilm "Tomatos Another Day" (1930) eine deutliche, heute kurzsichtig anmutende Kritik am Tonfilm vor. Arnheim verteidigt zwar in "Film als Kunst" den Tonfilm als berechtigte Filmform gegenüber den Vorwürfen eines kommerziellen Ausverkaufes der Filmkunst auf Kosten des Stummfilms, wenngleich auch er die umfassende Verdrängung des Stummfilms durch den Tonfilm bedauert, diskreditiert allerdings den "reine[n] Sprechfilm"[6], der "mit Filmkunst nichts zu tun"[7] habe.[8]
Nicht bloß der Stummfilm wurde ab 1927 immer stärker vom Tonfilm abgelöst, sondern auch zahlreiche Filmschaffende selbst erlebten diesen Wechsel als bedrohlich: den Umschwung von einem gestischen & mimischen Schauspiel zu Sprechrollen konnte nicht jeder Filmstar meistern (wie P. Negri oder E. Jannings),[9] während ambitionierte Regisseure ihre letzten Stummfilmwerke in einer Zeit der Konzentration der Produzenten auf den Tonfilm nicht mehr in geplanter Form verwirklichen konnten; so wurde etwa von Stroheims "Queen Kelly" (1928) mitten in der Produktion vorzeitig und entgegen den Intentionen von Strohheims zu einem Ende gebracht. Anderen ambitionierten Stummfilmen wurde bei ihren Aufführungen nur noch eine geringe Aufmerksamkeit zuteil. Während der Tonfilm den Stummfilm abzulösen beginnt – im osteuropäischen & asiatischen Bereich dauert dieser Wechsel noch bis Mitte der 30er an –, entstehen vermehrt Filme, bei denen die Grenze zwischen Stumm- und Tonfilm nicht mehr trennscharf zu ziehen ist: in dieser Phase des Übergangs zeigt sich erst die Schwierigkeit, den Stummfilm eindeutig zu definieren. In "The Jazz Singer" nehmen Dialoge nur einen Bruchteil der Laufzeit ein, während der Einsatz von Zwischentiteln überwiegt. Ein- und derselbe Film wird als Ton- & Stummfilmfassung vermarktet ("The Thirteenth Chair" (1929)), als Stummfilm geplanten & gedrehten Filmen wird nachträglich eine Tonspur aus Musik & spärlicher Geräuschkulisse auferlegt ("Where East is East" (1929)), Stummfilme erhalten eine Tonfilm-Rahmenhandlung („Prazdnik svyatogo Yorgena“ (1930)), während mancher Filmemacher (z.B. Chaplin) zwar das Lichtton-Verfahren aufgreift, um damit dennoch Filme in Stummfilmästhetik (wenn auch mit fester Musik- & Geräuschspur) anzufertigen. Diese Uneindeutigkeit durchzieht vor allem jüngere Filme, die im Zeitalter des Tonfilms auf eine Stummfilmästhetik zurückgreifen: "Silent Movie" (1976) – ein Farbfilm – enthält eine feste Musikspur, aber keinerlei Dialoge (nur einmal spricht Pantomime M. Marceau das einzige Wörtchen "Non!"), G. Maddin verzichtet in zahlreichen Filmen auf Geräusche oder Dialoge und setzt einzig auf die Musikbegleitung und Zwischentitel, "The Artist" verfährt lange Zeit ebenso, um sich am Ende jedoch als talkie auszuweisen. Weitere Filme in mehr oder weniger stark ausgeprägter Stummfilm-Ästhetik der jüngsten Zeit stammen von H. Achternbusch ("I Know the Way to the Hofbräuhaus" (1991)), J. Brabec ("Kravý román" (1993)), A. Kaurismäki ("Juha" (1999)), A. Leman ("The Call of Cthulhu" (2005)), F. Potente ("Der die Tollkirsche ausgräbt" (2006)), M. de Oliveira ("Rencontre unique" (2007) oder P. Berger ("Blancanieves" (2012)).
Nicht immer lässt sich diese Stummfilm-Ästhetik einwandfrei von Experimental- & Musikfilmen ohne jede diegetische Tonquelle unterscheiden (etwa P. Portabellas "Vampir Cuadecuc" (1971), der dann aber in seinem Epilog einen langen Monolog enthält). Aus technischer Sicht handelt es sich freilich bei keinem dieser Filme um einen Stummfilm, da die den Tonfilm charakterisierende synchrone Wiedergabe aufgezeichneter Bild- & Ton-Informationen gegeben ist, während die Ästhetik oftmals der Stummfilmästhetik entspricht. Von einer Stummfilm-Ästhetik weichen solche Werke allerdings ab, wenn – wie in "The Artist" – der Film Dialoge enthält und somit eher einen talkie bzw. part talkie darstellt, oder wenn – wie bei Portabella – die Musikspur auf ein experimentelles, die Beziehung von Bild und Ton thematisierendes Verhältnis zur Bildebene abzielt.

1.) In den frühen Filmtheorie setzt sich allerdings schnell der Begriff des Tonfilms durch, etwa in B. Balázs' "Der Geist des Films" (1930). (Vgl. Balázs: Der Geist des Films. Suhrkamp 2001; S. 113-144.) R. Arnheim behandelt den Sprechfilm in "Film als Kunst" (1932/1974) einerseits ganz klar als Unterkategorie des Tonfilms, beschreibt den Tonfilm aber andererseits als Gebiet zwischen zwei Grenzen: "Die eine Grenze verkörpert der extreme Sprechfilm, die andere der stumme Film" (Arnheim: Film als Kunst. Fischer 1979; S. 256).
2.) Vgl. Kracauer: Theorie des Films. Suhrkamp 1985; S. 190.
3.) Filmlexikon 3: Filme T-Z. Rowohlt 1984; S. 675.
4.) Schweinitz: Stummfilm. In: Koebner: Sachlexikon des Films. Reclam 2007; S. 696.
5.) Zitiert nach: Robinson: Chaplin. Sein Leben. Seine Kunst. Diogenes 1993; S. 537.
6.) Arnheim: Film als Kunst. S. 256.
7.) Arnheim: Film als Kunst. S. 262.
8.) Noch in den 60ern wird S. Kracauer, der mit seiner realistischen Tendenz der formgebenden Tendenz Arnheims eher gegenĂĽbersteht, in seiner "Theory of Film" (1960) ebenfalls filmische und unfilmische Verwendungen des Tons kategorisieren. (Vgl. Kracauer: Theorie des Films. S. 147-213.)
9.) "Singin' in the Rain" (1952) oder "The Artist" (2011) widmen sich später solchen Schicksalen.

Weitere Literatur zum Stummfilm:
Balázs: Der sichtbare Mensch. Suhrkamp 2001.
Brennicke/Hembus: Klassiker des Deutschen Stummfilms 1910-1930. Goldmann 1983.
Brownlow: Hollywood: The Pioneers. Knopf 1980.
Dahlke/Karl (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933.
Eisner: Die dämonische Leinwand. Kommunales Kino Frankfurt 1979.
MĂĽller: Vom Stummfilm zum Tonfilm. Fink 2003.
Toeplitz: Geschichte des Films. Band 1: 1895-1928. Henschel 1992.
Toeplitz: Geschichte des Films. Band 2: 1928-1933. Henschel 1992.
(Weniger)


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Die besten Filme des Genres (nach Benutzerwertungen)

Die folgende Übersicht listet die 100 besten Filme des Genres auf. Die ungewichtete Note finden Sie in kleinerer Schrift neben der gewichteten Note; die kleine Zahl in Klammern stellt den globalen Platz in der Rangliste dar (nicht bei Serien).

Platz     Film     Note   Stimmen
1.  (95)Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens 8.24  8.38 620
2.  (168)Metropolis 8.05  8.26 521
3.  (339)Cabinet des Dr. Caligari, Das 7.78  8.09 277
4.  (375)Nibelungen: Siegfried, Die 7.72  8.39 140
5.  (498)Nibelungen: Kriemhilds Rache, Die 7.60  8.33 119
6.  (599)Passion der Jungfrau von OrlĂ©ans, Die 7.53  8.47 89
7.  (631)Goldrausch 7.51  7.85 243
 Sonnenaufgang 7.51  8.31103
9.  (660)Panzerkreuzer Potemkin 7.49  7.92 193
10.  (830)Andalusischer Hund, Ein [Kurzfilm] 7.38  7.61 334
 Faust - Eine deutsche Volkssage 7.38  8.15100
 Mann mit der Kamera, Der 7.38  8.3084
13.  (882)Reise zum Mond, Die [Kurzfilm] 7.36  7.78 180
 Vagabund und das Kind, Der 7.36  7.79174
15.  (964)Dr. Mabuse, der Spieler, 1. Teil - Der groĂźe Spieler 7.32  8.03 104
16.  (1010)General, Der 7.30  7.82 138
17.  (1079)Hexen 7.27  8.12 84
18.  (1317)Letzte Mann, Der 7.18  7.91 91
19.  (1641)Dr. Mabuse, der Spieler, 2. Teil - Inferno 7.07  7.88 75
20.  (1935)Circus 6.99  7.77 74
21.  (2014)Fuhrmann des Todes, Der 6.97  7.95 57
22.  (2093)Berlin - Die Sinfonie der GroĂźstadt 6.95  8.00 53
23.  (2184)Golem - Wie er in die Welt kam, Der 6.93  7.45 104
24.  (2471)Laurel & Hardy - Das groĂźe Geschäft [Kurzfilm] 6.86  7.61 67
25.  (2677)Phantom der Oper, Das 6.82  7.68 57
 Dick und Doof - Die Sache mit der Hose [Kurzfilm] 6.82  7.6757
27.  (2735)MĂĽde Tod, Der 6.81  7.65 57
 Call of Cthulhu, The 6.81  7.5070
29.  (2797)Mieter, Der 6.80  7.15 112
30.  (3198)Intoleranz 6.73  7.62 50
31.  (3245)Frau im Mond 6.72  7.46 59
32.  (3942)Verlorene Welt, Die 6.61  7.16 70
 Ben Hur 6.61  7.2065
 StĂĽrmische Zeiten 6.61  7.3056
35.  (4207)GroĂźe Eisenbahnraub, Der [Kurzfilm] 6.57  6.97 92
36.  (4569)Mel Brooks letzte VerrĂĽcktheit: Silent Movie 6.52  6.75 149
37.  (5437)Dick und Doof - Das unfertige Fertighaus [Kurzfilm] 6.40  6.96 50
38.  (6513)Geburt einer Nation 6.26  6.59 63
39.  (7029)Frankenstein [Kurzfilm] 6.20  6.53 53


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